Darum gehts
Rund 72'000 Menschen brachten Europas Aussengrenze in der spanischen Exklave Ceuta letzte Woche an ihre Grenzen. Doch in Madrid wächst inzwischen die Angst vor etwas viel Grösserem: Was, wenn die Migrationskrise nur der Auftakt war für den nächsten Konflikt mit Marokko?
Die Erinnerungen an 2021 sind noch frisch. Damals lockerte Marokko seine Grenzkontrollen, worauf rund 8000 Menschen innert weniger Stunden nach Ceuta gelangten. Die Krise endete zwar rasch, machte aber klar, wie Migration zum politischen Druckmittel werden kann. Diesmal ist die Ausgangslage eine andere. Marokko ist politisch stärker denn je – und in Madrid wächst die Sorge, Rabat könnte seinen jahrzehntealten Anspruch auf die beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla künftig deutlich offensiver verfolgen.
Europas verwundbarste Grenze
Den entscheidenden Schub für Marokkos politische Kraft brachte Donald Trump (80). Bereits in seiner ersten Amtszeit erkannte Washington Marokkos Anspruch auf die Westsahara an – ein umstrittenes Territorium, das bis 1975 eine Kolonie Spaniens war.
Vergangene Woche – während Zehntausende Marokkaner in Ceuta ankamen – bekräftigte Trump seine Unterstützung erneut. Nicht nur Washington hat sich Rabat angenähert. Frankreich unterstützt inzwischen den marokkanischen Autonomieplan für die Westsahara, sogar Spanien selbst tut dies seit 2022. Aus Sicht von König Mohammed VI. (62) zeigt das: Langfristiger politischer Druck kann internationale Positionen verändern. Ein expliziter Plan ist bisher allerdings nicht bekannt.
Die Lehre aus dem «Grünen Marsch»
Deshalb fällt in Spanien immer häufiger ein historischer Vergleich: der «Grüne Marsch». 1975 schickte König Hassan II. (1929–1999) rund 350'000 unbewaffnete Marokkaner in die damalige Spanisch-Sahara. Der zivile Massenaufmarsch setzte Madrid derart unter Druck, dass es sich schliesslich aus der Kolonie zurückzog. Bis heute gilt der «Grüne Marsch» in Marokko als Gründungsmythos des modernen Königreichs – und als Beweis, dass sich politische Ziele mit zivilem Druck, aber ohne militärische Gewalt erreichen lassen. Der «Grüne Marsch» gilt bis heute als Blaupause dafür, wie territoriale Ansprüche durchgesetzt werden können.
Genau darin liegt heute Spaniens Sorge. Der Historiker José Luis Rodríguez Jiménez (65) bezeichnet die aktuelle Lage gegenüber «Politico» als mögliche «Generalprobe» für einen baldigen Vorstoss Rabats. Experten wie Jiménez halten ein hybrides Szenario für denkbar: Marokko könnte Migrationsbewegungen, Grenzprovokationen oder zivile Massenmobilisierung gezielt als Druckmittel einsetzen, um den politischen Preis für Spaniens Kontrolle über Ceuta und Melilla immer weiter zu erhöhen.
Je häufiger Spanien und Europa an ihrer Südgrenze unter Druck geraten, desto teurer wird die Verteidigung des Status quo. Gleichzeitig könnte Rabat seine jahrzehntealten Gebietsansprüche Stück für Stück international normalisieren.
Europa steckt im Dilemma
Hinzu kommt ein weiteres Problem. Zwar gehören Ceuta und Melilla zur Europäischen Union. Doch beide liegen ausserhalb Europas. Ceuta ist die einzige Landgrenze der EU zu Afrika und damit ein neuralgischer Punkt der europäischen Migrationspolitik.
Ob ein hybrider Angriff mit Migrationsdruck oder Grenzprovokationen tatsächlich den Nato-Bündnisfall auslösen würde, ist politisch alles andere als eindeutig. Genau diese Unsicherheit spielt Marokko in die Karten.
Migration als Druckmittel
Und trifft Europa an einem empfindlichen Punkt. Die EU hat Marokko in den vergangenen Jahren zu einem ihrer wichtigsten Partner in der Migrationspolitik gemacht. Rabat kontrolliert einen grossen Teil der westlichen Mittelmeerroute. Dadurch verfügt das Königreich heute über erheblichen politischen Einfluss. Ohne die Zusammenarbeit mit Marokko könnte der Migrationsdruck an der Südgrenze innert kürzester Zeit massiv steigen.
Fazit: Kommt es erneut zu einer grossen Migrationsbewegung über Ceuta oder Melilla, verschieben sich erfahrungsgemäss auch die Fluchtrouten innerhalb Europas. Ein Teil der Migranten reist später Richtung Mitteleuropa weiter – und damit auch in die Schweiz.
Ceuta ist deshalb weit mehr als eine Grenzkrise. Die kleine Exklave könnte zum ersten Test werden, ob Europa seine Aussengrenzen nicht nur gegen Migration schützen kann – sondern auch gegen jene Staaten, die Migration als Waffe nutzen.