Darum gehts
Pedro Sánchez (54) hat seine Karriere auf Krisen gebaut. Jetzt drohen sie ihn zu überrollen. Die Migrationskrise in Ceuta. Der offene Streit mit 22 EU-Regierungschefs. Der Konflikt mit Donald Trump (80). Spannungen mit Marokko. Verheerende Waldbrände. All das trifft Spaniens Ministerpräsidenten gleichzeitig. Acht Jahre lang machte Sánchez aus politischen Niederlagen neue Siege. Doch diesmal gerät seine Regierung ins Wanken.
Wer Sánchez verstehen will, muss mit einem Irrtum beginnen. Und zwar mit jenem seiner politischen Gegner. Sie glaubten schon mehrfach, ihn endgültig besiegt zu haben. 2016 drängte ihn sogar die eigene sozialistische Partei aus dem Amt des Parteichefs. Viele erklärten seine Karriere für beendet. Doch Sánchez fuhr durchs Land, sprach mit der Parteibasis und kämpfte sich Schritt für Schritt zurück an die Spitze. Es war das erste grosse Comeback.
Zwei Jahre später folgte das zweite. Die konservative Volkspartei versank in einem Korruptionsskandal. Sánchez erkannte die historische Chance. Er organisierte das erste erfolgreiche Misstrauensvotum in der Geschichte Spaniens und zog in den Regierungspalast Moncloa ein.
Der Verwandlungskünstler
Pedro Sánchez' grösste Stärke besteht darin, sich immer wieder neu zu erfinden. Während andere an ihren Positionen festhalten, wechselt Sánchez die Rolle, wenn sich die Lage verändert. Gegner nennen das Opportunismus. Anhänger nennen es Pragmatismus.
Während der Corona-Pandemie wurde er zum Krisenmanager. In der Katalonien-Krise zum Verteidiger der staatlichen Einheit. Als Korruptionsermittlungen gegen seine Frau, seinen Bruder und enge Vertraute seine Regierung erschütterten, machte er daraus eine Erzählung über rechte Netzwerke, die seine Familie und damit die Demokratie angreifen wollten. Er blieb im Amt, obwohl die Opposition seinen Rücktritt forderte.
Europas letzter Gegenspieler
Längst kämpft Sánchez nicht mehr nur um Mehrheiten im spanischen Parlament. Er hat sich zum Gegenentwurf eines Europas gemacht, das sich immer weiter nach rechts bewegt.
Während viele Regierungen ihre Verteidigungsausgaben erhöhen, verweigert Spanien als einziges Nato-Mitglied das Fünf-Prozent-Ziel. Während europäische Staats- und Regierungschefs Donald Trump umwerben, widerspricht Sánchez ihm öffentlich. Beim Krieg in Gaza zählt Madrid zu den schärfsten Kritikern Israels. Und während weite Teile Europas ihre Migrationspolitik verschärfen, hält Sánchez daran fest, Hunderttausenden bereits im Land lebenden Migranten einen legalen Aufenthaltsstatus zu ermöglichen – aus humanitären Gründen, aber auch aus wirtschaftlichem Kalkül. Spaniens alternde Gesellschaft braucht Arbeitskräfte.
Warum diesmal alles anders ist
Kritiker werfen Sánchez allerdings vor, dass die aktuelle Lage nicht nur das Resultat äusserer Umstände ist. Mit der Legalisierung von Hunderttausenden illegalen Migranten habe seine Regierung ein Signal ausgesendet, das weit über Spaniens Grenzen hinaus wahrgenommen wurde. Ob dieser Pull-Faktor tatsächlich entscheidend für die Ceuta-Krise war, ist umstritten. Politisch aber hat Sánchez damit seinen Gegnern eine Angriffsfläche geliefert, die sie nun konsequent nutzen.
Einige europäische Staatsoberhäupter, allen voran Italiens Giorgia Meloni (49), werfen ihm einen zu offenen Migrationskurs vor. Marokko demonstriert, wie abhängig die EU von seiner Kooperation geworden ist. Donald Trump nutzt den Streit um die Nato für neue Angriffe auf Spanien. Gleichzeitig belasten neue Korruptionsaffären und wirtschaftliche Sorgen seine Regierung im Inland.
Und doch reagiert Sánchez zunächst so, wie er es immer getan hat. Er verändert sich. Der Mann, der jahrelang für eine liberale Migrationspolitik stand, spricht plötzlich von einem «Angriff» auf Spaniens territoriale Integrität. Armee und Nationalpolizei sichern Ceuta. Tausende Migranten werden nach Marokko zurückgeführt. Wieder passt Sánchez seine Rolle der neuen Realität an. Kurzfristig geht diese Rechnung auf. Die Lage beruhigt sich. Selbst Ursula von der Leyen (67) lobt später das spanische Krisenmanagement.
Doch der eigentliche Schaden lässt sich diesmal nicht so leicht beheben. Vielleicht liegt Pedro Sánchez' grösstes Problem heute nicht nur darin, dass Europa sich verändert hat, sondern in seinem Glauben, dass jede politische Krise für ihn am Ende eine Chance bedeuten könnte. Acht Jahre lang war dies auch so. Nun könnte ihm ausgerechnet jene Selbstgewissheit zum Verhängnis werden, die ihn einst an die Spitze Spaniens brachte.