Darum gehts
Die nächste Verhandlungsrunde platzt, US-Präsident Donald Trump (79) verlängert den Waffenstillstand – und schiebt die Schuld nach Teheran. Der Iran sei «zerstritten», die Führung «nicht handlungsfähig». Doch während in Washington der Eindruck von Chaos entsteht, formt sich in Teheran ein anderes Bild: Kein Kollaps, sondern ein Machtwechsel im Schatten – mit direkten Folgen für Krieg und Diplomatie. Wir erklären, wer im Iran heute wirklich den Ton angibt.
Der unsichtbare Ajatollah
Eigentlich steht ein Mann im Zentrum: Ayatollah Modschtaba Chamenei (56). Jedoch gibt es von ihm bis heute kein eindeutiges Lebenszeichen. Mehr als sechs Wochen nach seiner Ernennung tritt er öffentlich nicht auf. Keine Reden, keine Interviews, keine verifizierten Videoaufnahmen. Stattdessen kursieren verlesene Botschaften und KI-Statements.
Für ein System, das jahrzehntelang von der sichtbaren Autorität eines Führers lebte, ist das ein Bruch. Sein Vater, Ali Chamenei (†86), war omnipräsent. Der Sohn hingegen bleibt im Schatten – wohl nicht freiwillig.
Berichte aus dem Innern des Regimes zeichnen ein dramatisches Bild: Chamenei soll bei Luftangriffen schwer verletzt worden sein, kaum sprechen können und aus Sicherheitsgründen abgeschirmt werden. Kommunikation läuft offenbar über Kuriere, Entscheidungen werden indirekt übermittelt. Das wirft eine zentrale Frage auf: Wenn der oberste Führer nicht sichtbar ist – führt er dann überhaupt noch?
Die Revolutionsgarden übernehmen
Die Antwort führt direkt zu den Revolutionsgarden. Die Pasdaran sind längst mehr als eine Miliz. Sie sind ein Staat im Staat: militärische Elite, wirtschaftliches Netzwerk, politischer Machtfaktor. Und jetzt offenbar: das eigentliche Entscheidungszentrum.
Die Macht der Revolutionsgarden verteilt sich dabei auf mehrere Schlüsselfiguren: Oberbefehlshaber Ahmad Vahidi (67) steuert die militärische Strategie, Mohammad Bagher Zolghadr leitet den Nationalen Sicherheitsrat, und Veteran Yahya Rahim Safavi berät die Führung in zentralen Fragen.
Ein iranischer Insider beschreibt das System wie einen Verwaltungsrat: Chamenei als formeller Vorsitzender – die Generäle als eigentliche Entscheider. «Die Generäle sind die Vorstandsmitglieder», sagt ein früherer Regierungsberater gegenüber der «New York Times». Der neue Ajatollah segnet Beschlüsse offenbar nur noch ab – oder bekommt sie als fertige Entscheide präsentiert.
Macht ohne Gesicht
Diese neue Machtstruktur hat konkrete Folgen. Zivile Politiker verlieren an Einfluss, der Präsident kümmert sich primär um den Alltag im Land, während strategische Fragen von Militärs entschieden werden.
Ein besonders illustratives Beispiel: Die Öffnung der Strasse von Hormus wurde von der Regierung verkündet – und kurz darauf von den Revolutionsgarden wieder kassiert.
Noch deutlicher wird es bei den Verhandlungen: Es waren die Generäle, die Gespräche mit den USA abbrachen, nachdem sie Trumps Blockadepolitik als Zeichen von Schwäche interpretierten. Zivile Stimmen, die weiterverhandeln wollten, konnten sich nicht durchsetzen.
Warum Diplomatie ins Leere läuft
Für die USA wird genau das zum Problem. Denn Diplomatie braucht klare Zuständigkeiten. Wer sitzt am Tisch? Wer kann Zusagen machen? Und wer garantiert ihre Umsetzung? Im heutigen Iran gibt es darauf keine klaren Antworten mehr.
Verhandler treten auf, vertreten Positionen – doch intern werden diese ständig neu austariert oder übersteuert. Entscheidungen können jederzeit von anderen Machtzentren kassiert werden. Das macht Gespräche unberechenbar. Und es erklärt, warum selbst vereinbarte Schritte plötzlich wieder infrage gestellt werden.
Trumps Fehleinschätzung
Trump deutet diese Dynamik als Schwäche. Für ihn ist der Iran gespalten – und damit leichter unter Druck zu setzen. Doch viele Experten sehen das Gegenteil. Das System wirkt zwar chaotisch, ist aber hochgradig anpassungsfähig. Die Macht ist nicht verschwunden – sie hat sich neu verteilt. Und sie liegt heute stärker denn je bei einem militärischen Netzwerk, das weniger kompromissbereit und schwerer berechenbar ist.
Der Iran ist damit nicht führungslos. Sondern wird anders geführt als früher: Nicht mehr von einem allmächtigen Ayatollah, sondern von einem Kollektiv aus Generälen, Sicherheitsapparat und Hardlinern. Ein System, das schwer zu greifen ist.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob das Regime zerfällt. Sondern ob sich gerade – mitten im Krieg – ein neuer Machtkern etabliert: Ein militärischer Schattenstaat, der den Iran lenkt, während der Ayatollah zur unsichtbaren Symbolfigur wird.