Darum gehts
- Claude Wild beendet im März seine Diplomatenkarriere in Strassburg
- Evakuierung aus Kiew 2022 mit zerstörten Servern und geschredderten Pässen
- Wild zog 13 Mal um während seiner diplomatischen Laufbahn
Seinen 58. Geburtstag feiert Botschafter Claude Wild unter besonderen Umständen: Am 1. März 2022 wird der Schweizer Botschafter in Kiew von Schweizer Elitesoldaten evakuiert. Tage zuvor war Russland in das Land einmarschiert.
Als eine der letzten ausländischen Botschaften verlässt die Schweiz das Land. «Zuvor haben wir mit Eisenpickel unsere Computer-Server zerstört und Schweizer Pässe geschreddert», erzählt Wild. Dann ging es ausser Landes. Auf dem Weg konnten sie einige der letzten Schweizer – darunter auch Kinder –, die noch in Kiew waren, mitevakuieren. Jetzt beendet Ende März ein Botschafter seine Karriere, der einige der spannendsten Stationen der Schweizer Aussenpolitik absolviert hat.
«Barbarische Gräueltaten, Vergewaltigungen, Folter»
Zum Beispiel in der Ukraine, als der Krieg begann. Punkt für Punkt beschreibt er, was er erlebt, beobachtet und untersucht hat: «Barbarische Gräueltaten, Vergewaltigungen, Folter, Kindesentführungen, die dauernden Bombardierungen, das Elend, das Leid, die Millionen von Vertriebenen und die unzähligen Verletzten und Toten.» Bilder, die er nicht mehr vergessen wird – auch nach der Pensionierung. «Den Geruch von verwesten Leichen vergesse ich nie mehr.»
Doch Wild hat erst später realisiert, wie schockierend der Krieg war. «Im ersten Moment steht man unter Adrenalin», so Wild. «Die Belastung kommt erst später, wenn man realisiert, was dieser Krieg für die Opfer bedeutet.»
Wild wartete in Moldawien auf seine Rückkehr. Während in der Ukraine der Krieg tobt, streift Wild eines Wochenendes durch die Wälder Moldawiens. Begleitet von einem lokalen Künstler sucht er mit einem Metalldetektor nach Patronenhülsen aus dem Zweiten Weltkrieg.
Der Künstler giesst daraus eine für die Beziehungen zwischen der Schweiz und Moldawien symbolträchtige Skulptur, die Wild der Präsidentin Moldawiens, Maia Sandu (53), überreichen will. Als Claude Wild die Skulptur abholen will, wird er überrascht: Der Künstler hat ein Duplikat angefertigt und schenkt es ihm. «Ein spezieller Gegenstand, aus speziellem Material in einer speziellen Zeit.»
Zwei Monate später ist die Wiedereröffnung der Botschaft möglich. «Ein schönes Gefühl.» Doch etwas fällt ihm auf. In Kiew sah Wild keine Kinder mehr. «Es fällt erst auf, wenn sie fehlen. Es ist wichtig, dass sie geschützt werden. Aber wenn die Kinder ihre Zukunft nicht mehr in der Ukraine sehen können, hat Putin einen Teil seines Ziels erreicht: die Eliminierung dieses freien und unabhängigen Volkes.»
Wild kennt Russland. Zwischen 1997 und 2000 war er in Moskau stationiert, erlebte den Aufstieg von Wladimir Putin (73). Der zweite Tschetschenienkrieg fällt in diese Zeit. Wieder Patronenhülsen. «Das militärische Vorgehen war extrem brutal. Die Stadt Grosny wurde ohne Rücksicht auf Zivilisten zerbombt», erinnert sich Wild.
Immer wieder musste sich Wild für die Haltung der Schweiz und die Neutralität verteidigen. «Dass an Deutschland verkaufte Munition nicht an die Ukraine weitergegeben werden durfte, war schwierig zu erklären. Dafür sind wir grosszügig bei der humanitären Hilfe und dem Wiederaufbau.»
