Darum gehts
Amerika ist leiser geworden über Nacht. Stephen Colbert (62), der wohl prominenteste Comedian der USA, hat seinen Hut genommen. Nach 1801 Episoden von «The Late Show» hat er im altehrwürdigen Ed-Sullivan-Theater in Manhattan sprichwörtlich das Licht gelöscht. Beziehungsweise: das Licht löschen lassen. Von keinem Geringeren als Paul McCartney (83), der für die allerletzte «Late Show» an jenen Ort zurückkehrte, an dem er vor 62 Jahren sein US-Bühnendebüt mit den Beatles gegeben hatte.
Elf Jahre lang hatte Colbert in seiner Show viermal wöchentlich das Weltgeschehen seziert, mit Witz und Wucht und – so sagen es seine Kritiker – zunehmender Schlagseite. Für das rechte Amerika mutierte er zum Feindbild. Donald Trump (79) persönlich schoss auf seiner Plattform Truth Social kurz nach der Ausstrahlung von Colberts Abschlussshow gegen den «The Late Show»-Host und schrieb:
«Kein Talent, keine Ratings, kein Leben! Er war wie ein Toter. Du hättest irgendjemanden von der Strasse nehmen können, und der hätte das besser gemacht als dieser totale Trottel.»
Dass sich der US-Präsident persönlich zu einer «Würdigung» von Colberts Show (bis zuletzt die Late-Night-Show mit den besten Ratings des Landes) hinreissen liess, zeigt, wie gross der Einfluss des Comedians in der Entertainment-Supermacht USA war. Colbert erreichte mit seinem Programm pro Folge rund 2,5 Millionen Live-Zuschauer. Rentiert aber hat der ganze Politzirkus offenbar nicht.
Der tragische Hintergrund seiner Witze
Das behauptet zumindest CBS, der TV-Sender, über dessen Frequenz Stephen Colbert seine spitzen Tiraden ins weite Land hinaustragen liess. 40 Millionen Verlust soll die Show jährlich geschrieben haben. Deshalb schmiss CBS den Wortakrobaten raus. Böse Zungen (unter ihnen Colbert selbst) behaupten, der Rausschmiss habe auch damit zu tun, dass CBS Colbert-Feind Trump gefallen wollte, um dessen Gunst für den anstehenden Zusammenschluss mit einer anderen Medienfirma zu gewinnen.
Wie dem auch sei: Colbert ist Geschichte. Seine Show sei zuletzt zu reinem «Widerstandsfernsehen» verkommen, kommentierte Fox-News. Sein Abgang sei ein herber Verlust für die Medienvielfalt im Land, monierten Fans und Unterstützer von Bruce Springsteen (76) über Tom Hanks (69) bis zu Barack Obama (64), den Colbert noch vergangene Woche für ein Interview in Chicago traf.
So vielen der Mann aus South Carolina ein Dorn im Auge war, so vielen war er ein Anker im amerikanischen Sturm. Dem Wahn der Welt mit Witz begegnen, «die News fühlen» (wie er selbst sein Handwerk beschrieb): Das konnte Colbert wie kaum ein anderer seiner Zeit.
Gelernt hat er das unter tragischen Umständen. Er war zehn, als sein Vater und seine beiden älteren Brüder bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen. Seine verzweifelte Mutter versuchte er mit Sprüchen und Witzen aufzuheitern. Dass er sein Talent zuletzt vor allem dazu verwendete, sich über den amtierenden US-Präsidenten lustig zu machen: verständlich.
Teurer Abschlussstreich
In seiner allerletzten Show in der Nacht auf Freitag aber erwähnte Colbert Trump nicht ein einziges Mal. Er interviewte Paul McCartney, sang mit ihm auf der Bühne den Beatles-Klassiker «Hello, Goodbye», sinnierte mit Hollywood-Grössen und Late-Night-Freunden über das Aufhören und liess durchschimmern, dass er, der gläubige Katholik, schon ein bisschen enttäuscht ist, dass Papst Leo XIV. seine Einladung als «letzter Gast» nicht angenommen hatte.
Als Nächstes wird der witzigste Scharfdenker des Landes (so die Beurteilung des Autors dieser Zeilen) als Drehbuchautor für einen neuen «Lord of the Rings»-Film wirken. Was danach kommt, bleibt ungewiss. Colbert ist reich geworden mit seiner Show (zuletzt verdiente er laut «Forbes» rund 15 Millionen Dollar pro Jahr). Nötig hätte er es nicht, aber: Amerika kann sich fast sicher sein, dass Stephen Colbert bald wieder mit viel Krach und Kritik irgendwo auftauchen wird.
Einen allerletzten Seitenhieb gegen seinen langjährigen Arbeitgeber CBS sparte sich Colbert bis ganz zuletzt auf. Er liess seine Live-Band Musik aus der TV-Serie «Peanuts» spielen – just nachdem er sich in einem Sketch über die Millionenschadenersatzklagen lustig gemacht hatte, die der Inhaber der «Peanuts»-Musikrechte gegen alle erhob, die die Musik ohne Genehmigung spielten. Die musikalische Einlage von Colberts Band könnte den Sender also teuer zu stehen kommen. Den geschassten CBS-Star kümmert das nicht mehr.