Darum gehts
Die Waffenruhe im Iran-Krieg ist faktisch keine mehr. Was als diplomatisches Stillhalten begann, zerfällt nun sichtbar vor aller Augen. Offiziell läuft sie am Mittwoch aus – real ist sie längst unterspült.
Gleichzeitig überschlagen sich die Ereignisse: US-Präsident Donald Trump (79) behauptet gegenüber Fox News, ein Iran-Deal werde noch am Montag in Pakistan unterzeichnet. Vizepräsident J. D. Vance (41) ist derweil auf dem Weg nach Islamabad. Teheran dementiert – und zeigt damit, wie tief das Misstrauen inzwischen sitzt. Die Zeichen stehen wieder auf Eskalation.
Schüsse statt Gespräche
Der jüngste Zwischenfall wirkt wie ein Wendepunkt: US-Kräfte stoppen das iranische Schiff «MV Touska», eröffnen das Feuer und übernehmen die Kontrolle. Teheran spricht von «Piraterie» und droht mit Vergeltung. Parallel wird die Strasse von Hormus erneut blockiert – jene Meerenge, durch die rund ein Fünftel des globalen Ölhandels fliesst. Von Waffenruhe zu sprechen, wirkt vor diesem Hintergrund fast zynisch.
Denn tatsächlich läuft ein doppeltes Spiel: Auf dem Papier wird verhandelt – in der Praxis eskaliert der Druck. Die USA setzen auf militärische Nadelstiche und maximale Drohkulisse. Trump droht offen mit Angriffen auf iranische Infrastruktur und erklärt gleichzeitig, ein Deal sei «zum Greifen nah».
Für Nahost-Experte Reinhard Schulze ist diese Dynamik wenig überraschend: «Die Waffenruhe ist zu einem Stillhalten geworden – und wirkt derzeit eher fragil als belastbar.» Solche Arrangements seien «typischerweise durch kurzfristige Interessen geprägt, nicht durch vertrauensbildende Massnahmen». Entsprechend genüge «schon ein kleiner Zwischenfall», um die Lage kippen zu lassen.
Druck als Strategie – auf beiden Seiten
Der frühere pakistanische Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Jamil Khan, sagte gegenüber dem Sender Al Jazeera, die Kommunikation mit dem Iran und den USA sei intensiviert worden. Dies deutet gemäss dem Sender darauf hin, dass in Kürze neue Gespräche in Islamabad stattfinden dürften. «Die Dinge beschleunigen sich», so Khan. «In den kommenden 24 bis 48 Stunden werden die Probleme angegangen, und die iranische Delegation wird vor Ort sein.»
Das Hin und Her ist kein Zufall, sondern Kalkül. Washington versucht, durch Unsicherheit und Druck Verhandlungsvorteile zu erzwingen. Doch genau diese Strategie gerät ins Wanken. Denn laut Schulze ist das Grundproblem ungelöst: «Die strukturellen Streitpunkte – Sanktionen, Nuklearprogramm, regionale Einflusszonen – bleiben bestehen und werden als Faustpfand gehandelt.» Die Folge: «Das Risiko ist real, dass die Gespräche früh ins Stocken geraten.»
Gleichzeitig nutzt Iran seinen wichtigsten Hebel: die Strasse von Hormus. Vollständig kontrollieren kann Teheran die Route nicht – aber gezielte Störungen reichen aus, um globale Unsicherheit zu erzeugen. «Diese Unsicherheit ist Verhandlungsmacht», sagt Schulze. Es handle sich um ein «klassisches Druckmittel», das allerdings «internationale Gegenreaktionen provozieren kann».
Wer hat die Oberhand?
Auch das Entern des Schiffs durch die USA ist ambivalent. Einerseits ein Signal – andererseits Eskalation. Schulze bringt es auf den Punkt: «Primär ist es ein taktisches Signal – aber mit klarer Eskalationskomponente.» In der aktuellen Lage verschwimme die Grenze: «Was als Signal gedacht ist, kann sehr schnell Gegenmassnahmen auslösen.»
Kurzfristig verfügen die USA über die stärkeren klassischen Mittel: militärische Überlegenheit, wirtschaftlicher Druck, Sanktionsmacht. Doch Iran kontert asymmetrisch. «Die USA sind stark durch ihre Druckmittel», sagt Schulze, «der Iran durch seine Fähigkeit zur effektiven Störung.» Das Ergebnis sei ein «paradoxes Gleichgewicht», in dem keine Seite leicht nachgeben könne.
Machtkampf im Schatten
Zusätzlich wird die Lage durch interne Unsicherheiten in Teheran verkompliziert. Nach Angriffen auf Führungspersonen ist unklar, wer tatsächlich entscheidet. Offiziell führt Parlamentschef Mohammad Bagher Ghalibaf (64) die Gespräche – doch die Revolutionsgarden beanspruchen ebenfalls Einfluss. Diplomatie wird so zum Blindflug.
Selbst ein möglicher Deal würde die grundlegenden Konflikte kaum lösen: Atomprogramm, Sanktionen, regionale Machtpolitik – all das bleibt bestehen. Für Schulze ist deshalb klar: «Die Waffenruhe basiert nicht auf einer politischen Lösung, sondern auf taktischer Zurückhaltung.» Genau deshalb bleibe die Gefahr hoch: «Einzelne Zwischenfälle können jederzeit eine Kettenreaktion auslösen.»
Am Ende steht ein widersprüchliches Bild: Beide Seiten haben gute Gründe, eine Eskalation zu vermeiden. Und doch treiben sie sie voran. Nicht trotz der Verhandlungen – sondern weil sie glauben, durch Eskalation die Verhandlungsposition zu verbessern. Die Waffenruhe war nie mehr als eine Pause. Jetzt zeigt sich, wie kurz sie tatsächlich war.