Darum gehts
Wladimir Putin (73) wurde schon bisher mit grossem Aufwand geschützt. Jetzt verschärft der Kreml die Sicherheitsmassnahmen nochmals um eine Stufe. In den Häusern der engsten Mitarbeiter wurden Überwachungssysteme installiert. Auch dürfen Putins Vertraute nur noch Handys ohne Internetzugang benützen. Weiteren Mitarbeitern wie Leibwächtern, Köchen und Fotografen wurde es verboten, in öffentlichen Transportmitteln zu fahren. Wer den Kremlchef besucht, muss zwei strenge Kontrollen durchlaufen.
Putin selber hat seine Reisetätigkeit drastisch eingeschränkt. Besuche seiner Residenzen sowie von Militäreinrichtungen wurden gestrichen. Laut CNN und «Financial Times», die sich auf Geheimdienstinformationen berufen, droht im Kreml gar ein Putsch.
Die Massnahmen gegen die eigenen Mitarbeiter haben wohl zwei Ziele: Einerseits sollen Putins Vertraute nicht von Attentätern ausspioniert werden können. Andererseits soll verhindert werden, dass sie selber einen Anschlag gegen Putin planen können.
Die Sicherheitsmassnahmen wurden schon verstärkt, nachdem im Dezember 2025 Generalleutnant Fanil Sarwarow (†56) durch eine Autobombe getötet worden war. Dass nach mehreren erfolgreichen Attentaten auf andere hohe Militärs erneut ein solcher Anschlag auf einen General mitten in Moskau gelang, löste im Kreml Panik aus.
Angst vor Putsch
Putin ist unter Druck. Er kann weder Erfolge an der Front in der Ukraine vorweisen, noch kann er für die Sicherheit im eigenen Land garantieren. Sein ehemaliger Verteidigungsminister Sergei Schoigu (70) – inzwischen zum Sekretär des Sicherheitsrates degradiert – hat vor zwei Wochen davor gewarnt, dass keine russische Region mehr sicher sei vor ukrainischen Angriffen.
CNN und die «Financial Times» berichten, dass Schoigu möglicherweise einen Putsch anzetteln könnte. Ulrich Schmid, Russland-Experte an der Universität St. Gallen, ist allerdings skeptisch. Für ihn gilt das «Urgestein der russischen Regierung» als ein «eher unwahrscheinlicher Kandidat für eine Palastrevolte». Schmid: «Schon während seiner Amtszeit als Verteidigungsminister verfügte er über wenig Rückhalt in der Armee. Und das wäre eine wichtige Vorbedingung für den Rädelsführer eines Aufstandes gegen Putin.»
Putins Vertraute möchten Krieg beenden
Dennoch: Im Kreml gibt es Widerstand gegen Putin. Schmid: «In den russischen Sicherheitsorganen rumort es. Aktuell geht es nicht nur um das Umherschieben der Schuld für das militärische Fiasko in der Ukraine, sondern auch um die Frage der Sicherheit von Generälen, Regierungsmitgliedern und natürlich von Putin selbst.»
Wichtige Köpfe möchten den Krieg gerne schnell beenden. Dazu zählt Schmid Ministerpräsident Michail Mischustin (60), Vize-Ministerpräsident und Handelsminister Denis Manturow (57) sowie Zentralbankchefin Elwira Nabiullina (62). Ihr Einfluss ist aber laut Schmid beschränkt. «Sie sind bisher nur dadurch aufgefallen, dass sie nicht auffallen wollten.» Zudem hätten diese Technokraten den Krieg vier Jahre lang billigend in Kauf genommen und sich damit zu Putins Komplizen gemacht.
Gefahr am 9. Mai
Ein interner Aufstand oder Putsch gegen Putin scheint daher zurzeit nicht unmittelbar bevorzustehen. Möglich ist aber ein Attentatsversuch, gerade am Tag des Sieges am 9. Mai, dem kommenden Samstag. Schmid: «An dieser Siegesparade muss sich Putin öffentlich zeigen. Damit ist er natürlich ein Ziel für mögliche ukrainische Drohnen- oder Raketenangriffe.»
Dass die Ukrainer die hochgefahrene Luftabwehr der Russen immer wieder durchdringen könnte, zeigte sich gerade in der Nacht auf Montag wieder. Sie trafen mit einer Drohne ein Hochhaus im Zentrum der russischen Hauptstadt. Personen kamen angeblich keine zu Schaden.
Aber der erfolgreiche Angriff, nur sieben Kilometer vom Kreml entfernt, zeigt, dass Putins Angst berechtigt ist.