Darum gehts
Donald Trump (80) kennt Verräter. Zumindest glaubt man das, wenn man ihm zuhört. Acht Jahre lang wetterte er gegen sie: gegen abtrünnige Republikaner, das Establishment in Washington, gegen all jene, die seiner «America First»-Bewegung angeblich in den Rücken fallen. Jetzt steht Trump plötzlich selbst auf der anderen Seite dieses Vorwurfs.
Ausgerechnet einige seiner einst treusten Mitstreiter erklären den Präsidenten zum Verräter an der eigenen Sache. Tucker Carlson (57), Marjorie Taylor Greene (52), Thomas Massie (55) und Trumps ehemaliger Sicherheitsberater Joe Kent (46) sammeln sich zu einer neuen «America First»-Bewegung. Sie sprechen über einen eigenen Präsidentschaftskandidaten für 2028, schliessen selbst eine neue Partei nicht aus. Ihr Vorwurf könnte für Trump kaum gefährlicher sein: Nicht sie hätten MAGA («Make America Great Again») verlassen. Trump habe MAGA verlassen.
«MAGA wurde betrogen»
In den Augen der Rebellen ist aus dem Mann, der Washington aufmischen wollte, selbst ein Teil Washingtons geworden. Trump versprach «America First» – und führte die USA in einen Krieg gegen Iran. Er versprach weniger Verstrickung in Konflikte anderer Länder – und hält am engen Schulterschluss mit Israel fest. Er versprach Transparenz – doch die Epstein-Akten sind noch immer nicht vollständig öffentlich.
Tucker Carlson bringt den Frust auf den Punkt: «MAGA wurde betrogen.» Vergangene Woche präsentierte er zehn eigene Prinzipien für Amerikas Zukunft: weniger Auslandskriege und Lobbyismus, einen Einwanderungsstopp und eine Wirtschaftspolitik, die Industrie, Landwirtschaft und Handwerk bevorzugt.
Trump hat sein eigenes Monster geschaffen
Das Paradoxe daran: Politisch hat Trump eigentlich gewonnen. Im September 2022 bezeichneten sich laut dem «Economist» 38 Prozent der Republikaner als MAGA-Republikaner. Im Mai dieses Jahres waren es bereits 62 Prozent. Trump hat die Partei nach seinem Bild umgebaut. Genau dieser Erfolg könnte ihm nun gefährlich werden. MAGA ist längst mehr als ein Wahlkampfslogan. Es ist eine politische Identität mit eigenen Medien, Influencern und Geldgebern. Erstmals versuchen einflussreiche Figuren, diese Identität von Trump zu lösen.
Greene spricht von «überwältigender» Unterstützung, selbst grosse Geldgeber hätten Interesse signalisiert. Kent will zunächst eine Bewegung aufbauen. Später könne daraus eine neue Partei entstehen.
Noch sollte Trump die Revolte allerdings nicht mit einer Revolution verwechseln. Seine Macht über die Basis sitzt weiterhin fest. Selbst beim Iran-Krieg, der den Aufstand prominenter MAGA-Stimmen ausgelöst hat, unterstützten laut «Economist» und YouGov 83 Prozent der MAGA-Republikaner Trumps Kurs.
Im November braucht Trump jeden
Schon bei den Midterms in drei Monaten könnte die Revolte trotzdem Folgen haben. Enttäuschte Republikaner müssen nicht Demokraten wählen, um Trump zu schaden. Sie müssen nur zu Hause bleiben. Während 62 Prozent der besonders Trump-treuen Republikaner angaben, extrem motiviert für die Wahl zu sein, waren es bei stärker parteigebundenen Republikanern nur 49 Prozent.
Gleichzeitig wächst die Unzufriedenheit mit dem Zweiparteiensystem, so eine Gallup-Umfrage. 45 Prozent der Amerikaner bezeichneten sich im vergangenen Jahr als unabhängig – der höchste Wert seit mindestens 1988. Heuer treten zudem so viele unabhängige Kongresskandidaten an wie in keinem Wahlzyklus seit mindestens 2000.
Eine neue MAGA-Partei müsste also gar nicht gewinnen. Schon eine Bewegung, die rechte Wähler demobilisiert oder republikanische Vorwahlen durcheinanderbringt, könnte Trump wehtun.
Der Kampf um die Zeit nach Trump läuft
Noch grösser wird die Unsicherheit mit Blick auf 2028. Trump kann dann nicht noch einmal antreten. MAGA muss entscheiden, wer die Bewegung erbt.
Vizepräsident J. D. Vance (42) steht den «America First»-Positionen der Rebellen nahe. Baut Trump ihn zum Nachfolger auf, könnte der Bruch zwischen Trump und der neuen MAGA-Bewegung noch gekittet werden. Bei Aussenminister Marco Rubio sähe das anders aus: Seine interventionistischere Aussenpolitik widerspricht dem Kurs, den Carlson und Co. nun zum Kern des «wahren» MAGA erklären. Und dann wäre da Carlson selbst. Bislang will er nicht kandidieren. Kent hofft dennoch öffentlich, Carlson wache eines Morgens auf und beschliesse, anzutreten.
Eine eigene Partei bleibt das unwahrscheinlichere Szenario. Noch nie hat ein Drittparteikandidat eine US-Präsidentschaftswahl gewonnen. Gefährlicher für Trump und seine Partei ist der Kampf innerhalb der Republikaner: um Kandidaten, Geldgeber, Medienmacht – und darum, wer 2028 das Etikett «America First» für sich beanspruchen darf.