Darum gehts
«Öffnet die verdammte Strasse – oder ihr werdet in der Hölle leben!»: Mit der Drohung um die Strasse von Hormus hat US-Präsident Donald Trump (79) die maximale Eskalationsstufe gezündet, sogar für seine Verhältnisse. Was passiert, wenn seine Frist in der Nacht auf Mittwoch um 2 Uhr unserer Zeit abläuft und die Iraner nicht einlenken? Drei Szenarien sind möglich – und alle haben Sprengkraft.
Der riskante Weg der Gewalt
Das erste ist die Eskalation. «Im Iran werden Kraftwerke und Brücken zerstört!» Sollte Trump seine Drohung wahr machen und die iranische Infrastruktur angreifen – Kraftwerke, Brücken, Industrie –, wäre das mehr als ein militärischer Schlag, es wäre ein Dammbruch. Solche Ziele sind zivil, Angriffe darauf könnten als Kriegsverbrechen gewertet werden.
Gleichzeitig würde der Iran kaum tatenlos zusehen. Schon jetzt zeigt Teheran, wie asymmetrisch Macht im 21. Jahrhundert funktioniert: Es braucht keine vollständige Blockade der Strasse von Hormus, ein paar gezielte Angriffe genügen, um Versicherungen zu vertreiben, Tanker abzuschrecken und damit einen Fünftel des weltweiten Ölflusses ins Wanken zu bringen.
Eine weitere Eskalation würde sich rasch über den gesamten Golfraum ausbreiten, die Energiepreise weiter antreiben und die Weltwirtschaft empfindlich treffen. Ob Trump den Mullah-Staat so zum Einlenken bringt, ist allerdings höchst fraglich. Eine solche Eskalation könnte gar das Gegenteil bewirken. Europäische Verbündete würden sich weiter distanzieren, weil Angriffe auf zivile Infrastruktur politisch kaum zu rechtfertigen wären. Gleichzeitig gerät China, als einer der grössten Energieimporteure aus der Region, massiv unter Druck – und könnte gezwungen sein, zu reagieren.
Der unsichtbare Showdown
Das zweite Szenario ist die Verhandlung – der diplomatische Showdown hinter den Drohkulissen. Während Trump öffentlich maximal eskaliert, laufen im Hintergrund offenbar Gespräche mit Pakistan als Vermittler über einen möglichen Waffenstillstand, etwa für 45 Tage.
Das Kalkül ist auf beiden Seiten klar. Trump steht innenpolitisch unter Druck, denn die steigenden Öl- und Benzinpreise beginnen bereits, die US-Wirtschaft zu belasten. Jeder weitere Preissprung kostet nicht nur Wachstum und Kaufkraft, sondern auch politische Unterstützung – gerade mit Blick auf die anstehenden Midterm-Wahlen. Ein wirtschaftlicher Dämpfer könnte sich direkt an der Urne bemerkbar machen.
Iran wiederum spielt seine strategische Karte aus: die Kontrolle über den wichtigsten Energie-Engpass der Welt. Selbst ohne vollständige Schliessung reicht die Drohkulisse, um Märkte und Lieferketten zu destabilisieren.
Ein Deal ist möglich – aber er hätte seinen Preis, besonders für Trump. Garantien für Teheran, womöglich finanzielle Zugeständnisse und vor allem ein neues Kräfteverhältnis im Golf, in dem Iran deutlich mehr Einfluss beansprucht. Diplomatie wäre in diesem Fall weniger ein Durchbruch als ein stilles Eingeständnis Trumps, seinen Gegner unterschätzt zu haben. Denn seine ursprünglichen Kriegsziele – etwa ein Regimewechsel – wären damit in weite Ferne gerückt.
«Trump Always Chickens Out»
Und dann bleibt noch das dritte Szenario – jenes, das Beobachter längst zynisch als «Trump Always Chickens Out» («Trump macht immer einen Rückzieher») bezeichnen. Denn der US-Präsident hat seine eigenen Deadlines in den letzten Wochen mehrfach verschoben, Drohungen verschärft und kurz vor der Eskalation wieder relativiert.
Dieses Muster ist kein Zufall, sondern Teil seiner Strategie: maximaler Druck nach aussen, maximale Flexibilität nach innen. Ein Rückzieher würde deshalb nicht als Niederlage inszeniert, sondern als Erfolg verkauft – etwa durch die Verlängerung der Frist oder die Ankündigung «grosser Fortschritte» in Gesprächen. Militärisch bliebe alles beim Alten, rhetorisch aber hätte Trump erneut Stärke demonstriert, ohne den Preis einer echten Eskalation zu bezahlen.
Das zentrale Problem bleibt jedoch bestehen: Solange die Strasse von Hormus nicht verlässlich geöffnet ist, kann Trump nicht wirklich einen Sieg verkünden – und der Druck auf Wirtschaft und Märkte hält an.
Ein Ultimatum ohne Exit
Das eigentliche Problem liegt damit tiefer als im Ultimatum selbst. Trump hat eine Drohkulisse aufgebaut, ohne klaren Plan für den Tag danach. Gleichzeitig hat der Iran gezeigt, dass geopolitische Macht heute nicht nur aus Militär und Wirtschaft besteht, sondern aus der Kontrolle kritischer Knotenpunkte. Die Strasse von Hormus ist genau ein solcher Punkt – ein Nadelöhr, das die globale Ordnung verändern kann.