Darum gehts
«Diia» heisst die Wunderwaffe, mit der die Ukraine trotz Krieg und Chaos ihre Verwaltung am Laufen hält. Die App und die gleichnamige Website haben im Kriegsland bereits 14 Millionen Nutzer. Fahrausweis beantragen, Bussen bezahlen, Steuererklärung ausfüllen: All das ist mit der Super-App schnell und unkompliziert möglich.
Seit September 2024 können sich ukrainische Paare sogar digital vermählen lassen. Und noch diesen Monat kommt die digitale Scheidung hinzu. Finanziert wird das Ganze zu grossen Teilen von der Schweiz.
Seit 2015 unterstützt die Eidgenossenschaft die Ukraine bei der Digitalisierung ihrer Dienstleistungen. Bis 2028 finanziert die Schweizer Entwicklungshilfe diverse E-Projekte – unter anderem die «Diia»-App – mit insgesamt 88,2 Millionen Franken.
Der ukrainische Staat kann den Zustupf gut gebrauchen. Nach dem russischen Angriff intensivierte Kiew seine Online-Initiativen noch einmal, um insbesondere den Millionen Vertriebenen und Soldaten auch fernab ihrer Heimatgemeinden Zugang zu staatlichen Services zu ermöglichen.
Firmengründung in zehn Minuten
70 verschiedene Dienstleistungen bietet «Diia» an, darunter auch die weltweit schnellste Online-Firmengründung (10 Minuten) und den weltweit ersten Digital-Pass. Ohne «Diia»-App, das den zeitraubenden Gang zu den Behörden komplett obsolet macht, wäre es den dem angeschlagenen Staat kaum möglich, weiter zu funktionieren.
Wie sehr selbst das Liebesglück im Osten bereits digitalisiert worden ist, zeigt ein Blick in die «Diia»-Statistik. Mehr als 17'000 ukrainische Paare haben sich online bereits vermählen lassen, unter ihnen auch der frühere ukrainische Aussenminister Dmytro Kuleba (44) und seine zweite Ehefrau.
«Gott sei Dank gibts die digitale Hochzeit»
Zu den digital Getrauten gehören auch Sasha (25) und Taras Kowaltschuk (33). «Gott sei Dank gibts die digitale Hochzeit. Nur schon der Gedanke an eine richtige Feier hat mich gestresst», sagt Sasha. «Dank ‹Diia› kamen wir drum herum, all unsere Verwandten einladen zu müssen.»
Die Marketing-Managerin und der Kommunikationsfachmann hatten sich auf der Social-Media-Plattform «Threads» kennengelernt. «Sasha schrieb, sie suche ein Date. Sie wollte eigentlich nur ein paar Likes ergattern. Stattdessen hat sie einen Ehemann gefunden», erzählt Taras beim Telefoninterview in Kiew.
Die «Diia»-Hochzeit ging dann ganz schnell: «Wir haben uns am 18. November 2025 zwischen zwei Work-Calls das Ja-Wort gegeben – in einer Video-Schaltung mit einer Beamtin», erzählt Sasha. Zehn Minuten ging das Ganze, danach gabs ein digitales Hochzeitszertifikat und eine kurze Gratulation. Romantisch? «Naja, das sind standesamtliche Hochzeiten doch eh nie, oder?», sagt Sasha. «Aber: Wir haben uns danach immerhin innig geküsst!»
Bald bietet die ukrainische Super-App auch deutlich weniger liebevolle Dienstleistungen an. Noch diesen Monat will das zuständige Ministerium für digitale Transformation die Online-Scheidung lancieren. Zugelassen ist die «digital divorce» für alle Paare ohne kleine Kinder. Einen Monat nach dem digitalen Scheidungsantrag ist alles rechtskräftig – sofern die Paare die von der App generierte Aufforderung, ob man sich das noch mal anders überlegen wolle, nicht beherzigen.
Ready für russische Cyberangriffe
«Ich möchte diese Funktion für uns für immer blockieren», sagt die frisch verliebte Sasha und lacht. Natürlich aber findet sie es toll, dass das digitale Angebot in der Ukraine weiterwächst. Nur: Irgendwo müsse das Ganze schon Grenzen haben, sagt ihr Gemahl Taras. «Ich kenne das aus meinen Reisen nach China, wo es auch solche Apps gibt, die allerdings noch viel weiter gehen.»
Wenn die Regierung ihre Bürger digitale überwachen und ihnen aufgrund bestimmter Parameter gar gewisse Dienstleistungen verweigern könne, werde es gefährlich. Davor sei die Ukraine gut geschützt, versichern «Diia»-Verantwortliche beim Büro-Besuch in Kiew. «Wir wollen zur benutzerfreundlichsten Verwaltung der Welt werden, nicht zur Datenkrake», sagt Illia Rodin, Chef der «Diia»-Software-Entwickler.
Für den möglichen Ansturm nach der Freischaltung der Online-Scheidung sei «Diia» gewappnet, witzelt Rodin. «Wir bereiten uns rund um die Uhr auf russische Cyberattacken und Stromausfälle vor», erklärt der Software-Chef. «Die mögliche Scheidungswelle werden wir locker überstehen.»