Darum gehts
- Sturzflut an Nepal-China-Grenze nach gigantischem Bergsturz fordert zahlreiche Todesopfer und Vermisste
- Felssturz 10 bis 40-mal grösser als in Blatten VS, Video zeigt Ausmass der Zerstörung
- Am «Spitzen Stein» in Bern Millionen Kubikmeter Gestein in Bewegung
Nach der Katastrophe vom Mittwoch steigt die Zahl der Todesopfer der verheerenden Sturzflut weiter. Noch immer werden zahlreiche Menschen vermisst. Das ganze Ausmass ist bislang nicht abzusehen. Fest steht jedoch: Ihren Ursprung hatte die Katastrophe im Grenzgebiet zwischen Nepal und China – nicht im Flussbett, sondern hoch oben in den Bergen.
Ein gigantischer Bergsturz löste die tödliche Sturzflut aus, wie ein aus einem Helikopter gefilmtes Video zeigt. Nach Einschätzung von Mylène Jacquemart steht damit fest: «Ja, es war offenbar ein massiver Felsabbruch, auf dem obendrauf noch ein Gletscher war.» Jacquemart ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie (VAW) der ETH Zürich und der WSL Sion.
10- bis 40-mal so gross wie Blatten
Ersten Schätzungen zufolge war der Bergsturz rund 10- bis 40-mal so gross wie jener von Blatten VS. Damit stellt sich auch für die Alpen eine beunruhigende Frage: Könnte sich eine Katastrophe in diesem Ausmass auch in der Schweiz ereignen?
Zur ganzen Wahrheit gehört, dass der Bergsturz nur der Anfang einer Kette von sich wandelnden Prozessen war. Der Fels‑Eis‑Mix raste talwärts. Unterwegs nahm er zusätzliches Wasser und Sediment mit. So wurde die Masse immer grösser. «Das führte offenbar zu einer Verkettung von Prozessen, die zur Katastrophe führten», sagt Jacquemart. Sie spricht von einer «Kaskade mehrerer Prozesse»: Ein Bergsturz mit viel Eis, das unterwegs immer mehr Wasser aufgenommen hat. Durch Monsunwetter und Schneeschmelze war viel Wasser in den Flüssen verfügbar.
Auch in der Schweiz denkbar?
Nach ersten Erkenntnissen handelt es sich im Fall des jüngsten Bergsturzes um extrem steiles, hochalpines Gelände mit riesigen Fallhöhen – Bedingungen, die es in den Alpen auch gibt. Ganz ausschliessen lässt sich ein ähnlicher Ablauf in der Schweiz nicht. Jacquemart erinnert daran, dass grosse Felsstürze Teil der Schweizer Geschichte sind. «Felsstürze hat es immer schon gegeben – auch hierzulande. Man erinnere sich nur an Goldau, das waren auch um die 30 Millionen Kubikmeter, die da herunterkamen», sagt sie.
Als konkretes Schweizer Beispiel nennt Jacquemart den «Spitzen Stein» (Spitze Stei) oberhalb des Oeschinensees bei Kandersteg im Kanton Bern. Dort sind seit Jahren Millionen Kubikmeter Gestein langsam in Bewegung – ein Volumen, das im Extremfall der Grössenordnung historischer Bergstürze wie Goldau gleichkäme.
Der Hang liegt an der Nordflanke des Doldenhorns, in typischem Hochgebirgsgelände des Berner Oberlands. Weil absehbar ist, dass es dort zu Felsabbrüchen und Murgängen kommen kann, gilt vor Ort eine dauerhafte Sperrzone. Bewohnte Gebiete sind nach aktuellem Kenntnisstand von Expertinnen und Experten jedoch nicht direkt bedroht – ein wesentlicher Unterschied zu den engen Himalaya-Tälern, in denen es viele Siedlungen gibt.
Spielt der Klimawandel eine Rolle?
Ursächlich ist hier nicht nur die Geologie, sondern auch die Erwärmung des Gebirges: Das Auftauen des Permafrosts im Fels macht die Bergflanke instabiler. Seit 2018 wird der Hang deshalb rund um die Uhr mit Dutzenden Messstationen, GPS und Sensoren überwacht.
Immer wieder wird der Klimawandel in Verbindung mit Felsstürzen und auftauendem Permafrost genannt – sowohl im Himalaya als auch in den Alpen. «Ob höhere Temperaturen in Verbindung mit dem Klimawandel hier das Zünglein an der Waage waren, lässt sich erst sagen, wenn die Daten ausgewertet wurden», sagt Jacquemart.
In der Region herrscht derzeit Monsun: Heftige Regenfälle in Kombination mit einer Schneeschmelze können bereits ausreichen, um Hänge zu destabilisieren.