Darum gehts
- Die Ukraine greift Russlands Energieinfrastruktur mit neuen Waffen aus 1000 km an
- 50 Tote bei russischen Luftangriffen auf Kiew in fünf Tagen
- Ukraine fordert am Nato-Gipfel in Ankara Patriot-Raketen für Verteidigung
Im Verlauf des Krieges zwischen Russland und der Ukraine haben sich Ziele, Taktiken und die eingesetzten Waffensysteme immer weiterentwickelt. Seit Wochen greift die Ukraine gezielt Energieanlagen an und demonstriert damit, dass sie inzwischen Ziele in mehr als 1000 Kilometern Entfernung treffen kann – selbst im Grossraum Moskau.
Russland setzt seine Luftangriffe auf die Ukraine unterdessen mit unverminderter Intensität fort. Innerhalb von fünf Tagen wurde Kiew von massiven Drohnen- und Raketenangriffen erschüttert, bei denen mindestens 50 Menschen ihr Leben verloren.
Doch trotz der anhaltenden Angriffe unterscheiden sich die Strategien der beiden Seiten. «Russland setzt weiterhin auf eine Kombination aus Frontdruck, Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen gegen ukrainische Städte, Energieinfrastrukturen sowie Industrieziele. Die Ukraine hingegen greift zunehmend russische Raffinerien, Treibstoffdepots, Logistikpunkte und militärisch relevante Infrastruktur im Hinterland an», erklärt Remo Reginold (40), Geopolitik-Experte und Präsident des Swiss Institute for Global Affairs (Siga), gegenüber Blick.
Russen sollen merken, dass Krieg herrscht
Das bestätigt auch Marcel Berni, Strategieexperte der Militärakademie (Milak) an der ETH Zürich. Das Kalkül der Ukraine dürfte es sein, Russlands wichtigste Einnahmequelle zu treffen und zugleich die Logistik zu behindern.
Das Ziel der Ukraine sei dabei klar. Die russische Bevölkerung soll merken, dass Krieg herrscht. «Die eigentliche Wirkung ist politisch. Der stillschweigende Pakt zwischen Regime und Bevölkerung lautete bisher: Der Krieg bleibt fern, das Leben geht weiter. Genau diesen Pakt stellen die ukrainischen Angriffswellen infrage. Solange die ‹Spezialoperation› nur im Fernsehen stattfand, wurde sie hingenommen – steht man aber selbst an der Tankstelle Schlange, hält der Krieg im Alltag Einzug.»
Russland dagegen ziele auf die Durchhaltefähigkeit der Ukraine als Staat. «Moskau greift Energieinfrastruktur und verstärkt das Eisenbahnnetz an. Damit soll auch die ukrainische Moral gebrochen werden.»
Das ist das grösste Problem der Ukraine
Russland attackiert vor allem mit einem grossen Waffenarsenal. «Sie versuchen, den Gegner mit einem Dauerbombardement mürbezumachen», glaubt Geopolitik-Experte Klemens Fischer (62). Da Raketen schwieriger abzufangen sind als Drohnen, kommen Erstere kombiniert zum Einsatz. In der Nacht auf Montag wurden laut ukrainischen Angaben 23 ballistische Raketen vom Typ Iskander-M beziehungsweise S-400 sowie sechs Raketen der Typen Zirkon und Oniks eingesetzt. Die Ukraine konnte keines der Geschosse abwehren.
Das Problem: «Die ukrainische Luftabwehr ist nicht flächendeckend. Bei grossen, kombinierten Angriffen stösst sie an ihre Grenzen. Ein kombinierter und saturierender Angriff von ballistischen Raketen, Drohnen und Marschflugkörpern ist eine Herausforderung.» Dies nutze der Kreml aktuell aus, ergänzt Fischer. «Es zeigt die Verwundbarkeit der ukrainischen Luftverteidigung.»
Auch politisch habe dies Folgen. «Die immer drastischeren Auswirkungen der nächtlichen Angriffe auf Kiew werden zur politischen Belastung der Selenski-Regierung.»
Showdown am Nato-Gipfel?
Vor diesem Hintergrund richtet sich der Blick nun auf den Nato-Gipfel in Ankara, der am Dienstag begonnen hat. Selenski und seine Generäle forderten bereits umfassende Zusagen seitens der Europäer und den USA.
In mehreren europäischen Ländern tobt jedoch ein Streit zwischen Eigenschutz und möglichen Waffenlieferungen an die Ukraine. «Die fehlenden Kapazitäten und Abhängigkeiten von den USA werden in Europa zur Zerreissprobe», bilanziert Reginold. Berni glaubt, dass diese Thematik in Ankara deshalb dominieren wird.
Propagandistisch sei die Ukraine im Vorteil, erklärt der Ex-Diplomat Fischer. «Brennende Raffinerien, Ölverladehäfen oder Förderanlagen können als akzeptable Kriegshandlung verkauft werden, brennende Städte verleihen dem Angreifer ein eindeutig negatives Image.» Die Ukraine scheint das Momentum dadurch auf seine Seite gedreht zu haben. Klar sei laut Fischer jedoch auch: «Wenn der Westen in seinen Anstrengungen nachlässt, die Ukraine in ihrem Abwehrkampf zu unterstützen, wird sich das Momentum wieder zugunsten Russlands bewegen.»