Reporter Samuel Schumacher erlebt Horror-Stunden in der «Kill Zone»
So fühlt sich der Drohnenkrieg auf dem Schlachtfeld an

Die 65. Brigade der ukrainischen Armee kämpft an der Südfront mit modernsten Drohnen gegen russische Angriffe. Eine Reportage aus dem Todesstreifen im umkämpften Niemandsland – und ein Einblick in den Krieg der Zukunft.
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Blick-Auslandreporter Samuel Schumacher hat die Soldaten an der ukrainischen Süd-Front bei Saporischschja besucht.
Foto: Samuel Schumacher

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Samuel SchumacherAusland-Reporter

Einst kämpften wir mit Hellebarden, später mit Kanonen und Panzern, doch das ist vorbei. Drohnen sind die Hauptwaffen im modernen Krieg. Über den Schlachtfeldern surrt es: im Nahen Osten genauso wie in der Ukraine. Ferngesteuerte Tötungsmaschinen bringen den unbemannten Terror zu den Menschen im Iran, in Dubai und in Osteuropa. Aus den Kampfgräben heraus versuchen Soldaten, die schwebenden Killer vom Himmel zu holen. Wer die besseren Drohnenpiloten hat, wer die schnelleren Drohnen produziert, gewinnt die Schlacht.

In der «Kill Zone» an der ukrainischen Südfront nahe der Stadt Saporischschja tobt der Drohnenkrieg heute schon mit voller Wucht. Tagsüber erstarrt in diesem Todesstreifen zwischen den letzten ukrainischen Dörfern und den ersten russischen Stellungen alles. Am Himmel nur Krähen und kreisende Drohnen. Weit unter ihnen sitze ich in einem mit Baumstämmen überdachten Schützengraben. Und ich weiss: Jeder Schritt aus diesem Versteck heraus könnte tödlich sein. Die russischen Killerdrohnen sehen alles – und sie kennen keine Gnade. Schutz bietet nur die Dunkelheit. Bis sie kommt, bin ich gefangen im Drohnengraben mit «Team Fledermaus».

Neben mir auf einem alten Campingstuhl sitzt Wolodimir (39), Kampfname Vova, Gruppenführer der 65. Mechanisierten Brigade der ukrainischen Armee. Vor ihm leuchtet ein halbes Dutzend Bildschirme und Radargeräte. Auf dem Boden unseres holzverkleideten Verstecks stapeln sich schwarze Kampfdrohnen, an die Soldat 33 (36) selbstgebaute Sprengsätze in Bierdosen-Grösse montiert. Von draussen sind im Viertelstundentakt Explosionen zu hören. Frontkatze Skura schnurrt entspannt auf Vova’s Schoss.

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Die Kämpfer der 65. Mechanisierten Brigade der ukrainischen Armee erfahren täglich am eigenen Leib, wie brutal der moderne Drohnenkrieg ist.
Foto: Samuel Schumacher

80 Prozent der Hunderten Soldaten, die an der Ukraine-Front auf beiden Seiten Tag für Tag ums Leben kommen, werden von Drohnen getötet. Immer neue Drohnentypen mit immer grösseren Sprengsätzen setzen ganze Häuserzeilen in Dörfern und Städten weit hinter der Front in Flammen.

Der Auftrag von Vova und seinen Männern: alles, was die Russen im Umkreis von zehn Kilometern gegen die Ukraine loslassen, mit den eigenen Drohnen vom Himmel holen.

Team «Fledermaus» schiesst erfolgreich russische Drohne ab
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Blick-Reporter in «Kill Zone»:Team «Fledermaus» schiesst erfolgreich russische Drohne ab

12 Punkte für einen toten Russen, 10 für eine abgeschossene Drohne

«An guten Tagen landen wir ungefähr 20 Treffer», sagt Vova. «Jede Drohne, die wir stoppen, verhindert einen Terroranschlag auf unsere Heimat.» Heute aber ists neblig. Schlecht für die Arbeit der ukrainischen Drohnenjäger. Doch dann, kurz nach sieben Uhr, erscheint der erste russische Killer am Himmel über unserer Front-Position. 33 rennt nach draussen, platziert eine Jagddrohne auf einem Erdhügel. Soldat Clark (25) greift zur Konsole, Kamerad Ukrop steuert die Funkantenne, Gruppenführer Vova gibt das Kommando.

Die vier ukrainischen Kämpfer kauern hochkonzentriert vor den flimmernden Bildschirmen, ich hocke auf einer harten Pritsche dahinter. Rund um uns herum: Holzlatten und Isolationsschaum. Das Versteck sieht aus wie eine enge, im Boden versenkte Waldhütte – ohne Kamin, dafür mit blitzschnellem Internet (Elon Musks Starlink sei Dank). Fast gemütlich, wären die ersten Stellungen der russischen Armee nicht bloss sechs Kilometer entfernt.

