Kein Land hat so viel Pech wie Nepal!
Von der Schweiz geliebt, vom Schicksal gebeutelt

Nepal kommt nicht zur Ruhe. Naturkatastrophen, politische Umbrüche und der Machtkampf zwischen Indien und China setzen das Land unter Dauerstress. Doch hinter der jüngsten Katastrophe verbirgt sich ein Problem, das für Nepal noch viel gefährlicher werden könnte.
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Balendra Shah steht für Nepals Neuanfang. Die Flutkatastrophe stellt dieses Versprechen nun auf eine harte Probe.
Foto: Keystone

Darum gehts

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Chiara SchlenzAusland-Redaktorin

Neun Meter in 30 Minuten. So schnell steigt das Wasser in Teilen Nepals, als die Flut Häuser, Strassen und Brücken mit sich reisst. Hunderte Menschen sind tot, über tausend werden vermisst. Das Himalaya-Paradies ist wieder einmal zum Katastrophengebiet geworden.

Ausgerechnet Nepal. Ein Land, das viele Schweizer mit Trekking, Achttausendern und Gebetsfahnen verbinden – und mit dem die Schweiz seit Jahrzehnten eng verbunden ist. Doch hinter dieser Postkartenkulisse steckt ein Staat, der seit Jahren kaum zum Aufatmen kommt. Erdbeben, politische Dauerkrise, Gen-Z-Revolte, Fluten: Nepals eigentliches Problem ist längst nicht mehr eine einzelne Krise. Jede neue trifft auf die Wunden der letzten.

Ein Jahrzehnt im Krisenmodus

Ein Erdbeben der Stärke 7,8 tötet im April 2015 fast 9000 Menschen, Hunderttausende verlieren ihr Zuhause. Ganze Dörfer werden zerstört, historische Tempel stürzen ein, am Mount Everest löst das «Gorkha»-Beben eine tödliche Lawine aus.

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Die Fluten haben Nepal mit voller Wucht getroffen. Rettungskräfte versuchen, Menschen aus den Wassermassen zu bergen.
Foto: keystone-sda.ch

Noch während des Wiederaufbaus folgt die politische Krise. Eine neue Verfassung löst Proteste aus, wichtige Grenzübergänge zu Indien werden blockiert. Dahinter steckt ein grundsätzliches Problem: Seit den 1990er-Jahren kamen 32 Regierungen ins Amt, keine hielt eine volle Amtszeit durch. Parteien zerbrechen, Koalitionen wechseln, Reformen versanden.

Dann hat die Jugend genug

2025 entlädt sich der Frust auf der Strasse. Vor allem junge Nepalesen protestieren gegen Korruption, fehlende wirtschaftliche Perspektiven und eine politische Elite, in der seit Jahrzehnten dieselben Köpfe die Macht unter sich aufteilen. Die sogenannte Gen-Z-Revolte wird so heftig, dass der viermalige Premier K. P. Sharma Oli (74) zurücktritt.

Bei der Neuwahl im März folgt die Abrechnung: Die erst 2022 gegründete RSP holt 182 der 275 Sitze. Regierungschef wird Balendra «Balen» Shah (36), Ex-Rapper und früherer Bürgermeister von Kathmandu. Er verspricht weniger Korruption und einen Staat, der endlich funktioniert. Fünf Monate später zeigt die Flut, wie schwer dieses Versprechen einzulösen ist.

Die nächste Katastrophe wartet nicht

Die aktuellen Fluten treffen nicht auf ein vollständig erholtes Nepal. Bereits 2025 überschwemmte der Bhote Koshi die Grenzregion zu China. Nun werden in derselben Region erneut Häuser, Strassen, Brücken und Wasserkraftanlagen zerstört.

Forscher nennen dieses Phänomen «recovery gap» – Erholungslücke. Familien sind noch verschuldet, Strassen beschädigt und Staatskassen vom Wiederaufbau belastet, wenn bereits die nächste Katastrophe kommt. Sie trifft damit auf ein Land mit weniger Reserven – und kann umso grössere Schäden anrichten.

Für Nepal könnte diese Erholungslücke zum Dauerproblem werden. Der Himalaya erwärmt sich etwa doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Nepals Berge haben in gut drei Jahrzehnten fast ein Drittel ihres Eises verloren. Damit steigen auch die Risiken durch Erdrutsche, Lawinen und Überschwemmungen. Die Naturgewalten kann Shah nicht verhindern. Wie verwundbar sein Land ihnen gegenübersteht, aber sehr wohl.

Eingeklemmt zwischen zwei Giganten

Dafür braucht der neue Regierungschef Geld und politischen Spielraum. Gerade an Letzterem mangelt es. Nepal liegt eingeklemmt zwischen Indien und China – zwei Grossmächten, die seit Jahren um Einfluss im Himalaya ringen.

Indien ist wirtschaftlich kaum ersetzbar: 64 Prozent des nepalesischen Handels entfallen auf den südlichen Nachbarn, auf China nur 13 Prozent. Peking wiederum investiert in Infrastruktur und will Nepal stärker an sich binden. Das verschafft Kathmandu ein Gegengewicht zu Indien – schafft aber neue Abhängigkeiten.

Wie stark Nepal auf seine Nachbarn angewiesen ist, zeigt die aktuelle Katastrophe. Indien schickt tonnenweise Hilfsgüter ins Land. Auch China hat finanzielle Hilfe zugesagt. Die Unterstützung ist dringend nötig – legt aber gleichzeitig Nepals Dilemma offen: Ausgerechnet in seiner ersten grossen Krise ist Shah auf jene beiden Mächte angewiesen, gegenüber denen er Nepals Spielraum vergrössern will.

Darin liegt für ihn aber auch eine Chance. Der Wiederaufbau wird zum ersten grossen Test seines Versprechens, Nepal anders zu regieren: Strassen und Brücken nicht nur ersetzen, sondern widerstandsfähiger machen, Institutionen stärken und Reformen schaffen, die den nächsten Regierungswechsel überleben. Gleichzeitig muss Shah die Hilfe aus Indien und China nutzen, ohne sich einer Seite auszuliefern.

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