Darum gehts
- Sturzflut im Himalaya forderte bislang 600 Tote, über 2500 Menschen werden in Nepal noch vermisst
- Kamal Baral, Länderverantwortlicher des SRK in Nepal über die Lage vor Ort.
- 17'000 Kinder brauchen laut Kinderhilfswerk Unicef Hilfe.
Vier Tage nach der verheerenden Sturzflut im Himalaya ist das Ausmass der Katastrophe immer noch nicht absehbar. In Nepal und Tibet wurden nach Behördenangaben mindestens 600 Tote geborgen, mehr als 2500 Menschen gelten als vermisst. Knapp 100'000 Menschen sind nach Schätzungen der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) von der Katastrophe betroffen.
Besonders schwer getroffen wurden die nepalesischen Distrikte Rasuwa und Nuwakot an der Grenze zu China. Dort brach am Mittwochmorgen zwischen 8.30 und 9 Uhr Ortszeit eine gewaltige Flutwelle ins Tal. Nach bisherigen Erkenntnissen lösten ein Bergsturz und ein Gletscherabbruch die Sturzflut aus. An manchen Orten soll die Wasser- und Schlammlawine acht bis zehn Meter hoch gewesen sein. Sie riss Häuser, Fahrzeuge und Strassen mit. Neun Staudämme, 19 Brücken und rund 40 Kilometer Autobahn sollen zerstört worden sein.
Der Grenzübergang Rasuwagadhi, ein wichtiger Handelsplatz zwischen Nepal und China, wurde von den Wassermassen fast vollständig weggespült. Der Leiter der Zollbehörde von Rasuwa berichtete der «Kathmandu Post», er habe zunächst gespürt, wie der Boden bebte. Kurz darauf habe er eine Wasserwand gesehen. Innerhalb weniger Augenblicke sei der Markt verschwunden.
Schwierige Rettungsarbeiten
Die Rettungsarbeiten laufen auf Hochtouren. Mehr als 5000 Einsatzkräfte sind im Einsatz, doch gewaltige Schlammmassen und zerstörte Strassen erschweren den Zugang zu den betroffenen Gebieten. Helikopter fliegen deshalb über die abgelegenen Dörfer und suchen nach Vermissten. In Teilen der Region sind die Kommunikationsverbindungen weiterhin unterbrochen.
«Es ist eine sehr aussergewöhnliche und erschreckende Situation. Ganze Dörfer und Städte wurden zerstört», sagt Kamal Baral, Länderdelegierter des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) in Nepal, am Telefon. Er befindet sich derzeit in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals, und koordiniert die Unterstützung mit dem Nepalesischen Roten Kreuz und weiteren Partnern.
«Die Menschen vor Ort sind panisch», sagt Baral. Viele Betroffene hätten nicht nur ihre Häuser und ihre Lebensgrundlage verloren, sondern bangten auch um Angehörige, zu denen weiterhin kein Kontakt bestehe. Die Rettung gestaltet sich schwierig: «Viele Menschen sind noch immer nicht erreichbar. Sie befinden sich weit oben in den Bergen und warten auf Hilfe.»
Die Gefahr ist zudem noch nicht gebannt. Durch die Flut haben sich an mehreren Stellen Seen und Wassermassen aufgestaut. Sollten diese Barrieren brechen, könnten weitere Flutwellen entstehen und die Rettungsarbeiten zusätzlich gefährden.
Das macht das Rote Kreuz
Die Helferinnen und Helfer des Nepalesischen Roten Kreuzes sind unmittelbar nach der Katastrophe ausgerückt. Freiwillige aus den lokalen Rotkreuz-Zweigen suchen nach Vermissten, verteilen Lebensmittel und Hilfsgüter und leisten Erste Hilfe. Auch Wasser- und Hygieneversorgung gehören zu den dringendsten Aufgaben.
«Unsere wichtigste Aufgabe ist im Moment, die betroffenen Menschen überhaupt zu erreichen», erklärt Baral. Wo die Versorgung möglich ist, verteilt das Rote Kreuz unter anderem Fertigmahlzeiten, Nudeln, Kekse und andere haltbare Lebensmittel. Die Menschen erhalten zudem Decken, Kleidung und Hilfspakete, mit denen sie einige Tage überbrücken können.
Kinder besonders gefährdet
Unter den Betroffenen sind mindestens 17'000 Kinder, die nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef dringend humanitäre Hilfe brauchen. Neben Nahrung, Wasser und medizinischer Versorgung werden sichere Unterkünfte und Ersatz für zerstörte Schulen benötigt. Kinder im Katastrophengebiet seien nun dem Risiko von Mangelernährung, Gewalt, Ausbeutung und psychologischem Trauma ausgesetzt, sagte Unicef-Sprecher Ricardo Pires in Genf. «Der Notstand endet nicht, wenn die Flut zurückgeht.»
Schweiz leistet Nothilfe
Die Schweiz stellt eine Million US-Dollar für humanitäre Soforthilfe über die Uno-Organisationen bereit. Das Schweizerische Rote Kreuz plant zudem gemeinsam mit dem Bund, 500'000 Franken für Nothilfe und Wiederaufbau bereitzustellen. Zusätzlich wird geprüft, spezialisiertes Personal nach Nepal zu entsenden.
Zahlreiche Touristen werden vermisst, darunter auch Schweizer. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) teilte am Donnerstagabend mit, dass zwei Schweizer Staatsangehörige gerettet werden konnten und es ihnen den Umständen entsprechend gut gehe. Zu einer weiteren Schweizerin konnte bislang kein Kontakt hergestellt werden. Die Schweizer Vertretungen in Kathmandu und Peking stehen deswegen mit den lokalen Behörden in Verbindung.
Noch ist das gesamte Ausmass der Katastrophe nicht absehbar. «Wir gehen davon aus, dass in den nächsten Tagen noch weitere Menschen und Tote gefunden werden», sagt Kamal Baral. Die Suche nach Vermissten und die Rettungsarbeiten dürften noch mehrere Tage andauern. «Wir versuchen unser Bestes, um die Menschen zu erreichen, die noch immer abgeschnitten sind. Der Zugang zu vielen Orten ist jedoch weiterhin sehr schwierig.»
Doch auch wenn die akute Rettungsphase abgeschlossen ist, bleibt die Not gross. «Viele Menschen haben alles verloren», sagt Baral. «Sie werden nicht nur für ein paar Tage Hilfe brauchen, sondern für mehrere Monate.»