Star-Chirurg Thierry Carrel rettet Kinderleben in der Mongolei
Sein Patient wollte ihm ein Pferd schenken

Schon unzählige Leben hat er gerettet. Seit zwei Jahren reist der Schweizer Chirurg Thierry Carrel regelmässig in die Mongolei – um dort unentgeltlich herzkranke Kinder zu operieren. Eine strapaziöse Tour durch ein weites, dankbares Land.
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Beim Untersuch im Spital Dornogovi Aimag, dem grössten medizinischen Zentrum der Provinz Dornogovi, trifft Thierry Carrel, 66, auf die sechsjährige Sarantuya. Vor neun Monaten hat er ihr Herz operiert. Heute geht es der Kleinen gut.
Foto: Nicolas Righetti

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Thierry Carrel operiert seit 2024 Kinderherzen in Ulan Bator
  • Carrel brachte 60 Kilo Material aus Schweizer Kliniken mit
  • Mehr als 100 Auslandseinsätze seit 1996
Text: Thomas Kutschera, Fotos: Nicolas Righetti
Schweizer Illustrierte

Nach neun Flugstunden ist er um 4.30 Uhr in Ulan Bator gelandet. Eine kurze Dusche im Hotel im Zentrum der mongolischen Hauptstadt, dann marschiert Thierry Carrel (66) ins nahe gelegene Songdo-Hospital.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

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In drei Koffern bringt er 60 Kilo Material mit, das er in Schweizer Kliniken zusammengesammelt und bei Medtech-Firmen gekauft hat. Der einheimische Herzchirurg Bundan Boldsaikhan, 63, empfängt seinen Schweizer Berufskollegen mit offenen Armen. «Willkommen, mein Freund! Schön, bist du wieder hier.»

«Wir sind gute Freunde.» Der einheimische Herzchirurg Bundan Boldsaikhan (in OP-Kleidung) begrüsst den Schweizer bei dessen Ankunft im Songdo-Spital in Ulan Bator. Rechts im Regal steht Carrels neues Buch.
Foto: Nicolas Righetti

Auf seinem Bürosofa bespricht Dr. B. – wie er im ganzen Land genannt wird – mit Carrel ihre Operationen der kommenden Tage sowie die Tour in der Wüste Gobi. Es klopft, Bold Uganbayar steht in der Tür. Dem Pferdehirten ist zu Ohren gekommen, dass der Schweizer Chirurg wieder da sei. Dieser erkennt ihn sofort: Vor einem Jahr hat er den 35-Jährigen am Herz operiert, mit einem speziellen Eingriff, der in der Mongolei noch nie durchgeführt worden war. «Bayer lalaa» (Danke auf Mongolisch), sagt der Hirte und drückt Carrel lange die Hand: «Sie haben mir das Leben gerettet.» Zum Dank will er ihm eines seiner zwei Pferde schenken, etwas anderes habe er nicht. Carrel schüttelt den Kopf: «Das Pferd soll es weiterhin gut bei Ihnen haben. Ich hoffe, Ihr Herz schlägt noch viele Jahre.» Eine halbe Stunde später steht Carrel im Operationssaal und repariert mit Dr. B. und dessen Team den angeborenen Herzfehler eines zweimonatigen Mädchens. Das Herz ist so gross wie eine Walnuss.

«Sie haben mir ein neues Leben geschenkt.» Nyamdorj Otgonmunkh (Mitte) und sein Vater bedanken sich vor dem Spital von Mandalgovi. 2025 hat Carrel den schwerkranken Jungen mit einem komplexen Eingriff operiert.
Foto: Nicolas Righetti

12'000 Herzen hat Thierry Carrel in seinem Leben schon operiert. Der gebürtige Fribourger ist einer der renommiertesten Herzchirurgen Europas. Zwischen 1999 und 2020 leitete er die Klinik für Herz- und Gefässchirurgie am Inselspital Bern, danach arbeitete er mit Paul Vogt am Wiederaufbau der Herzchirurgie des Unispitals Zürich. Heute ist er in verschiedenen Kliniken in der Schweiz und Europa tätig und FDP-Gemeinderat in Vitznau LU. Dort lebt er mit seiner Frau, SRF-Moderatorin Sabine Dahinden (57).

Schon mehr als 100-mal seit 1996 ist Carrel während seiner Freizeit in Länder gereist, in denen sich die meisten Eltern von Kindern mit angeborenem Herzfehler einen derartigen Eingriff nicht leisten können – um dort unentgeltlich zu operieren. Früher sei die Bereitschaft von Schweizer Ärzten, ihn zu begleiten, grösser gewesen, sagt Carrel. 2014 gründete er Corelina, die Stiftung für das Kinderherz, dafür operierte er schon in Russland, Chile, Marokko und Usbekistan.

Sarantuya, 6, nach ihrer Kontrolluntersuchung. Ihr Name bedeutet Mondschein. Sechs Spitäler besucht das Team auf der Tour.
Foto: Nicolas Righetti

Bis er vor zwei Jahren eine Anfrage aus Ulan Bator bekam, über die Länderverantwortlichen der Deza, der Eidgenössischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit. In der Mongolei, schrieb sie, gebe es die angesehene Bundan-Kinderherzstiftung von Dr. Boldsaikhan, diese brauche Unterstützung. Kurz darauf reiste Carrel im September 2024 nach Ulan Bator, unterhielt sich mit Dr. B, schaute bei seinen Herzoperationen zu. «Die Bundan-Foundation ist sein Lebenswerk. Sie dient demselben Zweck wie meine Stiftung Corelina.» Seither war Carrel achtmal hier, jede Mission dauert zehn Tage, an jedem Tag operiert er bis zu drei Kinderherzen.

Minutiöse Vorbereitung

Nun ist Thierry Carrel einmal mehr in der Mongolei im Einsatz. Das ostasiatische Land, das im Norden an Russland und im Süden an China grenzt, ist flächenmässig 38-mal so gross wie die Schweiz, 70 Prozent sind karges Weideland. Fast die Hälfte der 3,5 Millionen Einwohner leben in der Hauptstadt, die anderen in den Bergen und als Nomaden in den Steppen der Wüste Gobi, mit Pferden und Kamelen in unberührter Natur. Im Sommer ist es dort 45 Grad heiss, im Winter bis zu –50 Grad kalt. Ein Drittel der Bevölkerung kommt mit 3.50 Franken pro Tag aus. «Dieses Land mit seinen liebenswerten Menschen ist mir ans Herz gewachsen.»

An den ersten zwei Tagen der Mission sind es fünf Operationen, die Boldsaikhans siebenköpfiges Team und der Schweizer durchführen. Die Kosten übernimmt die Bundan-Stiftung. Ein Prozent der Neugeborenen wird mit einem Herzfehler geboren, wie überall auf der Welt: Ventrikelseptumdefekt, Aortenbogen-Unterbruch, Ebstein-Anomalie der Trikuspidalklappe. Vor jeder Operation ist Carrel die Patientenunterlagen durchgegangen, hat die letzten Veröffentlichungen gelesen und auf dem Laptop entsprechende Videos erfahrener Chirurgen studiert. «Für den Fall unerwarteter Schwierigkeiten habe ich immer einen Plan B im Kopf.» Auf dem Nachttisch liegt die Schrift, die Carrel stets bei sich hat: «Handbuch der Weisheiten der gewöhnlichen Welt» vom Philosophen Joseph Maria Bochenski.

Die Leitung bei den Operationen hat Dr. B., assistiert wird er von Dr. Khaschuluun und seinem Sohn Onon, 30. Mit einigen Ausnahmen: Bei komplexen Eingriffen, die in der Mongolei noch nie gemacht wurden, ist Carrel der Chef-Operateur. Der Gast legt Wert auf Nachhaltigkeit. «Ich bin hier, um zu helfen und zu assistieren. Und um mein Wissen und meine Erfahrung weiterzugeben. Wir arbeiten sehr gut zusammen.» Der Schweizer greift nur dann ein, wenn er merkt, «dass es zu langsam geht oder sie zu wenig sicher sind».

Zwischen zwei Spitalterminen gönnt sich der Schweizer bei Dalandsadgad einen Ausritt auf einem Mongolischen Pferd. Mit Führer Mendee beobachtet er einen Steinadler.
Foto: Nicolas Righetti

Vor Kurzem hat er der mongolischen Narkose-Chefärztin ein Praktikum bei einem mit ihm befreundeten Professor am Deutschen Herzzentrum in München eingefädelt. «Die medizinische Ausbildung in der Mongolei ist nicht auf demselben Niveau wie bei uns.» Doch die einheimischen Assistenzärzte lernen schnell. Mit etwas aber hadert der Schweizer: «Die Abläufe könnten etwas strukturierter sein.» Immer wieder bringt er dezent entsprechende Vorschläge ein.

«Zum Glück habe ich ein gesundes Herz»

Nach zwei Tagen im Spital geht es für fünf Tage in die menschenleere Wüste Gobi. Viermal im Jahr machen Dr. B. und seine Equipe Touren durch einen Landesteil, um in abgelegenen Provinzspitälern herzkranke Nomadenkinder zu untersuchen. Thierry Carrel ist zum ersten Mal auf einer solchen Outreach-Tour: Um 6 Uhr geht es los, zwölf Herzchirurgen und Kardiologen in vier Geländewagen. Im Gepäck Ultraschallgeräte, Kinderspielzeug, Zelte, Campingkocher, Esswaren. Entlang der Geleise der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Peking geht es auf holprigen Strassen südwärts in die Einsamkeit der Wüste. Ab und zu ist eine Jurte zu sehen, eine Herde zweihöckriger Kamele.

45 Grad Hitze, Halt mitten in der unendlichen Steppe. Die Hirtentochter hat den Schweizer sofort zur Kamelherde ihrer Familie geführt.
Foto: Nicolas Righetti

450 Kilometer von Ulan Bator der erste Halt, im einfach eingerichteten Spital der Stadt Sainshand. Brütende Hitze. Der Gang ist voll von Müttern mit ihren herzkranken Kindern. Zehn Tage vorher sind sie auf der Facebook-Seite der Bundan-Stiftung (sie hat eine halbe Million Follower) darauf aufmerksam gemacht worden, dass heute Dr. B. im Spital sei. In diversen Zimmern machen die Ärzte ihre Untersuchungen, in einem Carrel und Onon Boldsaikhan, der auch übersetzt.

«Sain un – guten Tag», begrüsst der Schweizer die Mutter eines fünfmonatigen Mädchens. Mit seinem Stethoskop hört er die Herzgegend ab, schaut sich Ultraschallbilder an. Dann ist Onon an der Reihe. «Dein Befund?», fragt Carrel. Der Mongole: «Loch zwischen beiden Kammern und offener Ductus. Dringende Operation wegen des hohen Lungendrucks! Am besten, sobald wir in Ulan Bator zurück sind.» Carrel nickt: «Sonst hätte das Kind eine deutlich eingeschränkte Lebenserwartung.» Die Mutter ist verzweifelt, ihre Familie hat kein Geld für ein Taxi, öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht. Ein Bundan-Mitarbeiter organisiert den Transport in die auf 1400 Meter über Meer gelegene Hauptstadt, die Kosten übernimmt seine Stiftung.

Dutzende Mütter warten in den Spitälern auf die Untersuchung ihrer herzkranken Kinder. Dieser Bub ist nach kleinster Anstrengung erschöpft. Thierry Carrel wird ihn bei seiner nächsten Mission im September operieren.
Foto: Nicolas Righetti

«Ohne die Reihenuntersuchungen von Dr. B. würden viele Kinder sterben. In den abgelegenen Regionen des Landes ist die ärztliche Versorgung rudimentär», sagt Carrel auf der fünfstündigen Fahrt über Sandpisten. Sein Blick wandert über die flache, unendlich weite Steppenlandschaft. «Hier meine ich sehen zu können, dass die Erde rund ist.» Nach der Arbeit gehts nochmals stundenlang über holprige Pisten zum Schlafplatz. Unter ein paar windzerzausten Saxaul-Bäumen im menschenleeren, staubigen Niemandsland stellt das Team Zelte auf, Carrel hilft mit – trotz Migräne. «Zu viel Sonne, zu viel Geholper, zu wenig getrunken.»

