Spannungen unter den beiden Partnern im Irankrieg
Warum Israel und die USA plötzlich unterschiedliche Kriegsziele verfolgen

Israel wollte rasche Erfolge – und die USA bekamen einen zermürbenden Krieg. Eine zentrale Fehleinschätzung des Mossad hat nicht nur die Strategie untergraben, sondern treibt nun einen Keil zwischen Jerusalem und Washington. Mit potenziell historischen Folgen.
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Noch Seite an Seite im Krieg – doch hinter den Kulissen wachsen die Differenzen zwischen Trump und Netanyahu.
Foto: Getty Images

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Chiara SchlenzAusland-Redaktorin

Der Satz klang wie ein Versprechen – oder wie eine Drohung: «Übernehmt die Macht in eurer Regierung: Sie gehört euch.» US-Präsident Donald Trump (79) rief die Iraner zu Beginn des Krieges am 28. Februar offen zur Revolte auf. Was folgte, war – bisher nichts. Keine Massen auf den Strassen. Kein Aufstand. Kein Kollaps der Regierung. Stattdessen: ein Krieg, der sich festfrisst. Und eine Allianz, die zu bröckeln beginnt.

Denn was als gemeinsamer Angriff von Israel und den USA begann, entwickelt sich gerade zu zwei völlig unterschiedlichen Kriegen – mit zwei völlig unterschiedlichen Zielen. Und im Zentrum dieser Entwicklung steht eine folgenschwere Fehleinschätzung des israelischen Geheimdiensts Mossad.

Der Plan: Krieg von oben, Revolution von unten

Die Idee dahinter war so simpel wie riskant: Luftschläge sollten das Regime schwächen, gezielte Tötungen die Führung destabilisieren – und im Innern des Irans würde das Volk den Rest erledigen. Mossad-Chef David Barnea (60) hatte genau dieses Szenario skizziert. Innerhalb weniger Tage könnten Aufstände entstehen, ein Flächenbrand, vielleicht sogar der Sturz der Regierung. Spätestens nach einem Jahr sollte der Regimesturz erfolgt sein, so Barnea laut «New York Times».

Doch dieser Plan hatte einen entscheidenden Haken: Er basierte nicht auf Realität, sondern auf Hoffnung.

Die Realität: Keine Revolte, kein Kollaps

Denn ein Monat nach Kriegsbeginn ist die Bilanz ernüchternd. Das Regime in Teheran ist angeschlagen, aber intakt. Die Menschen gehen nicht auf die Strasse – «sie würden getötet werden», bringt es ein ehemaliger US-Regierungsbeamter gegenüber New York Times auf den Punkt. Oder, wie Trump selbst später einräumte: Sicherheitskräfte würden Demonstranten «wohl erschiessen».

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Mossad-Chef Barnea setzte auf einen schnellen Umsturz im Iran – der ausblieb.
Foto: AFP

Mit anderen Worten: Die zentrale Annahme dieses Krieges ist kollabiert. Und genau das verändert alles. Denn ohne inneren Aufstand bleibt nur der militärische Weg – und der ist lang, teuer und politisch hochriskant. In Washington war diese Skepsis von Anfang an vorhanden. US-Geheimdienste hielten eine Massenrevolte für «relativ unwahrscheinlich».

Trotzdem setzte sich die optimistische Linie durch. Auch weil der israelische Premier Benjamin Netanyahu (76) sie aktiv nutzte, um Trump vom Angriff zu überzeugen. Heute wirkt das wie ein strategischer Bumerang.

Die Risse in Washington

Während Israel weiter auf Eskalation setzt, wächst in den USA die Nervosität. Die Unterstützung für den Krieg ist schwach und beginnt weiter zu sinken. Weniger als die Hälfte der Amerikaner steht dahinter. Noch brisanter: Die ersten Risse gehen auch durch das republikanische Lager.

Das ist kein Nebenschauplatz – das ist tektonisch. Denn die Unterstützung für Israel war in den USA jahrzehntelang fast sakrosankt. Wenn nun selbst konservative Stimmen zu zweifeln beginnen, dann steht mehr auf dem Spiel als dieser Krieg. Dann steht die politische Grundlage der Allianz zur Disposition.

Zwei Kriege, zwei Logiken

Und genau hier liegt die eigentliche Sprengkraft der Mossad-Fehleinschätzung. Während Israel den Krieg als existenziellen Kampf interpretiert – geprägt vom Trauma des 7. Oktober 2023 und einer Logik maximaler Sicherheit – beginnt die US-Regierung ihn als strategisches Problem zu betrachten, das möglichst schnell eingehegt werden muss.

Israel denkt in historischen Kategorien. Die USA denken zunehmend in Exit-Strategien. Das zeigt sich konkret auf dem Schlachtfeld – und dahinter. Washington bremst etwa bei riskanten Eskalationsschritten, etwa bei der Einbindung kurdischer Milizen. Israel hingegen sucht weiter nach Wegen, den Druck zu erhöhen und doch noch eine Dynamik im Innern Irans auszulösen.

Die schleichende Entkopplung

Es kommt zu einer schleichenden Entkopplung. Israel will den Regimewechsel und den Iran möglichst langfristig schwächen. Die USA hingegen suchen zunehmend nach einem Ausweg – sei es durch Verhandlungen oder zumindest durch eine Begrenzung der Eskalation. Was bleibt, ist eine Allianz unter Stress.

Denn wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass die zentrale strategische Annahme – der Aufstand im Iran – nie realistisch war, dann stellt sich erneut die Frage: Auf welcher Grundlage basiert dieser Krieg?

Die aktuelle Dynamik deutet auf eine unbequeme Antwort hin: Der Mossad hat nicht nur Informationen geliefert, sondern Erwartungen geschaffen. Erwartungen, die politisch zu attraktiv waren, um sie zu hinterfragen. Das Ergebnis ist ein Krieg ohne klares Endspiel.

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