Darum gehts
- Netanyahu ignoriert Trumps Appell und greift iranische Ziele eigenständig an
- Israels Regierung priorisiert Sicherheitsstrategie über Washingtons Wünsche vor den Wahlen
- Bis 27. Oktober Wahlen in Israel, Netanyahu muss punkten
Der israelische Ministerpräsident Benjamin «Bibi» Netanyahu (76) wagt gegen Trump den Aufstand. Trotz des Appells, für Irans jüngste Angriffe keine Vergeltung zu üben, griff Israel in der Nacht auf Montag in Eigenregie iranische Ziele an.
Die ohnehin kriselnde Allianz der beiden Staatschefs hat einen Tiefpunkt erreicht. Denn mit seiner Ignoranz gegenüber dem Weissen Haus stellt Netanyahu die Autorität von US-Präsident Donald Trump (79) offen infrage. Doch dass Bibi so handelt, hat seinen bestimmten Grund.
Warum pfeift Bibi auf Trumps Appell?
Für Netanyahu bedeuten Trumps Verhandlungen mit Teheran ein Risiko. Der US-Präsident möchte den Krieg schnell beenden und die Strasse von Hormus öffnen. Das Gegengeschäft: Lockerung der Sanktionen und Freigabe blockierter iranischer Gelder. Vor kurzem hat Trump gesagt, dass man einem Deal «sehr nahe» sei.
Doch für Israels Regierung steht die eigene Sicherheitsstrategie über den Wünschen Washingtons. Sie hat ein anderes Ziel: Sie will das iranische Regime stürzen, um die Gefahr aus dem Iran und seinen Verbündeten endgültig zu bannen.
Dazu kommt, dass in Israel spätestens am 27. Oktober Wahlen stattfinden. Es geht um Netanyahus politisches Überleben. Aus israelischer Sicht signalisiert jedes Zögern gegenüber dem Iran Schwäche.
Was bedeutet diese Schmach für Trump?
Klar ist, dass er in diesem Konflikt mehr und mehr ohnmächtig erscheint und seine Appelle sowohl in Teheran als auch in Jerusalem ungehört verhallen. Philipp Adorf, USA-Experte an der Universität Bonn, sagt gegenüber Blick: «Trump versucht, sich als entscheidende Autorität zu inszenieren, doch die Konfliktparteien machen letztlich, was sie für richtig halten. Für einen Präsidenten, der Stärke und Kontrolle ausstrahlen will, ist das ein problematisches Bild.»
Wars das mit der Freundschaft zwischen Bibi und Trump?
Die innige Freundschaft der vergangenen Jahre hat seit Anfang des Iran-Krieges schwer gelitten. Trump hat sich von Netanyahu einspannen lassen, um den Iran anzugreifen. Doch der US-Präsident hatte die Widerstandskraft der Mullahs unterschätzt. Sie sind immer noch fähig, verheerende Schläge auszuführen. Und vor allem haben sie Trump mit der Blockade der Strasse von Hormus unvorbereitet getroffen.
Dass Netanyahu jetzt sogar auf Trumps Appell pfeift, bringt das gegenseitige Vertrauen auf einen historischen Tiefpunkt. Es ist eine öffentliche Demütigung für den US-Präsidenten, der sich gewohnt ist, dass alle nach seiner Pfeife tanzen. Die politische Männerfreundschaft hat sich in ein eiskaltes Machtduell verwandelt.
Lässt Trump Netanyahu jetzt fallen?
Das ist laut Philipp Adorf höchst unwahrscheinlich. «Dafür ist die Unterstützung für Israel in der republikanischen Partei, unter evangelikalen Wählern und in weiten Kreisen des konservativen Medienmilieus zu wichtig», sagt Adorf.
Allerdings wird Trump Netanyahu seinen Ärger wohl spüren lassen. Wenn Netanyahu Trumps Iran-Deal und seine Inszenierung als Friedensstifter gefährdet, dürfte Trump die Verantwortung für das Ausbleiben einer Lösung zunehmend auf ihn zuschieben.
Konkret könnte Trump Israel auch damit bestrafen, indem sich die USA etwa bei kritischen Resolutionen im UN-Sicherheitsrat enthalten oder Waffenlieferungen verzögern. Trump dürfte auf Netanyahu Druck ausüben, bis dieser einem Waffenstillstand zustimmen muss.
Welchen Einfluss hat die Fussball-WM auf Trumps sanften Kurs?
Die WM ist für Trump das perfekte Schaufenster, um die USA unter seiner Führung als friedliche, florierende und unantastbare Supermacht zu präsentieren. «Ein eskalierender Krieg im Nahen Osten passt nicht in diese Inszenierung», sagt Philipp Adorf.
Für Trump wäre es ein Albtraum, wenn die USA während des Turniers Krieg gegen das Land einer teilnehmenden Mannschaft führen würden. Er braucht dringend eine Beruhigung der Lage im Nahen Osten, weil jede Raketenwelle die Aufmerksamkeit ablenken würde. Adorf: «Aus Trumps Sicht sollte die Welt während der WM über die USA sprechen – und nicht über einen ausser Kontrolle geratenen Konflikt im Nahen Osten.»