Darum gehts
Bis gestern noch fürchtete die halbe Welt, Donald Trump (79) könnte während seiner China-Visite etwas Ungeschicktes zu Taiwan sagen und damit auf der Welt für noch mehr Instabilität sorgen. Jetzt zeigt sich: Der US-Präsident wartete gar nicht erst bis zu seiner Abreise, um die amerikanische Wählerschaft mit einem irren Quote komplett zu verunsichern.
«Ich denke nicht an die finanzielle Situation der Amerikaner. Ich denke an niemanden», sagte Trump im Krach der Helikopterrotoren vor dem Weissen Haus, als ihn eine Reporterin vor seiner Abreise am Mittwoch fragte, welche Rolle die Krise in den USA bei seiner Iran-Politik spiele. Das Zitat – die Plattform Axios nennt es «Trump’s Killer Quote» – könnte Trump in ernsthafte Probleme bringen. Aus drei Gründen:
Affront gegenüber den leidenden Amis
Die wirtschaftliche Lage in Amerika kippt. 75 Prozent der Amerikaner sagen, sie hätten die Auswirkungen des Iran-Kriegs negativ zu spüren bekommen. Die Benzinpreise sind auf 4.55 Dollar pro Gallone (3,8 Liter) geklettert. Tanken kostet 44 Prozent mehr als bei Trumps Amtsübernahme. Die Lebenshaltungskosten sind allein im April um knapp vier Prozent gestiegen. Flugtickets kosten 20 Prozent mehr als noch im Februar. 1,9 Millionen Amerikaner leben inzwischen in ihren Autos, weil sie sich keine Miete mehr leisten können oder ihre Häuser verloren haben.
Und das alles spielt bei Trumps politischer Planung keine Rolle? Wenig verwunderlich, dass laut einer CNN-Erhebung 77 Prozent der Amerikaner Trumps Politik dafür verantwortlich machen, dass fast alles stetig teurer wird. Besonders bedenklich für den Präsidenten: Auch eine Mehrheit der Republikaner sagt, Trump sei schuld am finanziellen Stress, den sie durchmachen.
Der Kontext? Interessiert keinen
Trumps «Killer Quote» ist nur der Anfang seiner Antwort, in der er später auch noch sagte: Das Einzige, was für ihn zähle, sei, dass der Iran keine Atombombe erhalte. Ein vernünftiges Statement – nur halt politisch extrem ungeschickt eingeleitet.
Dumm für Trump: Dieser Kontext interessiert in der Clip-getriebenen Berichterstattung heutzutage niemanden. 20 Prozent der Amerikaner konsumieren ihre News primär auf Tiktok (bei den Unter-30-Jährigen sind es sogar 43 Prozent). Da dreht sich alles um virale Clips ohne Kontext und Einordnung.
Jubeln dürften die demokratischen Politstrategen, die aus dem «Ich denke an niemanden»-Zitat binnen Kürze knallige Propaganda-Bissen machen werden. David Axelrod (71) etwa, Barack Obamas (64) einstiger Chef-Stratege, prophezeit, die Aussage werde Trumps «politischen Zerfall drastisch beschleunigen».
Demokratisches Wunschdenken? Vielleicht. Klar ist: Trump wirft seinen nach politischer Überlebensluft schnappenden Gegnern mit seiner ungeschickten Aussage einen unerhofften Rettungsring zu.
Taub stellen wird die Republikaner nicht retten
Die Zwischenwahlen am 3. November könnten für die Republikaner zur politischen Pein werden. Verlieren sie die Mehrheit im Repräsentantenhaus, müssen Trump und seine Weggefährten mit zahlreichen vom Parlament genehmigten Sonderuntersuchungen und öffentlichen Befragungen rechnen. Verlieren sie auch den Senat, droht gar ein neues Amtsenthebungsverfahren, das Trump im Extremfall aus dem Weissen Haus befördern könnte.
Die Republikaner täten also gut daran, sich deutlich von ihrem Fettnäpfchen-Präsidenten zu distanzieren und seine jüngste «Ihr seid mir alle egal»-Aussage zu verurteilen. Doch: Bislang ist nichts dergleichen passiert. Sämtliche Republikaner, die zu Trumps Aussage befragt worden sind, spielten die Unwissenden oder verwiesen auf den «Kontext».
Das werden die leidenden Amerikaner kaum goutieren. Die Republikanische Partei wirkt ein knappes halbes Jahr vor den Midterms wie ein feiger Verein von Abnickern, der seinem zusehends wirr agierenden Anführer blindlings ins politische Verderben folgt.