Darum gehts
Vier Jahre lang schien Kremlchef Wladimir Putin (72) eine unerschöpfliche Ressource zu besitzen: Menschen. Egal wie viele Soldaten an der Front fielen, der Kreml schickte neue hinterher. Jetzt zeigen neue Zahlen, dass genau diese Strategie zu kippen beginnt: Russland hat nach einer neuen Analyse des Center for Strategic and International Studies (CSIS) inzwischen rund 1,4 Millionen Verwundete, Vermisste und Gefallene zu beklagen, darunter bis zu 450'000 Tote. Insgesamt dürfte der Krieg auf beiden Seiten bereits mehr als zwei Millionen Opfer gefordert haben – und damit selbst die Schlacht von Stalingrad übertreffen.
Doch die erschreckendste Zahl lautet nicht zwei Millionen. Sie lautet acht. Im vergangenen halben Jahr verlor Russland fast acht Soldaten für jeden ukrainischen. Gleichzeitig musste Putins Armee im Frühjahr erstmals seit fast zwei Jahren wieder mehr Gelände räumen, als sie erobern konnte. Der Kreml zahlt heute den höchsten Blutzoll seit Kriegsbeginn. Weshalb das Putins gesamte Kriegsstrategie ins Wanken bringt, zeigt ein genauer Blick auf das Schlachtfeld.
Russland gewinnt Dörfer – aber keinen Krieg mehr
Auf dem Papier sieht Russlands Vormarsch noch immer bedrohlich aus. Tatsächlich kontrolliert Moskau weiterhin rund ein Fünftel der Ukraine. Doch dieser Eindruck täuscht. Denn die russische Offensive ist inzwischen fast zum Stillstand gekommen.
Rund um Pokrowsk, Kostjantyniwka oder Slowjansk rücken russische Einheiten laut CSIS teilweise nur noch 50 bis 90 Meter pro Tag vor – ein Tempo, das eher an die Materialschlachten des Ersten Weltkriegs erinnert als an moderne Kriegsführung. Selbst nach monatelangen Angriffen bleiben oft nur wenige Hundert Meter Geländegewinn zurück. Im April und Mai musste Russland sogar erstmals seit August 2024 wieder netto Gebietsverluste hinnehmen. Ukrainische Gegenoffensiven drängten russische Truppen in mehreren Frontabschnitten zurück. Für eine Armee, die fast permanent angreift, ist das ein alarmierendes Signal.
Die Front ist zur Todeszone geworden
Der wichtigste Grund fliegt inzwischen durch die Luft. Die Ukraine hat ihre Drohnenproduktion massiv ausgebaut und damit das Schlachtfeld grundlegend verändert. Zwischen den Fronten entstand eine bis zu 40 Kilometer breite «Kill Zone». Russische Soldaten werden häufig entdeckt und angegriffen, lange bevor sie ukrainische Schützengräben überhaupt erreichen.
Was früher die Artillerie erledigte, übernehmen heute Tausende Drohnen. Nach Schätzungen der CSIS gehen inzwischen mehr als 90 Prozent der russischen Verluste auf Drohnen zurück. Ganze Sturmtrupps werden ausgelöscht, bevor sie überhaupt kämpfen können. Russland reagiert mit immer kleineren Angriffen. Das reduziert zwar die Verluste einzelner Vorstösse – macht einen schnellen Durchbruch aber praktisch unmöglich.
Die Ukraine greift Russlands Schwachstellen an
Hinzu kommt ein zweites Problem. Während Russland an der Front kaum vorankommt, trägt die Ukraine den Krieg immer erfolgreicher nach Russland. Raffinerien, Treibstofflager, Bahnlinien, Brücken und Munitionsdepots geraten regelmässig unter Beschuss. Selbst Moskau blieb zuletzt nicht mehr verschont. Besonders hart trifft es die Krim, wo Angriffe Stromausfälle, Treibstoffmangel und massive Versorgungsprobleme verursachen.
Diese Angriffe entscheiden den Krieg nicht. Sie zwingen den Kreml aber, immer mehr Luftabwehr, Soldaten und Material zum Schutz des eigenen Hinterlands einzusetzen – Ressourcen, die an der Front fehlen.
Putin kämpft gegen die Mathematik des Kriegs
Natürlich ist Russland deshalb noch lange nicht besiegt. Die Armee verfügt weiterhin über mehr Soldaten, mehr Munition und eine vollständig auf Kriegsproduktion umgestellte Wirtschaft. Doch die entscheidende Frage lautet inzwischen nicht mehr, ob Russland weiterkämpfen kann.
Sondern ob der Kreml den Krieg so überhaupt noch gewinnen kann. Putin wollte die Ukraine dauerhaft unter russische Kontrolle bringen, den Westen spalten und Russlands Status als Grossmacht zementieren. Davon ist der Kreml heute weiter entfernt als noch vor zwei Jahren.
Jeder weitere Vorstoss kostet mehr Menschenleben als der vorherige – bei immer kleineren Geländegewinnen. Damit gerät Putins gesamte Strategie ins Wanken. Ein Abnutzungskrieg funktioniert nur, solange die eigenen Verluste durch militärische Erfolge aufgewogen werden. Genau das passiert heute nicht mehr. Russland kann zwar weiterkämpfen – doch es erkauft sich jeden kleinen Geländegewinn mit einem Preis, der strategisch kaum mehr zu rechtfertigen ist.