Darum gehts
Alarmstimmung in Europa: Die iranische Bedrohung ist grösser, als man bisher glaubte. Laut Geheimdienstberichten hatten die Revolutionsgarden bereits Vorbereitungen getroffen, um mit Raketen europäische Ziele anzugreifen. Gestoppt wurde der Schlag offenbar von gemässigten iranischen Kräften.
Die bange Frage lautet: Haben die Revolutionsgarden ihren Angriffsplan aufgegeben oder nur verschoben? Sicher ist, dass sich Europa aufstellen muss. Denn es gibt Szenarien, bei denen es brenzlig werden kann.
Die Pläne aufgedeckt haben amerikanische und israelische Nachrichtendienste. Ihnen gemäss sollten iranische Angriffe den europäischen Staaten zeigen, welche Folgen ihre Unterstützung amerikanischer und israelischer Militäroperationen haben könnte.
Konkret ins Visier genommen haben die Revolutionsgarden laut der «Financial Times» zwei Ziele: den amerikanischen Stützpunkt Besmer in Bulgarien, wo Tankflugzeuge stehen, und den britischen Stützpunkt Akrotiri auf Zypern, der bereits im März mit einer Drohne angegriffen worden war.
Der Bericht über diese konkreten Angriffspläne versetzt Europa in Alarmbereitschaft. So fährt etwa Griechenland seine Luftverteidigung weiter hoch und prüft auch die Verlegung einer Patriot-Batterie zum US-Stützpunkt Souda auf Kreta. Das zeigt: Athen schliesst eine Ausweitung des Iran-Kriegs auf Europa nicht mehr aus.
Iranische Raketen reichen weit
Auch wenn die Amerikaner und Israelis die iranischen Stellungen seit Ende Februar massiv unter Beschuss genommen haben, ist das Potenzial an Raketen und Drohnen immer noch beträchtlich. Die jüngsten Berichte gehen davon aus, dass der Iran wieder gegen 75 Prozent des Vorkriegsniveaus erreicht hat. In Zahlen dürften das über 2000 Raketen und Tausende von Drohnen sein. Sofern die Produktion voll läuft, steigen die Zahlen laufend an. Das alles auch dank der Hilfe aus Russland und China.
Die iranischen Kurzstreckenraketen haben eine Reichweite von einigen Hundert Kilometern, Waffen der Shahab-3-Familie bis zu 2000 Kilometern. Nahostexperte Reinhard Schulze (73): «Der Angriff auf den US-Stützpunkt Diego Garcia im Indischen Ozean im März zeigte, dass iranische Raketen das Potenzial haben, Ziele in 4000 Kilometern zu erreichen – wenn auch die Treffsicherheit hinter den Erwartungen liegt.»
Offenbar baut der Iran zudem an einer Monster-Rakete. 2019 warnten europäische Staaten den UN-Sicherheitsrat, dass der damalige Start eines iranischen Satellitenträgers mit der Entwicklung einer Interkontinentalrakete «eng verbunden» sei. Diese hätte eine Reichweite von über 5500 Kilometern.
Das Risiko eines Schlages
Eine staatlich verordnete Attacke auf militärische Ziele in Europa erachtet Schulze zwar zurzeit als eher unwahrscheinlich. Doch er warnt: «Zwei Faktoren könnten zu Angriffen führen: wenn die USA und die Israelis den Krieg wieder eskalieren lassen oder wenn Kommandanten der Revolutionsgarden – wie schon früher – eigenmächtig operieren und ihrerseits eine Eskalation erzwingen wollen.»
Zu einer Eskalation käme es zum Beispiel, wenn die USA Bodentruppen einsetzen würden. «Dann könnten weitere südosteuropäische Standorte wie Basen in Rumänien und Griechenland zu iranischen Zielen werden», sagt Schulze. Dass der Iran Ziele in Mitteleuropa wie die Basis Ramstein in Deutschland angreift und somit auch die Schweiz gefährdet wäre, erachtet der emeritierte Professor für Islamwissenschaften an der Uni Bern als «nicht sehr wahrscheinlich».
Nebst einem direkten Raketenangriff schliessen westliche Sicherheitsdienste asymmetrische Operationen nicht aus. Das könnte zum Beispiel heissen: Attentate auf kritische Infrastruktur wie Energiezentralen und Unterseekabel.
Was taugt Europas Abwehr?
Die grosse Unbekannte im ganzen Bedrohungsszenario ist die europäische Luftabwehr. Zwar ist Europa durch ein digitales Netz der Nato geschützt, das Radardaten erfasst und koordiniert. Sobald eine Rakete im Iran startet, sollten Nato-Radarsysteme die Verfolgung übernehmen und den Abschuss von Abwehrraketen auslösen – etwa in Rumänien, Polen oder auf Schiffen im Mittelmeer.
Das Problem: Das hochkomplexe System ist teuer und nicht für Angriffe von Drohnenschwärmen gerüstet. Zudem ist es nicht kampferprobt. Der deutsche Sicherheitsexperte Ralph D. Thiele sagt: «Bis Europa über eine effiziente Abwehr verfügt, braucht es noch zehn Jahre.» So lange ist Europa mehr oder weniger ungeschützt Aggressionen aus dem Nahen Osten und auch aus dem Osten ausgesetzt.