Darum gehts
Zhana Makhtangishvili (34) krempelt das grüne T-Shirt hoch. Über ihren weissen Bauch ziehen sich Narben. Sie war Leihmutter. Fast ein Jahrzehnt lang. Sie erlebte dabei fünf Kaiserschnitte. Zwei grosse Bauchoperationen. Die letzte Leihmutterschaft hat Zhana nur knapp überlebt. Sie blickt an sich hinunter und sagt: «Mein Körper fühlt sich viel älter an.»
Elene kommt aus dem Badezimmer. Sie ist Zhanas Tochter, 17 Jahre alt. Eine junge Frau mit wachen Augen. Sie kennt die Narben auf dem Bauch ihrer Mutter. Sie hat sie selbst gepflegt. Verbände gewechselt, Blut und Eiter weggewischt. Schon als kleines Mädchen.
Die beiden leben in einem heruntergekommenen Quartier von Tiflis. Die Fassade des Hauses bröckelt. Ihre Wohnung hat zwei Zimmer. Zhana schläft in einem. Elene im anderen. Ein Esstisch, ein Sofa, zwei Liegen. Eine Efeu-Girlande an der Wand.
Zhana hatte nie ein Zuhause. Sie wächst im Waisenhaus auf. Mit 16 wird sie schwanger. Das Waisenhaus wirft sie hinaus. Also verbringt sie die Schwangerschaft auf der Strasse. Sie schläft in Unterführungen, Hauseingängen.
Als Elene zur Welt kommt, beginnt Zhana zu betteln. Wenn sie genug Geld zusammenhat, mietet sie ein Zimmer. Wenn nicht, verbringt sie die Nacht im Internet-Café. Dann sitzt sie vor einem flimmernden Bildschirm, mit Elene auf dem Arm.
Versteckspiel vor der Tochter
So geht es jahrelang. Bis eine Journalistin auf sie aufmerksam wird. Sie publiziert ein Video über Zhana und hilft ihr, eine Wohnung zu finden.
Das Geld aber bleibt knapp. Die Angst vor der Strasse gross. Eines Tages entdeckt Zhana ein Inserat im Internet: «Leihmütter gesucht.» Sie meldet sich, besteht die medizinischen Tests. «Ich rauchte nicht, trank nicht, war kerngesund», erzählt sie.
Das war 2016. Elene ist damals acht Jahre alt. Sie hört, wie ihre Mutter mit der Leihmutterschaftsagentur telefoniert. Sie spürt deren Anspannung, sieht den wachsenden Bauch. Sie weiss, was los ist. Sie weiss, dass Zhana für sie ihren Körper verkauft. Doch sie schweigt, spricht Zhana nicht darauf an. «Ich wollte ihr nicht noch mehr Sorgen machen», sagt sie.
Auch Zhana sagt nichts. Sie versteckt ihr Unbehagen. Manchmal steigt ihr Blutdruck rasant an. Sie leidet unter chronischem Eisenmangel. Wenn die Schmerzen unerträglich werden, schleppt sie sich zur nächsten Metrostation. Erst dort ruft sie die Ambulanz. «Ich wollte nicht, dass Elene die Sirenen hört», erklärt sie.
«Ich schwor mir, es nie wieder zu tun»
Zum Baby in ihrem Bauch wahrt sie Distanz. Immer wieder sagt sie sich: «Das ist nicht mein Kind. Ich tue das für Elene.»
Die Geburt erfolgt per Kaiserschnitt. So will es das Protokoll. Die Ärzte orientieren sich an Zhanas erster Schwangerschaft mit Elene: Auch damals wurde ein Kaiserschnitt gemacht. Es natürlich zu versuchen, ist ihnen zu riskant.
Nach der Operation fühlt sie sich schwach. Ausgezehrt. Die Ärzte raten ihr von weiteren Schwangerschaften ab. Sie sagen, es könnte lebensgefährlich sein. «Ich schwor mir, es nie wieder zu tun», erzählt sie.
Sie sucht sich eine andere Arbeit. Doch das Geld reicht nicht. Bald ist ihr Erspartes verbraucht. Und Zhana bricht ihr Versprechen. In den folgenden Jahren bringt sie als Leihmutter insgesamt zwei weitere Babys und Zwillinge zur Welt. In der Schweiz ist Leihmutterschaft verboten.
Elene schaut zu. Sie flüchtet sich in Hausaufgaben, hat gute Noten und ein grosses Ziel: zu studieren. «Ich will meiner Mutter und mir ein besseres Leben ermöglichen», sagt sie. «Weil sie ihren Körper für mich zerstört hat.»
Vor drei Jahren – die letzte Leihmutterschaft. Zhana wird an der Leber operiert. Sie ist geschwächt. Trotzdem setzen ihr die Ärzte wenige Wochen später einen Embryo ein. «Ich verlor jede Lebensfreude», erinnert sie sich. Nachts quälen sie Albträume. «Ich hatte ständig Angst, den bevorstehenden Kaiserschnitt nicht zu überleben.»
Trotz Wehen schicken Ärzte sie weg
Als die Wehen anfangen, fährt Zhana in die Klinik. Die Ärzte weigern sich, den Kaiserschnitt durchzuführen. Das Risiko ist ihnen zu gross. Sie fürchten, dass Zhana auf dem OP-Tisch verbluten wird.
Stundenlang fährt sie durch Tiflis. Von einem Spital zum nächsten. Eine Frauenärztin hilft ihr schliesslich. Sie bringt das Kind gesund zur Welt. Doch Zhana verliert ihren Uterus und eine Niere. Das Gewebe, sagt man ihr später, sei zu vernarbt gewesen.
Elene wacht am Bett ihrer Mutter. Sie will Zhana aufmuntern. «Aber am Ende war sie es, die mich trösten und beruhigen musste», erzählt sie.
«Habe das Gefühl zu ersticken»
Nach der Notoperation kommt Zhana vorzeitig in die Wechseljahre. Sie hat keine Periode mehr, leidet an Rückenschmerzen. «Und manchmal wird mir plötzlich ganz heiss», erzählt sie. «Dann habe ich das Gefühl, anzuschwellen und zu ersticken.»
Die Leihmutterschaft, sagt sie, habe sie kaputtgemacht. Die Leihmutterschaftsagenturen kümmerten sich nicht um die Gesundheit der Frauen. Zhana murmelt: «Wir Frauen sind nur Brutkästen.»
Mittlerweile arbeitet sie in einem Supermarkt. Nachtschichten, die etwas besser entlöhnt werden. Dennoch reicht das Geld kaum zum Leben.
Elene bewirbt sich an Universitäten, sucht einen Nebenjob. Sie hofft, dass die kleine Wohnung in Tiflis das letzte Zuhause ist, um das Zhana mit ihrem Körper kämpfen musste.