Sex statt Ukraine-Hilfe
«Als er bei mir nicht landen konnte, sagte er wieder ab»

Es ist ein Phänomen: Immer mehr Leute spenden für das ukrainische Kriegsgebiet. Doch nicht alle Hilfe ist echt. Die in Zürich lebende Julia Peters (42) hat spezielle Erfahrungen gemacht. Es geht um Liebe, Mut und Selbstinszenierung.
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Yurij Besarab aus Odessa verteilt Spenden in der ganzen Ukraine.
Foto: Facebook

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Julia Peters gründete 2022 «Good Friends for Ukraine», um Menschen in Not zu helfen
  • Sie warnt vor falschen Helfern mit Eigeninteressen oder finanziellen Absichten
  • Sie selber wurde von einem angeblichen Helfer angemacht
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Guido FelderAusland-Redaktor

Der Krieg der Russen hat die Ukrainer ins Elend gestürzt. Das angegriffene Land ist dringend auf Hilfe angewiesen. Nicht nur auf Waffen, mit denen es sich verteidigen kann, sondern auch auf humanitäre Unterstützung.

Doch nebst den seriösen Hilfswerken gibt es immer mehr Leute, die sich als Helden oder barmherzige Samariter aufspielen wollen. Andere wiederum geben sich als grosszügige Spender aus, nur um sich an Ukrainerinnen heranzumachen.

Von diesem sogenannten «Kriegstourismus» oder «Charity-Tourismus» kann Julia Peters (42) ein Lied singen. Die seit sieben Jahren in Zürich lebende Ukrainerin aus Odessa hat nach der russischen Invasion 2022 «Good Friends for Ukraine» gegründet. Für diesen Verein reist sie regelmässig in ihre alte Heimat, um Hilfsbedürftige zu unterstützen. «Ich kontrolliere immer selber, wohin unsere Spenden fliessen», sagt sie. Alle Investitionen seien mit Quittungen belegt.

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Sorgt sich wegen des Charity-Tourismus: Julia Peters aus Zürich.
Foto: Raphaël Dupain

Nun beobachten sie und ihre Kontaktpersonen vor Ort, wie immer mehr Personen zum Selbstzweck Hilfe anbieten. «Es gibt Leute, die unter dem Deckmantel von Hilfe, Solidarität oder persönlichem Engagement in die Ukraine reisen. Sie verfolgen dabei aber häufig eigene Interessen, eigene Ambitionen oder finanziellen Profit», sagt Peters.

Die Pseudo-Helfer kann man in vier Kategorien aufteilen.

1

Die Selbstdarsteller

Es sind jene Leute, die sich als Helfer inszenieren, ohne wirklich Hilfe zu leisten. Solche Erfahrungen macht Yurij Besarab (50) aus Odessa laufend. Der Mann, der landesweit Spenden verteilt, erzählt Blick von zwei Beispielen:

  • Eine Stiftung aus Japan bat ihn, der Armee zwei «militärische Geräte» zu liefern. Damit sich die Spender in Japan in Szene setzen konnten, sollte Besarab Fotos von der Übergabe schiessen. Besarab: «Als ich die Kiste öffnete, stiess ich auf zwei Drohnen im Wert von je 20 Euro. Es waren Kinderspielzeuge ohne militärischen Nutzen – eine Beleidigung!»

  • Besarab sollte ein Paket mit Kleidern an die Front bringen und dies für die amerikanischen Spender ebenfalls mit Fotos zur Veröffentlichung dokumentieren. Als er aus Neugier das Paket öffnete, machte er grosse Augen: Die Spende bestand aus zwei Damenmänteln der Grösse XXL sowie zwei Kartons mit Windeln für Erwachsene. 

2

Die Möchtegernhelden

Die vor vier Jahren in die Schweiz geflüchtete Ukrainerin Marta S.* (39) hat über Dating-Apps Männer kennengelernt. Sie hätten sie nur benützen wollen, um in die gefährlichen Zonen zu fahren und Kontakt mit der ukrainischen Bevölkerung aufnehmen zu können. «Bei ihnen stand nicht wirklich eine Beziehung im Vordergrund. Vielmehr suchten sie den Adrenalinkick an der Front.» 

Mit einem der Männer sei sie tatsächlich nach Donezk gereist, wo sie bei einem Spitalumzug geholfen hätten. Doch die Hilfe ihres Begleiters sei schnell erlahmt. «Er hat sich vor Ort betrunken und viel Geld ausgegeben.»

3

Die Abzocker

Laut Erzählungen von Julia Peters' Bekannten haben sich in Odessa Vertreter einer amerikanischen Stiftung in verschiedenen Outfits ablichten lassen. Heute werde die Homepage der Organisation regelmässig mit neuen Bildern aktualisiert, sodass der Eindruck einer ständigen Präsenz in der Ukraine entstehe. «In Tat und Wahrheit dürfte es sich aber wohl um einen einmaligen Besuch gehandelt haben», meint Julia Peters. Sie zweifelt daran, dass das so gesammelte Geld auch wirklich ankommt.

4

Die Liebestollen

Das sind jene Männer, die sich an Ukrainerinnen heranmachen, indem sie ihnen Hilfe für ihr Land versprechen. Julia Peters hat selber entsprechende Erfahrungen gemacht. Nachdem sie Ende 2025 auf Facebook über ihre Arbeit berichtet hatte, meldete sich ein, wie sie sagt, «wohlhabender» Schweizer. Sein Anliegen: Geld spenden.

Da Peters von seinen Absichten überzeugt war, organisierte sie Reise und Hilfseinsatz in einem Waisenhaus in Odessa. Mit der Zeit wurde der Mann aber aufdringlich. «Mir wurde klar, dass er das Thema Ukraine nur dazu nutzte, um persönliche Nähe herzustellen», sagt sie.

Obwohl sie ihm klarmachte, dass sie verheiratet sei und kein Interesse an ihm habe, insistierte er und bezahlte zwei Flugtickets. Peters: «Als er sah, dass er bei mir nicht landen konnte und die Lage vor Ort doch zu gefährlich war, sagte er einen Tag vor der Abreise ab.»

Julia Peters warnt

Julia Peters betont, dass es viele Leute gebe, die es mit der Hilfe ernst meinten. Doch warnt sie Spender davor, an intransparente Organisationen zu bezahlen. Peters: «Das belastet seriöse Hilfsprojekte und führt zu gefährlichen Situationen.»

* Name geändert 

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