Ukrainischer Kriegsgefangener spricht über russische Lagerwelt
«Sie wollen, dass du aufhörst, als Person zu existieren»

Zweieinhalb Jahre lang ist Gennadi Charschenko in Strafkolonien verschwunden. Die Russen wollten den ukrainischen Soldaten brechen. Nun erzählt er, wie sie dabei vorgegangen sind – und wie der Lageralltag aussieht.
Kommentieren
1/6
Gennadi Charschenko im März 2022 während des Kampfs um Mariupol. Er gehört der Asow-Brigade an. «Tod den Feinden!», steht hinter ihm geschrieben.
Foto: Zvg

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Gennadi Charschenko berichtet über zweieinhalb Jahre russische Kriegsgefangenschaft
  • Ukrainische Gefangene erleben systematische Folter, darunter Schläge, Schlafentzug, Isolation
  • Laut Selenski sind derzeit 7000 ukrainische Kriegsgefangene in russischer Hand
War diese Zusammenfassung hilfreich?
Externe Inhalte
Möchtest du diesen ergänzenden Inhalt (Tweet, Instagram etc.) sehen? Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies gesetzt und dadurch Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen lassen.
RMS_Portrait_135 (1).jpg
Robin BäniRedaktor

Es beginnt mit einem grausamen Ritual. Die Russen nennen es «Prijomka» – «Entgegennahme». Die ukrainischen Kriegsgefangenen müssen antreten, sich aufreihen. Ihnen gegenüber versammelt sich das gesamte Wachpersonal, bewaffnet mit Schlagstöcken, Feuerlöschern, Schlüsselbunden, Bostitch. «Mit allem, was sie finden», erzählt Gennadi Charschenko (53). Dann schlagen sie zu. Sie misshandeln die Neuankömmlinge. Einen nach dem anderen. «Auf jede erdenkliche Art, wie man einen Menschen erniedrigen kann.»

Charschenko erlebte seine erste Prijomka in der Strafkolonie Oleniwka, im besetzten Gebiet Donezk. Was folgte, war eine Irrfahrt durch die russische Lagerwelt. Durch ein System, das der Schriftsteller Alexander Solschenizyn einst als «Archipel Gulag» beschrieb, weil es aus vielen einzelnen Einrichtungen besteht, die zusammen ein eigenes, geschlossenes Reich bilden. Abgeschottet vom Leben. 

Zweieinhalb Jahre verschwindet Charschenko in diesem Lagergeflecht – gefangen als ukrainischer Soldat. Seine Geschichte erzählt er SonntagsBlick per Videocall, die Stimme rastlos, sensibel. Auf kurze Fragen, wie es war, folgen lange Antworten. An einzelnen Wörtern bleibt er hängen – «demütigend, demütigend». Vieles von dem, was er erzählt, lässt sich nicht unabhängig verifizieren. Doch vieles deckt sich mit Berichten internationaler Organisationen. Das Kommissariat des Uno-Menschenrechtsrats hält seit 2023 fest, dass ukrainische Kriegsgefangene «weitverbreitet und systematisch» gefoltert werden. Dokumentiert sind Schläge, Elektroschocks, sexuelle Gewalt, Schlafentzug, Scheinexekutionen und vieles mehr. 

Schläge beim Schichtwechsel

Die Wärter zielen darauf ab, die Häftlinge moralisch zu brechen, erzählt Charschenko. «Sie wollen, dass du aufhörst, als Person zu existieren.» Dass die Gefangenen bedingungslos alle Befehle befolgen, sich keiner Laune widersetzen. In manchen Lagern schlagen die Wärter die Insassen bei jedem Schichtwechsel. «Dabei halten sie dich fest, sodass du deine verletzlichsten Körperstellen nicht schützen kannst.» 

Ukrainische Soldaten und Zivilistinnen sitzen in Hunderten Einrichtungen fest, verteilt über ganz Russland und über die besetzten ukrainischen Gebiete. Charschenko war in acht dieser Lager. Einige seiner Kameraden in über zwanzig. Die Russen verlegen Gefangene fortlaufend, sodass sie keine Möglichkeit haben, sich an einen Ort und die Menschen zu gewöhnen. «Sie wollen, dass du in ständiger Unruhe lebst.» Und dass Angehörige kaum eine Chance haben, ihre Liebsten zu finden.

Dabei hatten die Russen zugesichert, sich an die Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen zu halten. Im Gegenzug legten Charschenko und seine Kameraden im Mai 2022 die Waffen nieder. Wochenlang hatten sie im Stahlwerk von Mariupol die Stellung gehalten. Schliesslich kapitulierten sie, in der Hoffnung auf humane Haftbedingungen. «Doch die Russen behandelten uns ab dem ersten Tag an wie Dreck.» 

Leben in der Strafkolonie

Zu Beginn des Kriegs erlitt Putins Armee die meisten Verluste durch die ukrainische Artillerie. Charschenko ist Artillerist. Zudem gehört er der Asow-Brigade an. Die Eliteeinheit verkörpert den ukrainischen Widerstandskampf wie nur wenige andere. Russland verunglimpft sie als Neonazi-Truppe. «Deshalb haben sie mich und meine Kameraden besonders grausam behandelt», sagt Charschenko. Früher war die Asow-Brigade tatsächlich in Teilen rechtsextrem. Mittlerweile gilt die Kampfeinheit aber als entideologisiert. Zudem ist sie in die reguläre Armee integriert.

Die Bedingungen in den Lagern müssen katastrophal sein. Die Strafkolonie Oleniwka sei für 80 Personen ausgelegt. Tatsächlich lebten dort über 300 Gefangene. Wochenlang erhielten sie keine frischen Kleider, keine Zahnbürste. Duschen durften sie teils gar nicht, dann einmal pro Woche, ohne Duschgel, in Gruppen von zwanzig Personen, zwei bis drei Minuten lang. Währenddessen mussten sie sich rasieren. Und wer sich in dieser Zeit nicht waschen oder rasieren konnte, wurde anschliessend geschlagen. Andernorts durften sie nur mit Erlaubnis auf die Toilette. Und zu essen gab es überall zu wenig. «Ich habe über 30 Kilo abgenommen.»

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) beklagt seit Kriegsbeginn, dass seine Mitarbeitenden kaum Zugang zu ukrainischen Kriegsgefangenen erhalten. Charschenko sagt, er habe nur einmal einen Vertreter des IKRK gesehen. Einige Tage davor hätten sie mehr Essen bekommen, verletzte Kameraden Medikamente. Nach dem Besuch nicht mehr. 

Graben, graben, graben

Das russische Strafsystem ist dafür bekannt, Gefangene als kostenlose Arbeitskräfte einzusetzen, als Sklaven. Sie bauen Verteidigungsanlagen, Fabriken, Industriegebiete, ja ganze Städte im sibirischen Nirgendwo. Auch Charschenko berichtet von solchen Einsätzen – wie sie «graben, graben, graben» mussten. In manchen Lagern seien sie wiederum nur in der Zelle gesessen. Die Wärter wollten sie nicht mit regulären Häftlingen mischen, sodass sie sich nicht austauschen und an Infos von aussen gelangen konnten. «Sie wollten uns komplett isolieren.» 

Selbst die Sprache wird kontrolliert. Ukrainisch ist verboten. Am Morgen mussten sie jeweils die russische Nationalhymne singen. Im Verborgenen hätten sie dann aber über ukrainische Literatur gesprochen, über ihre Kultur und die eigene Geschichte, um die Identität zu wahren. «Das gibt Kraft.» Ebenso tägliches Training, Liegestütze in der Zelle, egal, wie geschwächt man sei. 

Im Oktober 2024 endete die Gefangenschaft. Ein Austausch brachte Charschenko frei. Kurz zuvor hatte die ukrainische Armee mehrere Hundert Wehrdienstler gefangen genommen. Viele jung, viele ethnische Russen. «Deshalb haben sie sich bereit erklärt, Asow-Kämpfer einzutauschen.» Putin wolle die Bevölkerung möglichst ruhig halten. Hätten die Ukrainer Kriminelle, ethnische Minderheiten oder etwa Afrikaner gefangen genommen, wäre es laut Charschenko zu keinem Austausch gekommen. «In den Verhandlungen sind diese Menschen leider wertlos.» Russland wolle sie ohnehin nicht zurück.

Heute lebt Charschenko in Saporischschja, seinem Heimatort, rund 16 Kilometer von der Front entfernt. Er dient wieder in der Asow-Brigade, nun als Anwerber und Ausbildner. «Ich kämpfe weiter, um mein Land zu befreien.» Vor allem aber möchte er weitere Russen gefangen nehmen, um so auch seine Kameraden freizutauschen. Präsident Wolodimir Selenski sagte im Februar, bis zu 7000 Kriegsgefangene seien weiterhin in russischer Hand. «Sie sind der Grund, warum ich mit den Medien spreche», sagt Charschenko. Damit ihr Leid nicht vergessen geht. 

Team «Fledermaus» schiesst erfolgreich russische Drohne ab
1:44
Blick-Reporter in «Kill Zone»:Team «Fledermaus» schiesst erfolgreich russische Drohne ab
Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen