Ein neuer Persönlichkeitstyp?
Otrovertiert: Neuer Trend oder echte Persönlichkeit – und was dahinter steckt

Sie sind nicht schüchtern. Aber auch nicht die Person, die jede Party dominiert. Sie mögen Menschen, brauchen Austausch – und fühlen sich trotzdem schnell überfordert. Immer mehr Menschen beschreiben sich deshalb als «otrovertiert». Doch was bedeutet das eigentlich?
Kommentieren
Gerade noch gefeiert, und dann nur noch schnell nach Hause wollen? Vielleicht bist du ein Otrovert.
Foto: Pexels

Darum gehts

  • Otroverts fühlen sich zwischen Nähe und Rückzug, oft sozial erschöpft
  • Der Begriff «otrovert» ist populär, aber wissenschaftlich nicht anerkannt
  • Otrovertierte Menschen liegen zwischen intro- und extrovertiert
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
Bildschirmfoto 2024-10-30 um 12.41.38.png
Gunda BosselSEO-Redaktorin

Du bist auf einer Party, lachst, bist gut drauf – und plötzlich willst du nur noch weg. Nicht weil du die Leute nicht magst, sondern weil es dir einfach zu viel wird. Oder du stehst mitten in der Menge, jubelst mit, doch innerlich fühlst du dich nie wirklich dazugehörig, sei es beim Fussballmatch, beim Konzert oder an einer Party mit Freunden. Genau dieses Gefühl beschreiben viele Menschen, wenn sie sich als otrovertiert bezeichnen. Sie sind weder introvertiert noch extrovertiert – und das macht dieses Label für sie so treffend.

Menschen, die sich als otrovertiert sehen, schildern oft von sich selbst, dass sie in keine der bekannten Schubladen passen. Sie können kommunikativ, offen und präsent sein, vor allem in vertrauten Situationen. Gleichzeitig ziehen sie sich schnell zurück, wenn Gespräche oberflächlich werden oder Gruppen zu gross sind. Sie fühlen sich schnell fehl am Platz und der Masse nicht zugehörig, was grosses Unbehagen auslösen kann.

Viele «Otroverts» fühlen sich wohl im Eins-zu-eins-Kontakt, hassen aber Small Talk. Sie können im Job oder an Events sehr souverän auftreten, brauchen danach jedoch Zeit für sich. Sie sagen Treffen ab, obwohl sie die Menschen mögen. Nicht aus Desinteresse, sondern aus mentaler Erschöpfung.

Die Ebene in der Gruppe

Das Gefühl, nie wirklich Teil einer Gruppe zu sein, auch wenn man dazugehört. Man jubelt mit, feiert mit, tut so, als wäre man «dabei» – aber innerlich fehlt die Verbindung. Das ist der Kern dessen, was der New Yorker Psychiater Rami Kaminski mit dem Begriff «Otroversion» meint: Es geht nicht nur um Intro- oder Extrovertiertheit, sondern um Zugehörigkeit. Ein otrovertier Mensch fühlt sich nicht emotional mit einem Kollektiv verbunden, kann aber trotzdem tiefe Beziehungen und ein erfülltes Leben führen.

Hier wird der Begriff noch mal gut beschrieben:

Externe Inhalte
Möchtest du diesen ergänzenden Inhalt (Tweet, Instagram etc.) sehen? Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies gesetzt und dadurch Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen lassen.

Warum klassische Labels für viele nicht mehr passen

«Introvertiert oder extrovertiert?» Diese Frage empfinden viele als zu simpel. Otroverts beschreiben sich eher als situativ, wechselhaft und schwer einzuordnen. An einem Tag energiegeladen, am nächsten komplett leer. Gesellig – aber nicht ständig verfügbar. Genau dieses Gefühl greifen soziale Medien auf. Auf Tiktok, Instagram und in Selbsttests taucht der Begriff immer häufiger auf. Er verspricht eine Erklärung für ein diffuses Unwohlsein: Ich bin nicht komisch – ich bin einfach otrovertiert.

So verständlich sich das Label anfühlt, wissenschaftlich ist die Sache klar: «Otrovertiert» ist (noch) kein offiziell anerkannter Persönlichkeitstyp. In der Psychologie existiert der Begriff nicht als festes Modell. Er taucht weder in Lehrbüchern noch in diagnostischen Systemen auf. Das bedeutet: Psychologen nutzen den Begriff nicht in Tests oder Therapien. Das heisst nicht, dass das Gefühl falsch ist – nur dass es wissenschaftlich nicht als Typ bestätigt ist.

Dass otrovert so beliebt ist, zeigt vor allem eines: Viele Menschen suchen nach Sprache für ihre soziale Erschöpfung und dem Gefühl, nie wirklich dazuzugehören. Sie funktionieren, sind präsent, leisten emotionale Arbeit, aber fühlen sich danach leer. Nicht weil sie Menschen nicht mögen, sondern weil Nähe sie viel Energie kostet oder weil sie innerlich nicht wirklich verbunden sind.

Der Begriff bietet dafür ein Ventil. Er macht ein diffuses Gefühl greifbar und gibt das beruhigende Signal: Du bist nicht allein damit.

Ein Gefühl mit Namen – aber kein neuer Typ

Otrovert ist also kein wissenschaftlich anerkannter Persönlichkeitstyp. Aber der Begriff beschreibt ein reales Erleben: das Pendeln zwischen Nähe und Rückzug, zwischen Energie und Erschöpfung – und das Gefühl, trotz Gemeinschaft nie wirklich «dazuzugehören».

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieses Trends: Nicht wir sind widersprüchlich – sondern das alte Entweder-oder ist zu einfach für das, wie viele von uns sich fühlen, während uns das Leben im Alltag viel abverlangt.

Was hilft, wenn du dich oft so fühlst?

Wenn du dich in der Beschreibung wieder erkennst, kann es helfen, bewusst Energie-Grenzen zu setzen. Zum Beispiel: weniger Events pro Woche, klare Pausen einplanen und dich nicht für Absagen rechtfertigen. Das ist kein Rückzug aus Angst, sondern Selbstschutz.

Externe Inhalte
Möchtest du diesen ergänzenden Inhalt (Tweet, Instagram etc.) sehen? Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies gesetzt und dadurch Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen lassen.
Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen