Willkommen im Terminator-Krieg
Braucht die Ukraine bald keine Front-Kämpfer mehr?

Sie kämpfen, schiessen, verminen und transportieren – bluten, frieren oder aufgeben können sie aber nicht. Die ukrainische Armee setzt für gefährliche Front-Missionen zusehends auf die Hilfe von ferngesteuerten Maschinen. Blick hat eine Roboter-Spezialeinheit besucht.
Kommentieren
Die Gefährte können auf Knopfdruck töten, transportieren Material und auch mal verwundete Soldaten.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
Die Zusammenfassung von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast.
War diese Zusammenfassung hilfreich?
Externe Inhalte
Möchtest du diesen ergänzenden Inhalt (Tweet, Instagram etc.) sehen? Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies gesetzt und dadurch Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen lassen.
RMS_Portrait_AUTOR_823.JPG
Samuel SchumacherAusland-Reporter

«Die Terminatoren sind hier, der Schwarzenegger-Film ist Realität. Unsere Männer kämpfen an der Front jetzt gegen Roboter.» Worüber sich der russische Abgeordnete Andrey Svintsov letzte Woche in einem Interview derart ereiferte, klingt wie Science-Fiction. Seit Februar aber ist es in der Ukraine Realität.

Die US-Firma «Foundation Robotics» hat mehrere humanoide Kampfroboter vom Typ «Phantom MK-1» in die Schlacht geschickt. Die 100’000 Dollar teuren Kämpfer aus Metall werden an der Ukraine-Front auf ihre Kriegstauglichkeit geprüft. Sie sind das neueste Instrument im ukrainischen Roboter-Arsenal, mit dem die Armee nach und nach ihre Soldaten ersetzen will. Blick hat eine Roboter-Spezialeinheit nahe der Ukraine-Front besucht und erfahren, weshalb sich selbst Kiews Kämpfer vor ihren maschinellen Kameraden fürchten.

Die temporäre Heimat der futuristischen Fighter und ihrer menschlichen Betreuer ist ein altes Bauernhaus irgendwo im Nirgendwo östlich der Grossstadt Dnipro. Hier werden die Roboter – ältere Modelle, die noch nicht wie Menschen aussehen – gepflegt, geflickt und verbessert. Von hier aus werden sie auf ihren gefährlichen Missionen ferngesteuert.

1/11
Der Offizier «Son» und seine Männer kümmern sich auf einem alten Hof in der Zentralukraine um die neuesten Kämpfer der ukrainischen Armee: selbstfahrende Roboter.
Foto: Hans-Peter Breiter

Über den Hof führt ein Offizier des Ersten Sturmregiments mit dem Kampfnamen «Son» (37), vor dem Krieg Anwalt, stahlblaue Augen. «Ich kämpfe seit vier Jahren in diesem Krieg. 2022 fühlte es sich an, als würden wir mit Pfeil und Bogen gegen Panzer ankämpfen. Jetzt sind die russischen Panzer gefickt», sagt Son.

Die Russen ergeben sich den Robotern

Der Grund für seine martialische Zuversicht steht nebenan in der Scheune. Hier reihen sich – gut versteckt unter Tarn-Blachen und Netzen – mehrere sogenannte UGVs («Unmanned Ground Vehicle», unbemannte Kampffahrzeuge) aneinander. Manche davon können bis zu 500 Kilogramm Munition und Nahrungsmittel ausliefern, andere sind auf den Transport von Verletzten spezialisiert, einige können Minen legen.

Und dann ist da noch «Termit», der Frankenstein unter Sons selbstfahrenden Fightern: ein Raupengefährt mit aufgeschnalltem Browning-Maschinengewehr. Eine fahrende Selbstschussanlage. Ein motorisierter Killer ohne Gewissen und Nervenflattern. Die Zukunft des Krieges. Ferngesteuert von Profis mit Fernsteuerungen, die in Bunkern weitab vom Schlachtfeld über Live-Video-Feeds mitverfolgen, wie die Roboter vorne an der Front ihre tödlichen Missionen erfüllen.

Son erzählt, wie «Termit» vor ein paar Wochen so lange um eine russische Stellung gekurvt sei, bis sich die sieben russischen Soldaten vor lauter Angst ergeben hätten. «Wir sind dann mit einer Drohne hingeflogen und haben die Russen via Lautsprecher zu uns gelotst.» Eine zweite Drohne flog mit und hätte sofort angegriffen, falls einer der Russen auf dumme Ideen gekommen wäre. «Termit» tuckerte artig nebenher.

Mehr als 7000 Einsätze haben die unbemannten Kampffahrzeuge im Januar für die ukrainische Armee geleistet, Tendenz stark steigend. Bis in zwei Jahren – so das strategische Ziel – sollen ferngesteuerte oder gar autonom entscheidende Roboter praktisch alle Front-Aufgaben übernehmen können.

Mehr als zwei Millionen Ukrainer untergetaucht

Wie schlagkräftig sie heute schon sind, zeigte jüngst ein Modell des Kampfgefährts «Droid TW 12.7.» im Dienst der Dritten Sturmbrigade. 45 Tage lang hielt der mit einem Maschinengewehr ausgerüstete ferngesteuerte Roboter eine besonders heftig umkämpfte Frontstellung – unbeschadet.

Und wie spielt da die künstliche Intelligenz mit, will ich von Son wissen. Ernster Blick, hartes Lächeln, kein Kommentar. «Ich sage dir nur: Wir sind mit unseren UGVs deutlich besser als die Russen. Denen sind ihre Leute egal, die lassen sie einfach zu Tausenden draufgehen. Wir aber wollen unsere Männer schützen, indem wir zur Roboter-Armee werden», sagt Son.

Sollte die Ukraine genügend Systeme produzieren und verlässlich einsetzen können, könnte das den Personalmangel in einzelnen Frontbereichen massiv lindern. Der aktuelle Mangel ist gross.

Laut dem ukrainischen Verteidigungsdepartement sind rund 200'000 Soldaten desertiert, etwa zwei Millionen mobilisierte Männer halten sich vor der Militärpolizei versteckt. Eine weitere Absenkung des Wehrdienstalters (momentan bei 25 Jahren) wäre politisch derzeit kaum durchsetzbar. Übernehmen die Roboter den Kriegsdienst, löst sich der Mangel an willigen Männern von selbst.

Unangenehmer Nebeneffekt für die Ukrainer

Einen Nachteil aber haben die stählernen Krieger auf rollenden Füssen für die ukrainischen Kämpfer: Dank der unermüdlichen Transportdienste der ferngesteuerten Frontline-Pöstler verlängern sich die Rotationen der Kämpfer um ein Vielfaches. Wer früher damit rechnen konnte, nach wenigen Tagen vom Schützengraben zurück in die Wärme der Ausruhstationen zu kommen, muss jetzt oft wochenlang «vorne» bleiben.

Die Roboter bringen alles, was es braucht – nur eben nicht den Komfort, auch mal wieder ruhig schlafen, duschen oder gut essen zu können. Son erzählt von einem Soldaten, der ganze 280 Tage auf seiner Position geblieben ist – gut versorgt und doch irgendwie im Stich gelassen.

2026 soll laut der ukrainischen Armee das Jahr werden, in dem die Roboter endgültig den Durchbruch schaffen. Russische Abgeordnete fürchten sich heute schon vor den «Terminatoren». Bald sollen es auch noch mehr russische Soldaten tun.

Was sagst du dazu?
Liebe Leserin, Lieber Leser
Der Kommentarbereich von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast. Noch kein Blick+-Abo? Finde unsere Angebote hier:
Hast du bereits ein Abo?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen