Darum gehts
Die Bomben haben eine kleine Insel im Persischen Golf getroffen – doch die Folgen könnten weit über diesen Korallenfelsen hinausreichen. US-Kampfflugzeuge griffen am Freitag militärische Anlagen auf der iranischen Ölinsel Kharg an. Startbahn, Raketenlager, Marineeinrichtungen – alles zerstört, meldete US-Präsident Donald Trump (79).
Doch der Angriff ist mehr als ein weiterer Luftschlag im Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran. Er fällt in eine Phase, in der Washington militärisch deutlich nachlegt – und plötzlich eine Frage im Raum steht, die lange als Tabu galt: Marschieren die Amerikaner nun im Iran ein?
Die heikle Frage der Bodentruppen
Parallel zu den Angriffen auf Kharg verstärken die USA ihre Militärpräsenz im Nahen Osten massiv. Wie das Portal Axios berichtet, werden zusätzliche Kriegsschiffe, Kampfflugzeuge und rund 2500 Marineinfanteristen in die Region verlegt. Diese Kräfte könnten laut einem hochrangigen US-Beamten auch für mögliche Bodeneinsätze eingesetzt werden, wie unter anderem die «New York Times» berichtet.
Luftschläge sind die eine Sache. Bodentruppen eine völlig andere. Solange Washington nur aus der Luft operiert, bleibt der Krieg begrenzt kontrollierbar. Bomber kommen, schlagen zu, verschwinden wieder. «Boots on the ground» bedeuten: Gelände sichern, Anlagen besetzen, gegen Gegenangriffe kämpfen.
Trump hat eine Entsendung von Bodentruppen bisher bewusst nicht ausgeschlossen. «Alles liegt auf dem Tisch», sagte er laut amerikanischen Medien. Sobald amerikanische Soldaten iranischen Boden betreten, verändert sich die Dynamik eines Krieges grundlegend.
Iran ist kein zweiter Irak
Militärexperten halten eine gross angelegte Invasion wie in den frühen 2000er-Jahren im Irak zwar für unwahrscheinlich. Der Iran ist fast viermal so gross wie der Irak und von Gebirgen durchzogen – militärisch ein extrem schwieriges Terrain. Wahrscheinlicher wären begrenzte Spezialoperationen gegen einzelne Ziele.
Wie Analysten gegenüber Al Jazeera erklären, könnten solche Missionen etwa darauf abzielen, iranische Atomanlagen zu sichern oder angereichertes Uran zu beschlagnahmen. Dafür müssten amerikanische Soldaten tatsächlich ins Land eindringen – unterstützt von Fallschirmjägern oder Spezialeinheiten. Auf dem Papier klingt das nach einem schnellen Schlag. In der Realität kann genau dort ein Krieg entgleiten.
Denn selbst begrenzte Einsätze brauchen Schutztruppen, Luftunterstützung und Logistik. Wenn iranische Kräfte Widerstand leisten oder regionale Milizen eingreifen, könnten die USA gezwungen sein, immer mehr Soldaten nachzuschicken. Ein Muster, das aus früheren Kriegen nur allzu bekannt ist. Und genau hier kommt die Insel Kharg wieder ins Spiel.
Warum Kharg im Zentrum steht
Der unscheinbare Ort ist strategisch enorm wichtig. Wie CNN berichtet, laufen rund 90 Prozent der iranischen Ölexporte über die Insel. Tanker werden dort rund um die Uhr beladen, Millionen Barrel Rohöl verlassen täglich den Hafen. Für die iranische Wirtschaft ist Kharg damit eine Lebensader. Ein Angriff auf die Ölterminals – möglicherweise mittels einer begrenzten Spezialoperation der USA – könnte eine noch grössere Eskalation auslösen. Iran hat bereits angekündigt, in diesem Fall Energieanlagen im gesamten Nahen Osten ins Visier zu nehmen.
Und während Washington über mögliche Bodeneinsätze nachdenkt, droht eine weitere Front im Norden der Region. Wie Axios schreibt, plant Israel offenbar eine massive Ausweitung seiner Bodenoffensive im Libanon. Ziel wäre die Einnahme des gesamten Gebiets südlich des Litani-Flusses und die Zerschlagung der militärischen Infrastruktur der Hisbollah. Ein israelischer Beamter sagte dem Portal: «Wir machen, was wir in Gaza gemacht haben.»
Der grösste Einmarsch seit 2006?
Sollte diese Offensive beginnen, wäre es die grösste israelische Bodeninvasion im Libanon seit dem Libanonkrieg 2006. Damit zeichnet sich ein Szenario ab, das die Region gleichzeitig an mehreren Fronten destabilisieren könnte. Die Bomben auf Kharg zeigen deshalb vor allem eines: Der Krieg bewegt sich Schritt für Schritt auf eine neue Eskalationsstufe zu.
Noch kämpfen die USA aus der Luft. Doch je stärker der Druck auf Iran wird, desto näher rückt die Entscheidung, die Washington eigentlich vermeiden wollte. Ob amerikanische Soldaten irgendwann doch iranischen Boden betreten müssen.