Wild eckte mit Aussagen zur Ukraine auch an. In einem Interview mit «Tele Züri» warnte er vor «Neutralitäts-Fetischismus» und davor, zum «nützlichen Idioten eines Aggressors zu werden». Die «Weltwoche» betitelte Wild daraufhin als «Botschafter der Undiplomatie». Wild steht zu seinen Aussagen, die man im damaligen Kontext in der Ukraine und in Europa sehen müsse. «Es ist nie ein Fehler, wenn man die Wahrheit ausspricht, die man vor den Augen hat.» Es sei «nicht im Interesse der Schweiz, wenn ihr Handeln von ihren Partnern nicht oder falsch verstanden wird».
Während andere Diplomaten jedes Wort auf die Goldwaage legen, spricht der Genfer mit Zürcher Wurzeln öfters mal Klartext. Beispielsweise auch zu Sparübungen bei der Entwicklungshilfe. Die müsse man sich «dreimal überlegen». Auch die Schweiz profitiere von stabilen Regionen weltweit.
Nun tritt er in den Ruhestand. Etwas mehr Zeit, um seinem Hobby zu frönen: Wild besichtigt gerne Kathedralen. «Es ist ein Ort, wo ich mich immer gut fühle. Die mittelalterliche Architektur kombiniert mit den verschiedenen religiösen und nicht religiösen Symbolen ist beeindruckend und sehr spannend.»
Eine aussergewöhnliche Mission
Alle vier Jahre wechselt ein Botschafter seinen Posten. 13 Mal ist Wild in seiner diplomatischen Karriere umgezogen. Zuletzt nach Strassburg (F) – auch das dortige Münster hat es Wild angetan. Doch für Besichtigungen bleibt wenig Zeit.
Kaum angekommen, bekommt er eine aussergewöhnliche Mission.
Alt Bundesrat Alain Berset (53) will Generalsekretär des Europarats werden. Ein grosses Lobbying beginnt: Berset besucht die Mitgliedstaaten und wirbt für sich. Wild weibelt ebenfalls fleissig, spricht vor den anderen Mitgliedstaaten über Berset in den höchsten Tönen, lädt zu verschiedenen Empfängen. Gleichwohl: Seinen eigenen Anteil an Bersets Sieg spielt Wild herunter. «Das war nicht mein Verdienst, sondern der Kompetenz von Alain Berset geschuldet.»
Während in der Ukraine Bomben fallen, passiert das Lobbying in Strassburg in gemütlicher Umgebung, bei Häppchen und Apéro. «Doch die kommen erst nach einem zwölfstündigen Arbeitstag. Oft wäre ich dann lieber bei der Familie oder einem guten Buch. Aber es gehört dazu, dass man informell die neusten Infos bekommt.»
Der Europarat in Strassburg gilt als der Hüter der Menschenrechte. Sein Ruf ist nicht überall der beste, «auch weil man ihn schlecht kennt» – doch für Wild ist er weiterhin wichtig, auch im Hinblick auf die Ukraine. «Es ist die einzige multilaterale Organisation, die zum Krieg in der Ukraine Entscheidungen treffen kann.» Der UNO-Sicherheitsrat werde bei diesem Thema von Russland blockiert, erinnert er.
Zum Europarat gehört auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, der kürzlich die Schweiz wegen mangelhaften Klimaschutzes verurteilte. Die Schweizer Antworten und Massnahmen darauf seien jedoch vom Europarat positiv aufgenommen worden.
Für die Freiheit einstehen
Schon mit 16 Jahren war für Wild klar, dass er Diplomat werden wollte. Während der Gymi-Zeit spielten sie in einem Freifach die UNO-Versammlung nach. «Da war mir klar, dass ich das für die Schweiz machen und ich für ihre Freiheit einstehen will.»
Trotz immer mehr Krieg: Die Schweizer Neutralität brauche es weiterhin. «Aber es braucht eine gewisse Flexibilität, um die Werte der Schweiz zu vertreten.» Ein Mittel für Frieden sei die Diplomatie. «Solange es Menschen auf dieser Welt bewusst ist, dass sie ein gemeinsames Schicksal teilen, kann man auch eine gemeinsame Lösung finden.» Eine Lösung ganz ohne Patronenkugeln.