Schwacher Kanzler, starke AfD – kippt jetzt alles?
«Letzte Chance» – Merz kämpft gegen den Untergang

Mit seinem «Spiegel»-Interview wollte Kanzler Friedrich Merz Stärke zeigen – doch er offenbart Zweifel, Nervosität und eine Regierung im Krisenmodus. Während die Koalition wankt, zieht die AfD davon. Ist das schon der Anfang vom Ende?
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Friedrich Merz steht ein Jahr nach Amtsantritt unter massivem Druck – sein eigenes Interview zeigt, wie ernst die Lage wirklich ist.
Foto: AFP

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Chiara SchlenzAusland-Redaktorin

«Das hier ist eine der letzten grossen Chancen der politischen Mitte.» Mit «das hier» meint Bundeskanzler Friedrich Merz (70) im «Spiegel»-Interview nichts Geringeres als seine eigene Regierung – also den Versuch von Union und SPD, das Land politisch zu stabilisieren und den Aufstieg der Ränder zu stoppen. Ein Satz, der wie ein Alarmsignal wirkt. Noch deutlicher wird es, als Merz den Zustand dieser Regierung selbst einordnet: Auf einer Skala von 0 bis 100 stehe man «bisher nicht bei 50».

Heisst übersetzt: Nicht einmal die Hälfte dessen, was er sich vorgenommen hat, ist erreicht. Die grossen Reformen fehlen, die Überzeugungskraft ebenso. Man muss sich das klarmachen: Ein Kanzler, keine zwölf Monate im Amt, stellt seiner eigenen Regierung ein Halbzeitzeugnis aus – und fällt dabei durch. Das ist bemerkenswert ehrlich. Und zugleich ein politischer Offenbarungseid.

Regierung im Sinkflug

Denn dieser Satz steht nicht für sich. Er passt erschreckend gut zur Stimmung in Berlin. Hinter den Kulissen ist längst von einer handfesten Regierungskrise die Rede, berichtet «Bild». Im Umfeld des Kanzlers kursieren Misstrauen, Schuldzuweisungen – und sogar Gedankenspiele über eine Vertrauensfrage im Bundestag.

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Friedrich Merz wollte im «Spiegel» Stärke zeigen – doch seine eigenen Worte lassen Zweifel an seiner Führung aufkommen.
Foto: imago/Andreas Gora

Das ist die Vorstufe zum Kontrollverlust. Wenn ernsthaft darüber nachgedacht wird, die eigene Mehrheit auf die Probe zu stellen, dann geht es nicht mehr um taktische Spielchen. Dann geht es ums Überleben. Gleichzeitig wirkt die Koalition wie ein Bündnis ohne inneren Kompass. Die Union drängt auf Reformen, die SPD bremst – und herauskommen Kompromisse, die niemanden wirklich überzeugen.

Der Kanzler als «Mimose»

In dieser Lage wollte Merz offenbar ein anderes Bild zeichnen: das eines reflektierten, erklärenden Kanzlers. Doch genau dabei unterläuft ihm ein schwerer Fehler. Im «Spiegel» beklagt er sich über den Ton in den sozialen Medien. «Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen», sagt er.

Das mag subjektiv so empfunden sein. Politisch wirkt es wie ein Hilferuf. Ein Kanzler, der sich über Kritik beklagt, verliert automatisch an Autorität. Führung entsteht nicht durch Empfindlichkeit, sondern durch Souveränität. Genau deshalb kommt die Kritik selbst aus den eigenen Reihen: Die «Opferrolle» passe nicht zur CDU, heisst es – Merz dürfe nicht wie eine Mimose wirken.

Das trifft einen wunden Punkt. Der frühere Oppositionsführer, der mit scharfer Klinge argumentierte, wirkt plötzlich defensiv. Dünnhäutig. Fast überrascht von der Härte des politischen Geschäfts – obwohl er es selbst jahrelang geprägt hat.

Und hier liegt das eigentliche Problem: Während Merz schwächelt, wirkt sein politischer Hauptgegner stärker denn je. Die AfD inszeniert sich als klare, kompromisslose Kraft. Es ist ein Kontrast, der politisch verheerend ist. Denn Politik ist auch Wahrnehmung – und aktuell wirkt der Kanzler defensiv, während die Opposition auf Angriff spielt.

Zahlen, die wehtun

Während Merz im Interview um Verständnis wirbt, sprechen auch die Zahlen eine andere Sprache. Nur noch 15 Prozent der Deutschen sind laut Forsa-Umfragen mit seiner Arbeit zufrieden, 83 Prozent unzufrieden. Die Union fällt auf 22 Prozent – die AfD zieht mit 27 Prozent davon.

Noch gravierender ist ein anderer Wert: Erstmals trauen mehr Menschen der AfD zu, die Probleme des Landes zu lösen, als der CDU – 14 gegen 13 Prozent. Das ist mehr als ein Stimmungstief. Es ist ein Vertrauensverlust in die Regierungsfähigkeit der politischen Mitte – genau jener Mitte, deren «letzte Chance» Merz beschwört. Hat er sie längst verpasst?

Koalition auf Abruf

Parallel dazu zerreibt sich die Regierung intern. In der Union heisst es, Merz lasse sich von SPD-Chef Lars Klingbeil (48) regelmässig über den Tisch ziehen. In der SPD wiederum klagt man, der Kanzler habe seine eigene Mannschaft nicht im Griff.

Es ist ein toxischer Mix: fehlendes Vertrauen, schlechte Kommunikation, strategische Unklarheit. Selbst im Kanzleramt knirscht es – Personalprobleme, Abstimmungschaos, offene Konflikte. Kurz gesagt: Diese Regierung kämpft nicht nur mit den Problemen des Landes. Sie kämpft vor allem mit sich selbst.

Ein Jahr – und schon Endspiel?

Dass Merz kommende Woche erst ein Jahr im Amt ist, verleiht der Situation zusätzliche Dramatik. Normalerweise gilt das erste Jahr als Phase der Orientierung. Fehler werden verziehen, Konflikte relativiert. Bei Merz ist davon nichts zu spüren. Stattdessen stellt sich bereits jetzt die Frage nach dem «Point of no return» – dem Punkt, an dem eine Regierung nicht mehr zu retten ist.

Sein «Spiegel»-Interview wirkt in diesem Kontext wie ein unfreiwilliges Zeitdokument. Es zeigt einen Kanzler, der die Krise erkennt – aber keine überzeugende Antwort darauf hat. Er sprach ungewöhnlich offen. Über Zweifel, über Schwächen, über die eigene Unsicherheit.

Das ist menschlich nachvollziehbar. Politisch aber hochriskant. Denn in Zeiten wachsender Verunsicherung erwarten die Menschen keinen erklärenden Kanzler. Sie erwarten einen, der führt. Merz hingegen sendet ein anderes Signal: Dass selbst er nicht sicher ist, ob diese Regierung noch eine Zukunft hat. Die «letzte Chance» der Mitte klingt deshalb nicht nach einem Plan, sondern nach einem Notruf.

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