Khameneis Erben setzen auf 1000 Nadelstiche
So tanzt Iran auf Trumps roter Linie

Der Abschuss eines US-Helikopters ist mehr als ein weiterer Zwischenfall im Nahen Osten. Iran versucht, die Spielregeln des Konflikts neu zu schreiben – und testet dabei die Grenzen dessen aus, was Donald Trump bereit ist zu tolerieren.
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US-Präsident Donald Trump steht unter Druck
Foto: IMAGO/Bonnie Cash - Pool via CNP

Darum gehts

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Chiara SchlenzAusland-Redaktorin

Der Abschuss eines amerikanischen Apache-Helikopters in der Nacht auf Mittwoch war ein Schlag ins Gesicht von Donald Trump (79). Der US-Präsident reagierte zwar mit Luftangriffen auf iranische Ziele. Doch in Teheran dürfte die Botschaft eine andere gewesen sein: Selbst nach Monaten der Eskalation versucht Washington noch immer verzweifelt, einen grösseren Krieg zu vermeiden. Genau diese Zurückhaltung macht der Iran derzeit zu seiner wichtigsten Waffe.

Jahrzehntelang vermied die Islamische Republik die direkte Konfrontation mit den USA. Konflikte wurden über Stellvertreter geführt – über die Hisbollah im Libanon, die Huthi im Jemen oder schiitische Milizen im Irak. Direkte Zusammenstösse mit Washington galten als zu riskant. Doch diese Zurückhaltung scheint im aktuellen Konflikt einer neuen Strategie zu weichen.

Die Strategie der tausend Nadelstiche

Der Abschuss des Helikopters reiht sich in eine Serie von Aktionen ein, mit denen Teheran seine Gegner direkt herausfordert. Angriffe auf Israel, Attacken auf amerikanische Interessen in der Golfregion und Provokationen während laufender Verhandlungen zeigen ein Muster: Der Iran geht heute Risiken ein, die noch vor wenigen Jahren, wenigen Monaten kaum vorstellbar gewesen wären.

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Donald Trump will Härte zeigen – einen neuen Grosskrieg im Nahen Osten aber vermeiden.
Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire

Beobachter wie das amerikanische Center for Strategic and International Studies (CSIS) sprechen von einer neuen Generation iranischer Entscheidungsträger. Statt auf strategische Geduld setzt sie auf kontrollierte Eskalation. Das Ziel ist nicht, die USA militärisch zu besiegen. Das wäre aussichtslos.

Stattdessen versucht Teheran, die Kosten für seine Gegner zu erhöhen. Jeder Angriff soll zeigen, dass Aktionen gegen Iran oder seine Verbündeten nicht folgenlos bleiben. Die alte Gleichung, wonach Israel und die USA zuschlagen konnten, ohne eine direkte iranische Antwort befürchten zu müssen, soll nicht mehr gelten. Die Strategie erinnert an tausend Nadelstiche. Kein einzelner Angriff löst einen grossen Krieg aus. Doch jeder einzelne erhöht den Druck.

Die Mullahs glauben, Trump durchschaut zu haben

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, warum der Iran angreift. Die entscheidende Frage lautet, warum Iran glaubt, damit durchzukommen. Die Antwort liegt in Amerika. Trump begann dieses Jahr mit maximalem Druck. Gemeinsam mit Israel liess er iranische Ziele bombardieren und drohte dem Iran immer wieder mit massiven Konsequenzen. Gleichzeitig versprach er jedoch beharrlich, eine diplomatische Lösung sei in Reichweite.

Noch in den vergangenen Wochen erklärte der US-Präsident mehrfach, ein Abkommen mit dem Iran stehe kurz bevor. Doch während die USA von Verhandlungen sprachen, verschärfte die iranische Führung den Druck weiter. Iranische Kräfte griffen amerikanische Interessen in der Golfregion an, provozierten neue Zwischenfälle und legten laut westlichen Geheimdienstinformationen sogar während laufender Gespräche neue Seeminen aus. Amerikanische Verhandlungsversuche wurden abgewatscht.

Aus Sicht der iranischen Führung sendet das eine klare Botschaft: Trump will einen Deal mehr als einen Krieg. Der frühere US-Nahostverhandler Aaron David Miller brachte es gegenüber CNN auf den Punkt: «Die Iraner haben die USA und Israel in die Ecke gedrängt.» Die iranische Führung sei heute «risikobereiter». Sie glaube, auf der Gewinnerseite zu stehen, und sehe keinen Grund, ihr Verhalten zu ändern.

Trumps Dilemma

Und: Immer mehr Amerikaner zweifeln daran, dass Trumps Iran-Strategie funktioniert. Laut einer aktuellen Economist/Yougov-Umfrage halten 67 Prozent der US-Bürger den Präsidenten für einen ineffektiven Verhandler gegenüber Teheran. Nur ein Drittel bescheinigt ihm Erfolg. Für die Mullahs ist das ein zusätzliches Signal, dass Trump innenpolitisch unter Druck steht. Die Umfragen zeigen auch, dass eine klare Mehrheit der Amerikaner ein Ende des Konflikts befürwortet.

Gleichzeitig kann Washington Angriffe auf amerikanische Soldaten, Militärbasen oder Verbündete nicht einfach unbeantwortet lassen. Jeder iranische Angriff zwingt Trump deshalb in dieselbe Zwickmühle: Reagiert er zu hart, riskiert er genau den Krieg, den er vermeiden will. Reagiert er zu vorsichtig, bestätigt er die Annahme Teherans, dass die USA letztlich zurückschrecken.

Für Teheran geht es längst nicht mehr nur um einzelne Luftangriffe oder Vergeltungsschläge. Das CSIS spricht von einem möglichen «neuen Normalzustand» im Nahen Osten. Der Abschuss des Apache-Helikopters wäre in dieser Lesart kein isolierter Zwischenfall. Er wäre Teil eines grösseren Versuchs, die Spielregeln der Region neu zu schreiben.

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