Darum gehts
- Social-Media-Trend zu Bräuchen rund um das Chinesische Neujahr sorgt für Diskussionen.
- Westliche Influencer präsentieren traditionelle Gepflogenheiten als «Trend», teilweise widersprüchlich.
- Kultursoziologin spricht von langjähriger Tradition von China-Trends im Westen.
«Was auch immer du heute tust, wasch dir bloss nicht die Haare», warnt eine britische Influencerin zu Beginn des chinesischen Neujahrs am Dienstag ihre Follower auf Tiktok. Auf Social Media finden sich aktuell unzählige Beiträge, die Gepflogenheiten rund um das chinesische Neujahrsfest präsentieren. Auffällig: Die Beiträge stammen vor allem von westlichen Userinnen und Usern.
Das chinesische Neujahr, auch Mondneujahr oder Frühlingsfest genannt, wird in diesem Jahr vom 17. Februar bis 3. März begangen. Mit dem 17. Februar beginnt nach Rechnung des traditionellen chinesischen Mondkalenders das neue Jahr. 2026 wird dieses durch das Tierkreiszeichen Feuer-Pferd symbolisiert.
Neujahrsbräuche mit langjähriger Tradition
Das chinesische Neujahrsfest hat eine über 3000-jährige Geschichte. Nun haben westliche User bestimmte Bräuche plötzlich für sich entdeckt. So raten sie etwa dazu, sich am ersten Neujahrstag nicht die Haare zu waschen oder zu schneiden. Denn das Schriftzeichen 发 (fā) steht sowohl für «Haar» als auch für «reich werden» (发财, fā cái). Symbolisch soll man sich daher nicht den Wohlstand «wegspülen» oder «abschneiden».
Am ersten Neujahrstag ruhen zudem Hausarbeiten. So wird etwa der Abfall nicht herausgebracht, damit Glück und Reichtum symbolisch nicht das Haus verlassen. Rot und Gold werden als Festfarben getragen.
Kritik an belehrender Haltung
«Bin halt abergläubisch, sorry not sorry», schreibt eine deutsche Userin, die am ersten Neujahrstag aufs Haarewaschen verzichtet. Andere User zeigen sich verwirrt, denn die nicht-chinesischen Influencer präsentieren zum Teil widersprüchliche «Regeln». Etwa, dass man rote Kleidung gerade nicht tragen sollte. So spricht ein US-amerikanischer User davon, dass er zum ersten Mal «chinesisch» sei und daher nicht wisse, was er anziehen solle.
Das stösst in der chinesischen Community auch auf Kritik. Tiktok-Userin Sukyi kritisiert etwa die belehrende Haltung der westlichen Nutzer: «Du kanntest Chinese New Year vorher nicht, bis es dieses Jahr zum Trend geworden ist. Und du willst uns sagen, wie wir es feiern sollen? Ich feiere es schon, seitdem ich im Bauch meiner Mutter war.» Sie empört sich zudem, dass einige User mit chinesischen Nutzern diskutieren würden, dass diese nicht «richtig» feiern würden.
«Becoming Chinese» als Social-Media-Trend
Kultursoziologin Yana Milev (56) ist nicht überrascht, dass eine Kultur auf Social Media als Trend markiert wird. «Prinzipiell ist kein kulturelles Ereignis vor einer kapitalistischen Verwertung geschützt. Und das im doppelten Sinne, einmal als kulturelle Konnotation und einmal als identitätsbildende Zuschreibung», sagt sie gegenüber Blick.
Es liege dabei in der Natur von Trends, sich als Moden rasch zu verändern, führt sie aus. Gerade in dieser Dynamik sieht sie jedoch kein tiefgreifendes Risiko für die Kultur. «Die Trends verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind, und berühren in dem Fall nicht wirklich die Tiefe der chinesischen Traditionen.»
China-Trends haben im Westen Tradition
Bereits zu Jahresbeginn zeichnete sich der Trend «Becoming Chinese» (zu Deutsch: «Chinesisch werden») ab. Westliche Tiktok-User zeigten, wie sie auf warmes Wasser und den chinesischen Reisbrei Congee zum Zmorge setzen oder sich mit chinesischer Medizin beschäftigen. Damit beginne ihre «chinesische Lebensphase» so der O-Ton des Tiktok-Trends.
Während einige chinesische Nutzer, den Trend als Wertschätzung begreifen, sind andere empört. Userin Steph kritisiert die Doppelzüngigkeit der westlichen Beiträge: «Früher wurde ich dafür komisch angeschaut, wenn ich Reis oder Nudelsuppe am Morgen gegessen habe, jetzt wird es für die gesundheitlichen Vorteile gefeiert.» Zudem ist sie empört, dass jahrzehntelang überlieferte chinesische Gesundheitstipps erst anerkannt würden, wenn sie von westlichen Akteuren als Trend markiert werden.
China-Trends seien schon lange Teil der westlichen Geschichte, betont Soziologin Yana Milev. «Eine Vertrendung östlicher Kultur im Westen ist seit dem 16./17. Jahrhundert Tradition, wie zum Beispiel die Nachahmung chinesischer Muster in der Porzellanmalerei. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich die Chinoiserie zu einer Modewelle in Europa.»