Darum gehts
- Boris Nadeschdin verurteilt Putins Ukraine-Krieg als «fatalen Fehler» und flieht nach Paris
- Russlands politisches System laut Nadeschdin in «Panik», Entscheidungen ohne Strategie getroffen
- Ukraine-Krieg begann vor fünf Jahren: Steigende Preise belasten Bevölkerung massiv
Seit Monaten spitzt sich die Lage zwischen der Ukraine und Russland erneut zu. Während Russland vor allem auf Frontdruck sowie ballistische Angriffe auf ukrainische Städte setzt, greifen die Ukrainer weit im russischen Hinterland an. Längst hat sich ein Abnutzungskrieg eingestellt.
Boris Nadeschdin kennt Kremlchef Wladimir Putin (73) seit den 1990er-Jahren. Vor gut einer Woche hat er Russland verlassen und lebt nun in Paris. Mit dem deutschen Journalisten Artur Weigandt, der unter anderem für ntv.de schreibt, sprach der Russe über die aktuelle Lage von Putins Russland. Die Kernaussagen im Überblick.
Russisches System in «Panik» und «Chaos»
Auf den Zustand des politischen Systems angesprochen, hält Nadeschdin fest: Das russische System befinde sich in «Panik und Chaos». Der Ausschluss der oppositionellen Jabloko-Partei von den Parlamentswahlen würde dies verdeutlichen. «Strategische Entscheidungen werden faktisch nicht mehr getroffen.» Die Macht handele situativ, und unterschiedliche Personen bewerten die Lage unterschiedlich. «Welche Entscheidung sich durchsetzt, hängt davon ab, wer gerade näher an Putin ist. Mehr steckt nicht dahinter», beschreibt Nadeschdin den Apparat. Befehle, Parteien zu unterdrücken oder Personen auszuschalten, gebe Putin nicht selbst.
Stimmung im Land gekippt
Vor seiner Abreise aus Russland politisierte Nadeschdin im Raum Moskau. Er hat ein eigenes Institut, das regelmässig Umfragen macht. Der 63-Jährige betont: «Wir sehen seit Februar, dass die Stimmung stark kippt: Es gibt viele Probleme, Gereiztheit, ein sich verschiebendes Verhältnis zu Putin und zu seiner Partei.» Selbst aus Putins Umfeld komme immer mehr Kritik.
Ukraine-Krieg war «fataler Fehler»
Nadeschdin hat einige Zeit neben Putin in der Präsidialverwaltung gesessen und schätzt in dem Interview ein, wie Putin zum Thema Macht steht. «Er ist überzeugt, dass er die Unterstützung des Volkes wirklich braucht: Für ihn zählt Legitimität, die daraus erwächst, dass die Mehrheit ihn trägt. Er weiss, dass man Macht nicht allein auf Angst und Repression stützen kann», so Nadeschdin. Beim Ukraine-Krieg habe sich Putin geirrt. «Es war sein fataler Fehler.»
Der Krieg gehe bereits ins fünfte Jahr und die Menschen würden den Preis davon sehen. Allen voran an den steigenden Preisen. «Ein Konflikt im Baltikum wäre Selbstmord», glaubt Nadeschdin.
Der russische Oppositionspolitiker Boris Nadeschdin schildert die Umstände seiner Ausreise aus Russland in einer Stellungnahme und widerspricht Spekulationen über eine geheime Vereinbarung oder Hilfe des Kremls.
Mitte Juli sei er als «ausländischer Agent» eingestuft worden. Trotzdem kündigte er an, weiterhin Unterschriften für seine Kandidatur für die Staatsduma zu sammeln. Wenige Tage später sei er wegen des Vorwurfs der Verbreitung von Extremismus festgenommen worden.
Parallel dazu wurde gegen den 63-Jährigen ein Ausreiseverbot verhängt, welches später wieder zurückgezogen wurde. Nadeschdin bezeichnete das Ausreiseverbot als rechtswidrig.
Nadeschdin betont, dass er während dieser Zeit keine Warnungen oder Unterstützung vom Kreml, von Sicherheitsbehörden oder von Vermittlern erhalten habe. Warum das Ausreiseverbot letztlich aufgehoben wurde, weiss er nach eigener Aussage nicht. Er äusserte die Hoffnung, lange genug zu leben, um eines Tages nach Russland zurückkehren zu können.
Der russische Oppositionspolitiker Boris Nadeschdin schildert die Umstände seiner Ausreise aus Russland in einer Stellungnahme und widerspricht Spekulationen über eine geheime Vereinbarung oder Hilfe des Kremls.
Mitte Juli sei er als «ausländischer Agent» eingestuft worden. Trotzdem kündigte er an, weiterhin Unterschriften für seine Kandidatur für die Staatsduma zu sammeln. Wenige Tage später sei er wegen des Vorwurfs der Verbreitung von Extremismus festgenommen worden.
Parallel dazu wurde gegen den 63-Jährigen ein Ausreiseverbot verhängt, welches später wieder zurückgezogen wurde. Nadeschdin bezeichnete das Ausreiseverbot als rechtswidrig.
Nadeschdin betont, dass er während dieser Zeit keine Warnungen oder Unterstützung vom Kreml, von Sicherheitsbehörden oder von Vermittlern erhalten habe. Warum das Ausreiseverbot letztlich aufgehoben wurde, weiss er nach eigener Aussage nicht. Er äusserte die Hoffnung, lange genug zu leben, um eines Tages nach Russland zurückkehren zu können.
Putin könnte Krieg einfach beenden
Dies würde ihm helfen, ist der Putin-Kenner überzeugt. Nadeschdin glaubt, dass Putin seiner Bevölkerung ein Kriegsende gar als Sieg verkaufen könnte. Er müsste sich jedoch schnell entscheiden, denn sonst würde es immer gefährlicher. Die Umsetzung eines Kriegsendes ist laut Nadeschdin kein Problem. «Jeder autoritäre Herrscher kann tun, was er will. Er kann sagen: ‹Wir haben gesiegt, es ist vorbei› – das wäre sogar die beste Variante.»
Diese Bedingung muss erfüllt sein, damit Putin Krieg beendet
«Zum Kurswechsel zwingen wird Putin in erster Linie seine eigene Einsicht, dass ein Weiter-so gefährlich ist – für Russland und für ihn persönlich. Diese Einsicht wird sichtbar werden, unter anderem an der Lage in der Wirtschaft, an der Front und bei den Schlägen auf Russland.»