Darum gehts
Das Jahr 2026 beginnt in Deutschland mit Rauch, Sirenen und Videos, die sich in Endlosschleife durch soziale Medien fressen. In mehreren deutschen Grossstädten eskalieren die Silvester-Feierlichkeiten, Einsatzkräfte werden angegriffen, Strassen zeitweise zu No-go-Zonen. Für die einen sind es bekannte Ausreisser einer aufgeheizten Nacht, für andere ein Symbol staatlichen Kontrollverlusts.
In Berlin allein kam es zu 2340 Polizeieinsätzen, knapp 200 pro Stunde zwischen 18 und 6 Uhr. Rund 800 Ermittlungen wurden eingeleitet und 430 Menschen festgenommen. Dabei wurden 35 Polizisten verletzt, zwei von ihnen so schwer, dass sie stationär behandelt werden mussten.
Seit Jahren schon nutzt die AfD Silvester als Chiffre. Gewalt, Chaos und Unsicherheit lassen sich leicht verdichten zu einer grossen Erzählung vom schwachen Staat und realitätsfernen Eliten. Für Parteichefin Alice Weidel (46) & Co. sind die Bilder der Silvesternacht schneller Beleg für eine gescheiterte Sicherheits- und Migrationspolitik. Was kann Friedrich Merz (70) dem entgegensetzen?
Ein Wahljahr unter Hochdruck
Denn 2026 wird für Bundeskanzler Friedrich Merz und seine CDU zum Stresstest. Fünf Landtagswahlen stehen an, während die AfD weiter zulegt und Koalitionen ohne sie rechnerisch immer schwieriger werden. Besonders in Sachsen-Anhalt spitzt sich die Lage zu. Umfragewerte von bis zu 40 Prozent für die AfD lassen klassische Mehrheiten implodieren. Für die CDU bleibt kaum Bewegungsspielraum: Zusammenarbeit nach links – oder ein Tabubruch nach rechts.
Beides widerspricht bisherigen Leitplanken. Der Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber der Linken gilt ebenso als identitätsstiftend wie die Brandmauer zur AfD. Doch politische Grundsätze halten nur so lange, wie sie nicht mit Machtverlust kollidieren.
Für Merz ist diese Konstellation hochriskant. Auf Bundesebene pocht er auf klare Abgrenzung, in den Ländern aber wächst der Druck, pragmatische Lösungen zu finden. Fällt die Brandmauer auch nur in einem Bundesland, dürfte sie bundesweit porös werden – nicht abrupt, sondern schleichend, legitimiert durch Sachzwang, Verantwortung und Stabilitätsrhetorik. Merz steht dabei vor einer Zerreissprobe.
Das Berliner Gegenmodell
Dass es auch anders gehen kann, zeigt ausgerechnet Berlin – und zwar dort, wo die AfD ebenfalls stark ist: in sozialen Brennpunkten, Grosssiedlungen, klassischen Frustmilieus. Die Linke hat hier ihren Kurs radikal verändert. Statt Symbolpolitik oder ideologischer Grossdebatten setzt sie auf systematische «Kiezarbeit»: Abgeordnete klingeln an Haustüren, bieten regelmässige Sozialsprechstunden an, helfen bei Mietproblemen, Behördenpost oder drohender Energiearmut. Mit den Kiez-Kantinen kommt ein weiteres Element hinzu: günstiges Essen als sozialer Treffpunkt, niedrigschwellig, sichtbar, konkret.
Der entscheidende Punkt: Die Linke versucht gar nicht erst, AfD-Wähler moralisch zu überzeugen. Sie nimmt deren Frust ernst, ohne ihn politisch zu radikalisieren. Viele Menschen, die sich von der Politik abgewandt haben, suchen weniger ideologische Antworten als das Gefühl, nicht vergessen zu sein. Genau hier setzt das Berliner Modell an – und erzielt messbare Effekte. In Ostberliner Wahlkreisen, die lange als AfD-Hochburgen galten, gewinnt die Linke Direktmandate zurück. In Umfragen liegt sie plötzlich wieder auf Platz zwei.
Warum Berlin (noch) die Ausnahme bleibt
Dieses Modell ist kein linker Sonderfall. Es wäre wohl übertragbar – auch auf Friedrich Merz' Union oder die SPD. Doch während Berlin zeigt, dass Alltagspolitik Vertrauen zurückholen kann, dominieren bundesweit weiterhin zugespitzte Debatten.
Gerade weil es aber Probleme gibt, greift die Strategie der AfD. Sie überzeichnet reale Missstände, verdichtet sie zu einem Gesamtversagen – und lässt dabei jede differenzierte Antwort vermissen. Das macht die Debatte schrill, aber nicht überflüssig. Dass differenzierte Lagebilder dabei untergehen, ist kein Zufall. Angst mobilisiert besser als Statistik. Silvester setzt damit den Ton für ein Jahr, das politisch ohnehin unter Hochspannung steht.
2026 wird deshalb zum Schlüsseljahr. Zwischen wachsender Polarisierung, rechnerischem Koalitionszwang und einer aufgeheizten Sicherheitsdebatte stehen Kanzler Merz und seine Union vor einer Grundsatzfrage: Kann sie die Brandmauer halten, ohne weiter Vertrauen zu verlieren – oder beginnt ein Jahr, in dem politische Tabus aus purer Not fallen?