«Man muss horizontal und nicht mehr vertikal denken»
Experte klärt nach Malediven-Tragödie über Risiken beim Höhlentauchen auf

Fünf Menschen kamen beim Tauchen auf den Malediven ums Leben. Experte und Höhlentauchlehrer Beat Müller erklärt, wie gefährlich das faszinierende Hobby wirklich ist und was dabei unverzichtbar ist.
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Beim Höhlentauchen kamen in den Malediven jüngst fünf Menschen ums Leben.
Foto: Getty Images/Stocktrek Images

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Fünf Taucher sterben beim Höhlentauchen in 50 Metern Tiefe
  • 80 bis 90 Prozent der Tauchunfälle durch menschliches Versagen verursacht
  • Tauchlehrer Müller absolvierte über 5000 Tauchgänge, davon mehr als 1000 in Höhlen
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Angela RosserJournalistin News

Kristallklares Wasser, bunte Unterwasserwelten und pure Stille – ausser dem Blubbern aus dem Atemregler und dem leisen Rieseln der Steine, die von den Wellen über den Meeresboden geschoben werden.

Diese Woche endete das Leben von fünf Taucherinnen und Tauchern genau hier. In 50 Metern Tiefe beim Höhlentauchen. Höhlentauchen gehört zu den anspruchsvollsten Formen des Tauchsports. Anders als beim normalen Tauchen fehlt die direkte Möglichkeit, an die Wasseroberfläche zu gelangen – ein entscheidender Faktor.

Tauchlehrer klärt auf

Dunkelheit, enge Passagen und oft schlechte Sicht machen die Navigation zusätzlich kompliziert. Aus diesem Grund sind besondere Standards bei Ausbildung und Ausrüstung Pflicht. Dies erklärt auch Beat Müller (74) Experte und Höhlentauchlehrer im Gespräch mit Blick. Er selbst hat schon über 5000 Tauchgänge hinter sich – mehr als 1000 davon in Höhlen. Müller gründete mit seiner Frau und einem Freund «Swiss Cave Diving» – die zweitälteste Ausbildungsorganisation Europas.

Als Erstes betont Müller, dass er beim Tauchen nicht von «gefährlich, sondern von Risiken» sprechen würde. «Gefährlich wird es erst, wenn man bekannte Risiken in der Ausbildung, beim Equipment, bei der Vorbereitung, Planung und Ausführung ungenügend beachtet», sagt Müller.

Stufenweise Ausbildung

Höhlentauchen fasziniert so sehr, weil es das Unbekannte mit sich bringt. «Man sieht nur, was im Lampenbereich liegt, und weiss nie, was dahinter kommt. Es ist mystisch», sagt er. 

Man tauche auch nicht einfach mal so in eine Höhle. Er erklärt, dass bei der ersten Ausbildungsstufe (Cavern) nur bis zu etwa 50 Meter weit in eine Höhle hineingetaucht wird – und das bei geringer Tiefe von nur wenigen Metern. Später folgen tiefere und längere Tauchgänge. Verengungen (restrictions) sind hier aber noch kein Thema. Die Passierung solcher Engnisse kommt erst auf der Stufe «Full Cave Diver», sagt Müller.

Was beim Höhlentauchen besonders zu beachten ist, ist, dass man sein Denken anpassen muss. Man ist vielleicht nur in einer Tiefe von drei Metern, aber befindet sich einen Kilometer tief in einer Höhle. «Man muss horizontal und nicht mehr vertikal denken. Dass muss dem angehenden Höhlentaucher erst einmal in den Kopf», sagt Müller. Schlussendlich sei es nämlich egal, ob man drei oder 15 Meter unter der Oberfläche ist. Es zählt die Dauer und Distanz, die unter Wasser zurückgelegt werden muss, um an die Oberfläche zu gelangen.

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«Das ist einfach Schwachsinn»

Es gibt auch noch andere Faktoren, die insbesondere Laien zum Verhängnis werden können. «Wenn zum Beispiel aufgewirbelter Dreck die Sicht trübt, schwimmen Ungeübte meist da hin, wo das Wasser noch klar ist und das ist dann leider tiefer in die Höhle hinein.»

«Eine gute Ausbildung ist aber das A und O!», betont Müller immer wieder. Es gebe leider immer noch zu viele «Schnellbleichen». «Wenn jemand damit wirbt, dich in zehn, zwölf Tagen vom Anfänger zum Full Cave Diver auszubilden, ist das einfach Schwachsinn und lebensgefährlich.»

In seiner Karriere erlebte auch er selber schon kritische Situationen. «Dreimal insgesamt», präzisiert er. Einmal sei er steckengeblieben und habe gedacht, dass er nun, trotz all seinem damaligen Ausbildungsniveau, «in diesem Drecksloch» ertrinke. Seine Erfahrung habe ihm dann aber geholfen, ruhig zu bleiben und da auch wieder rauszukommen.

Menschliches Versagen

Aufgrund seiner Erfahrung wurde er schon öfter kontaktiert, um seine Einschätzungen zu teilen. «Um sich zum aktuellen Unglück aber kompetent äussern zu können, bräuchte es für den jetzigen Fall viel mehr zuverlässige Informationen», so Müller weiter. Zum Beispiel, ob alles ausgebildete Höhlentaucher waren und auf welcher Stufe. Dann müsste man wissen, welches Equipment sie trugen, wie gross die Höhle ist, wie der Boden beschaffen ist und ob die Gruppe alleine oder mit einem Guide unterwegs war.

«Nach 46 Jahren in diesem Metier ist man vielleicht etwas abgestumpft, aber solche Unglücke machen natürlich immer betroffen und traurig», sagt Müller. Auswertungen zeigen, dass bei 80 bis 90 Prozent der Unglücksfälle menschliches Versagen die Ursache war. Der Experte ist sich sicher: «Diese Todesfälle hätten also vermieden werden können. Das ist doppelt tragisch.»

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