Zum schaffleischlastigen Znacht packt er eine Packung Bündnerfleisch und eine Dose Pfirsichhälften aus. Stille, am Himmel prangt ein Sternenmeer. Am folgenden Morgen sagt er: «Vor dem Einschlafen sprach ich ein Dankesgebet – weil ich hier wirklich helfen kann. Meine Gedanken waren bei meiner Frau und Tochter. Eine Rega gibts hier nicht, weder für mich noch für die kleinen Patientinnen und Patienten.» Zum Glück sei sein Herz gesund. Carrel schaut möglichst gut zu sich: gesunde Ernährung, regelmässige Fahrten mit dem Rennvelo, Bergwanderungen – «und möglichst wenig Ärger».

Eine Nacht auf ihrer Tour zu Provinzspitälern in der Wüste Gobi verbringen Carrel (Bild) und das einheimische Ärzteteam unter freiem Himmel.
Foto: Nicolas Righetti

Sechs Spitäler besucht das Team auf der 2000 Kilometer langen Tour. Dutzende von Kindern und Jugendliche haben sie nun untersucht, Medikamente verschrieben, 15 Operationen angeordnet. Über staubige Pisten braust die Wagenkolonne zurück Richtung Ulan Bator. Thierry Carrel ist müde. Per Whatsapp schickt er seiner Sabine ein paar Fotos, eine kurze Botschaft: «Mir gehts gut.» Dank Elon Musks Satellitendienst Starlink gibts eine gute Internetverbindung im Wagen. Warum tut sich der Vater einer 32-jährigen Tochter solche Strapazen an? «Da ist zuoberst die Leidenschaft für meinen Beruf! Ich bin fit, habe ruhige Hände und gute Augen. Auf dem Golfplatz zu stehen, wäre mir zu wenig.» Es sei ein Privileg, in der Schweiz geboren zu sein. «Die Nomaden hier müssen eine Stunde reiten oder fahren, um Wasser aus einem tiefen Loch zu holen.» Er könne die Welt nicht verändern. «Doch was wir hier machen, ist wertvoll. Auch wenn es nur ein Tropfen im Ozean der Armut ist.»

Die fünftägige Tour auf den holprigen Pisten macht müde. Eine Nacht verbringt Carrel in einer Jurte eines Touristencamps. Doch der starke Wind lässt ihn schlecht schlafen.
Foto: Nicolas Righetti

Am Morgen nach der Ankunft macht Carrel im Songdo-Hospital als Erstes eine Visite auf der Intensivstation. Er hat Freude: Alle Patienten, die er vor ein paar Tagen operiert hat, sind wohlauf. Dann gehts in den Operationssaal. An den letzten zwei Tagen seiner aktuellen Mission stehen sechs Eingriffe auf dem Programm, auch jener beim Mädchen aus Saishand. Sie verlaufen ohne Komplikationen. Eine Mutter schenkt Carrel eine kleine Jurte aus Keramik mit einer Kerze.

Abflugtag. Beim Warten aufs Flughafentaxi wandert Carrels Blick hinüber zum Songdo-Spital. «Bei jedem Abschied hier beschleicht mich Melancholie. Was ist mit den Patienten, wenn ich weg bin? Was, wenn ich einmal nicht mehr kommen kann?» Seine Arbeit trägt Früchte – er ist guten Mutes. «Die jungen Ärzte hier haben grosse Fortschritte gemacht, sie sind hoch motiviert.» Einige Jahre möchte er seine Mission hier fortführen, fünf- bis sechsmal jährlich seinen mongolischen Kollegen helfen. «So Gott will.»

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