Darum gehts
Vier Jahre Krieg, 1,2 Millionen tote oder verwundete Russen, etwa halb so viele getötete Ukrainer, eine festgefrorene Front: Der Horror in der Ukraine dauert schon bald so lange wie der gesamte Erste Weltkrieg. Keine der beiden Seiten macht den Anschein, als ginge ihr bald die Motivation aus, um weiterzukämpfen.
Auch vier Jahre nach dem russischen Überfall auf das Nachbarland schafft es die russische Propaganda, uns mit fatalen Fehlinfos über das grausige Geschehen im Osten Europas zu verwirren. Blick greift die vier gefährlichsten Irrtümer zum Ukraine-Krieg heraus und klärt auf.
Putin will den Krieg beenden
Istanbul, Doha, Miami, Genf: Die Liste der Orte, an denen sich Russen und Ukrainer in den vergangenen Jahren vis-à-vis gesessen sind, um über einen Frieden zu sprechen, ist lang. Messbare Erfolge (abgesehen von den Gefangenenaustauschen) sind keine zu vermelden.
Das liegt mitunter daran, dass Russlands Präsident Wladimir Putin (73) gar kein Interesse daran hat, den blutigen Konflikt zu stoppen. Er will den Krieg nicht beenden, er will ihn gewinnen. In den Verhandlungen sieht der Kreml-Herrscher ein Mittel, um jene Ziele zu erreichen, die er auf militärischem Weg nicht erreichen kann.
Ein Beispiel: Nach vier Jahren Krieg ist es seiner Armee – der immerhin zweitgrössten der Welt – nicht einmal gelungen, den ukrainischen Donbass einzunehmen. Deshalb versucht Putin nun auf diplomatischem Weg, die Ukrainer zur freiwilligen Aufgabe der von Kiew kontrollierten Gebiete zu bringen.
Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski (48) hatte nicht unrecht, als er kürzlich an der Münchner Sicherheitskonferenz sagte, Putin sei «ein Sklave des Krieges»: Sein System könne ohne den alle internen Probleme übertönenden Kampf gegen den äusseren Feind gar nicht überleben.
Selenski ist korrupt
2025 hat einen der grössten Korruptionsskandale in der europäischen Geschichte zutage gebracht: Ein weit verzweigtes System von ukrainischen Ministern, Beamten und privaten Geschäftsleuten hat die Energiebehörde des Landes zur persönlichen Bereicherung missbraucht und schätzungsweise 100 Millionen Euro in die eigenen Taschen abgezweigt. Der Justizminister und die Energieministerin mussten zurücktreten – und sogar Selenskis rechte Hand Andrij Jermak (54) musste den Hut ziehen.
Besonders unschön: Kurz bevor der Skandal aufflog, hatte Selenskis Regierung ein Gesetz aufs Parkett gebracht, das die ukrainischen Anti-Korruptionsbehörden unter engere Aufsicht der Regierung gestellt hätte. Selenski zog das Gesetz nach landesweiten Protesten zurück.
All die Verschwörungstheorien über vermeintliche Luxusyachten und Privat-Paläste des ukrainischen Präsidenten aber sind nichts als gefährlicher Humbug, den Armeen von russischen Trollen im Internet verbreiten. Bis heute gibt es keinen einzigen konkreten Beweis, dass Selenski selbst sich etwas hätte zuschulden kommen lassen.
Kommt hinzu: Dass die Ukraine immer wieder mit der Verhaftung fehlbarer Beamter Schlagzeilen macht, ist nicht nur ein Beleg dafür, dass das Land sein Korruptionsproblem noch nicht komplett im Griff hat, sondern auch dafür, dass unter Selenskis Ägide schonungslos gegen die Schummler im System vorgegangen wird.
Die Zeit spielt für die Russen
Die 145 Millionen Russen sind den 44 Millionen Ukrainern rein zahlenmässig überlegen. Dazu verfügt Putin über riesige Lagerbestände an Waffen und Munition. Und dann ist da noch US-Präsident Donald Trump (79), der die amerikanische Ukraine-Hilfe massiv heruntergefahren hat und stattdessen stolz Fotos von sich und Putin im Weissen Haus aufhängen lässt.
Trotzdem spielt die Zeit nicht für Putins Kämpfer. Nach vier Jahren Krieg gegen die Ukraine kontrolliert Russland noch nicht einmal den ganzen Donbass. Nachdem Starlink-Chef Elon Musk (54) jüngst den Russen den Satelliten-Internetdienst abgestellt und damit für strategische Blindheit an der Front gesorgt hat, gelangen den Ukrainern vor allem im Süden des Landes sogar erstmals wieder grössere Gebietsgewinne.
Auch die Sanktionen (insbesondere jene gegen die russischen Ölriesen Rosneft und Lukoil) machen der russischen Wirtschaft massiv zu schaffen. Putin ist bereits nicht mehr in der Lage, seinen Soldaten die vormalig hohen Anwerbe-Boni auszuzahlen. Die russischen Verluste (aktuell mehr als 1000 Mann pro Tag) übersteigen die neu rekrutierten Soldaten.
Russland wird Europa nicht angreifen
Russland führt längst Krieg gegen uns in Westeuropa. Nicht offen militärisch zwar, aber: Cyberattacken auf kritische Infrastrukturen häufen sich, russische Schattentanker zerstören mit ihren Ankern vor dem Baltikum wichtige Unterwasserleitungen, und die Anzahl Luftraumverletzungen durch russische Kampfjets steigt.
Ganz zu schweigen von den Desinformationskampagnen, die russische Trollfabriken tagtäglich fabrizieren. Kurzum: Russlands Angriff auf Europa hat längst begonnen, auch wenn wir dafür anders als die Ukrainer nicht mit eigenem Schweiss und Blut bezahlen – bis jetzt.