Darum gehts
- Russland erklärt für den 8. und 9. Mai eine Waffenruhe in der Ukraine
- Ukraine eroberte im April 120 Quadratkilometer zurück
- Russland verlor in dreieinhalb Jahren über eine Million Soldaten
Überraschend verkündete der Kreml am Montag eine einseitige Waffenruhe für den 8. und 9. Mai – die Tage, an denen Russland den «Tag des Sieges» über Nazi-Deutschland feiert. Ein Akt der Barmherzigkeit? Kaum. Beobachter vermuten vielmehr, dass Wladimir Putin (73) verhindern will, dass die ohnehin stark abgespeckten Militärparaden zum Ziel ukrainischer Drohnen werden. Für ein Regime, das sonst gern seine angebliche Überlegenheit im Krieg demonstriert, wirkt die Geste aus Moskau ungewohnt defensiv – fast schon nervös. Und das hat Gründe, wie der Blick an die Front zeigt.
Wende im April
Seit dem Sommer 2023 konnte Russland fast durchgehend Gebietsgewinne verzeichnen. Doch dieser Trend hat sich nicht nur verlangsamt, er hat sich umgekehrt. Erstmals seit rund drei Jahren hat Russland an der Front in der Ukraine im vergangenen Monat Netto-Gebietsverluste erlitten. Eine Analyse auf Grundlage von Daten des US-amerikanischen Institute for the Study of War (ISW) zeigt, dass die russische Armee im April unter dem Strich die Kontrolle über rund 120 Quadratkilometer ukrainischen Territoriums verlor.
Der Ukraine gelang es damit, rund 0,02 Prozent ihres Staatsgebiets zurückzuerobern. Die Vorstösse fanden an mehreren Frontabschnitten statt, insbesondere in den drei ostukrainischen Regionen Saporischschja, Charkiw und Donezk, wo jeweils etwa 40 Quadratkilometer befreit wurden. Zwar konnte Russland seinerseits in der Gegend um die strategisch wichtige Stadt Kramatorsk in der Region Donezk vorrücken, doch der Gesamttrend ist eindeutig.
Russischer Vormarsch bricht ein
Die Gebietsverluste im April sind der Tiefpunkt einer Entwicklung, die sich bereits in den Monaten zuvor abzeichnete. Der russische Vormarsch verlangsamte sich erheblich: Konnte Russland im Januar noch 319 Quadratkilometer einnehmen, waren es im Februar nur noch 123 und im März gerade einmal 23 Quadratkilometer.
Die Gründe für diese Wende sind vielfältig: Dem ISW zufolge haben ukrainische Gegenangriffe und erhebliche Probleme der russischen Armee mit der Kommunikationstechnologie «bereits bestehende Probleme innerhalb der russischen Streitkräfte verschärft». So unterband das US-Unternehmen SpaceX im Februar 2026 die Nutzung seiner Starlink-Satelliten durch das russische Militär, was die Koordination der Truppen erschwert. Auch der durch Tauwetter und Regen verursachte Schlamm hat das Vorrücken von Bodeneinheiten zusätzlich behindert.
Krieg mit enormen Verlusten
Aktuell hält Russland laut ISW-Daten noch etwas mehr als 19 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets besetzt. Ein Grossteil davon wurde bereits 2014 (Krim, Teile von Donezk und Luhansk) oder in den ersten Wochen der Vollinvasion 2022 erobert. Seit November 2022, nach den grossen ukrainischen Gegenoffensiven, konnte Russland seinen Anteil am ukrainischen Territorium nur noch um 1,5 Prozent steigern.
Diese marginalen Gewinne wurden mit exorbitant hohen Verlusten erkauft. Die ISW-Analyse verdeutlicht das Missverhältnis: In dreieinhalb Jahren hat Russland 9318 Quadratkilometer erobert – das entspricht etwa einem Viertel der Fläche der Schweiz –, dabei aber über eine Million Soldaten verloren. Putins angeblich unaufhaltsamer Vormarsch bewegt sich, wie Beobachter anmerken, langsamer als im Schneckentempo.
Selbstvertrauen auf ukrainischer Seite
Die Behauptungen des Kremls, die russischen Streitkräfte stünden kurz vor dem Durchbruch, werden durch die Daten nicht gestützt. Im Gegenteil: Gespräche, die das ISW kürzlich mit ukrainischen Kommandeuren führte, zeichnen ein Bild wachsender Zuversicht. Während man 2023 noch besorgt über mögliche russische Vorstösse war, ist man nun überzeugt, die Angreifer in Schach halten zu können – solange die westliche Hilfe weiterfliesst.
Die ukrainische Armee hat ihre Verteidigungstaktiken stetig verbessert und perfektioniert. Eine sogenannte «Mauer aus Drohnen» hat es geschafft, den russischen Vorteil an Mannstärke an der Front auszugleichen. Gleichzeitig hat die Ukraine eine bemerkenswerte Kampagne mit Langstreckenschlägen gestartet, bei der sowohl Drohnen als auch neu entwickelte, im Inland produzierte Marschflugkörper zum Einsatz kommen. Diese Waffen ermöglichen es, russische Offensivbemühungen zu stören, bevor sie die eigentliche Frontlinie erreichen.
Wie die Analyse zeigt, basieren die russischen Berichte über die Erfolge an der ukrainischen Front auf einem Bluff. Für Putin ist das Märchen der russischen Überlegenheit derzeit überlebenswichtig. Denn innerhalb des Regierungsapparats brodelt die Gerüchteküche um Anschläge und Putschversuche. Ein Eingeständnis, dass es auch an der Front der selbst ernannten Sonderoperation nicht vorangeht, wäre für den Kreml-Chef fatal.