Knapp tausend Franken kostet die Drohne, die Clark in den Himmel über der zerschossenen Winterlandschaft aufsteigen lässt. 230 Stundenkilometer schnell kann sie fliegen. Dank der hochauflösenden Kamera an der ukrainischen Drohne flackert der ferngesteuerte Luftkampf live über die Bildschirme im verrauchten Graben. Anspannung, Instantkaffee aus Plastikbechern. Der moderne Krieg fühlt sich an wie eine Gamer-Party – mit tödlichen Folgen. «Wenn ich jetzt nicht treffe, sterben im Dorf wieder unschuldige Menschen», sagt Clark.

Landet der Soldat der 65. Mechanisierten Brigade der ukrainischen Armee aber einen Treffer, gibts Zigaretten und zehn Punkte auf das digitale «Army of Drones»-Konto. 2024 lancierte das ukrainische Verteidigungsministerium diesen Wettkampf zwischen seinen Einheiten. Jedes eliminierte Ziel gibt Punkte, mit denen sich die Einheit Extra-Ausrüstung aus einem Online-Shop beschaffen kann: 40 Punkte für einen zerstörten Panzer, 25 für einen getöteten Drohnenpiloten, 12 für einen eliminierten Soldaten, 10 für eine ausgeschaltete Drohne. Cumulus für Killer.

Gleitbomben und Riesenspinnen

Doch vorerst gibts im «Kill-Zone»-Schützengraben nichts zu feiern. Der erste Luftkampf des Tages geht an die Russen. Drohnenpilot Clark ist nicht schnell genug. Die Russendrohne schlägt in einem Dorf zwei Kilometer entfernt in ein Haus ein. Leere Blicke im Bunker. Skura schnurrt gleichgültig weiter. Erst, als um 10.16 Uhr eine russische Gleitbombe zwei Kilometer entfernt explodiert und die Erde erzittert, schaut sie kurz auf. Vova zuckt nur mit den Schultern.

Und ich verklemme mir den ersten Toilettengang seit drei Uhr nachts vorerst weiter. Jeder Schritt nach draussen könnte der Letzte sein. Pinkeln oder überleben? Die Entscheidung fällt leicht. Meinen Kaffee lasse ich stehen. Stattdessen schaue ich der riesigen Spinne zu, die langsam dem Baumstamm über meinem Kopf entlang krabbelt.

Krieg heisst ganz oft einfach warten. Warten auf den nächsten Befehl, warten auf die nächste Russen-Drohne, warten auf die nächste Gleitbombe, die auf dem blinkenden Radar auf Ukrops Schoss erscheint und hoffentlich wieder an unserem Bunker vorbeirauscht.

Während ich mir die Fingernägel abkaue, ruhen sich die ukrainischen Krieger auf ihren Holzpritschen aus und erzählen: vom ukrainischen Soldaten Serhii Tyshchenko, der in der «Kill Zone» 471 Tage lang auf seine Evakuation warten musste; von der Möwe, die vor ein paar Tagen eine ihrer Drohnen in der Luft attackierte; von den sogenannten Lauerdrohnen, die die Russen neuerdings an den Rändern der matschigen Feldwege im Todesstreifen parkieren. Sie lassen die Kamera der Drohne laufen, schauen aus der Distanz zu und warten. Sobald ein Auto auf der Strasse vorbeifährt, drücken sie den Detonationsknopf.

Endlich pinkeln nach 14 Stunden

«So brutal wie jetzt war dieser Krieg noch nie», sagt Ukrop. «Die Russen nehmen überhaupt keine Rücksicht mehr auf unsere Zivilbevölkerung.» Kinder, ältere Menschen, ganze Familien: «Sie töten mit ihren Drohnen alles, was sich bewegt. Wir sind hier im Bunker sicherer als die Menschen da draussen in den Dörfern.»

Um 15.11 Uhr gelingt Team «Fledermaus» endlich ein Treffer. Nach 27 Minuten Jagd schafft es Clark, seine Sprengstoffladung über der russischen Kampfdrohne mit aufgeschnallter Landmine zur Explosion zu bringen. Freude herrscht im Drohnengraben. Jubel, Handschläge, ukrainische Fluchwörter auf die russischen Besatzer, Buchweizenbrei zur Stärkung, zehn Punkte auf das Konto, ein Terroranschlag vereitelt.

Wann der Krieg denn endlich vorbei sei, will ich von Gruppenführer Vova wissen. «Gestern», sagt er zynisch. «Bis dahin kämpfen wir weiter.»

Um 17.04 Uhr aber ist Schluss für heute. Die Nacht legt sich früh schon über die spätwinterliche «Kill Zone» an der Ukraine-Front. Das Surren der stählernen Kämpfer verstummt. Und endlich kann ich draussen pinkeln gehen.


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