Fiese neue Russen-Falle
Die Ukrainer können in den Frontstädten keinem mehr trauen

Blick konnte mit einem ukrainischen Offizier in der vermeintlich von Russland eroberten Stadt Kostjantyniwka sprechen. Er erzählt vom bitteren Überlebenskampf seiner Einheit – und von einer neuen russischen Kriegstaktik, die der Ukraine schwer zu schaffen macht.
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Wladimir Putin behauptet seit vergangener Woche, die Stadt Kostjantyniwka sei von den Russen erobert worden.
Foto: AP

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Samuel SchumacherAusland-Reporter

Sommermärchen werden dieser Tage nicht nur auf dem Fussballplatz geschrieben, sondern auch in Moskau produziert. Ein besonders irrwitziges präsentierte Kreml-Chef Wladimir Putin (73) vergangene Woche, als er verkündete: «Wir haben Kostjantyniwka erobert.»

Ob sich Putin von seinen Generälen einen Bären aufbinden liess oder die Falschmeldung bewusst streute, ist unklar. Klar ist: Die Ukraine hat die Donbass-Stadt Kostjantyniwka nicht aufgegeben. Blick konnte mit einem ukrainischen Offizier sprechen, der mit seiner Brigade in der Stadt kämpft. Er erzählt von einer neuen russischen Taktik, die vor Ort für Angst und Schrecken sorgt.

Seit 2022 dient der 40-jährige Offizier mit dem Rufnamen «Stark» in der ukrainischen Armee, seit vergangenem Jahr auch in Kostjantyniwka. Die Lage habe sich massiv verschlechtert, sagt er. Doch Putin liege falsch: «Die Stadt ist nicht besetzt. Unsere Truppen sind noch immer in Kostjantyniwka präsent.» Noch.

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Die Donbass-Stadt Kostjantyniwka ist derzeit der am heftigsten umkämpfte Ort in der Ukraine.
Foto: keystone-sda.ch

Besonders zu schaffen macht Stark und seinen Männern die neue russische Infiltrationstaktik. «Früher griffen sie mit gepanzerten Fahrzeugen an oder rannten in grossen Gruppen gegen unsere Stellungen», erzählt Stark. Diese alte «Fleischwellen»-Strategie sei von perfidem Einsickern abgelöst worden. «Die Russen schicken Gruppen von einem bis drei Kämpfern los. Ihre Aufgabe ist es, möglichst tief vorzudringen und sich dann zu verstecken.»

Die alte Bachmut-Taktik funktioniert nicht mehr

Viele dieser Kleinsttrupps würden unterwegs getötet. «Manche aber schleichen unbemerkt an uns vorbei und verkleiden sich als Zivilisten, sobald sie in der Stadt sind», sagt Stark. Der Feind sickert langsam ein, taucht plötzlich im Rücken der Ukrainer auf – unerkannt, bereit für Hinterhalte. Für die Verteidiger heisst das: Sie können niemandem mehr trauen, nicht einmal vermeintlichen Zivilisten.

Die Taktik sei eine Reaktion auf die ukrainische Drohnen-Dominanz, sagte Militärexperte Kostyantyn Mashovets gegenüber der Plattform Explainer. Die russischen «Fleischwellen», mit denen Moskau noch Bachmut (2023) und Awdijiwka (2024) erobert hatte, hätten zuletzt immer weniger funktioniert. Ukrainische Drohnen konnten anstürmende Truppen früh erkennen und vernichten.

Mit kleinen Infiltrationstrupps dagegen gelingt es den Russen trotz hoher Verluste, Soldaten an der ukrainischen Verteidigung vorbeizuschleusen. Hinter den Linien sorgen sie für Chaos. Manchmal, sagt Mashovets, verkleideten sie sich nicht nur als Zivilisten, sondern sogar als ukrainische Soldaten.

Wie lange Kostjantyniwka unter diesen Bedingungen noch gehalten werden kann, ist offen. «Die Soldaten sind erschöpft, es ist heiss, Wasser ist knapp», sagt Stark. «Die Schlacht um Kostjantyniwka ist meines Erachtens bereits entschieden.» Noch könne die Ukraine Widerstand leisten. Die Frage bleibe, zu welchem Preis.

Ein Fall der Stadt wäre für die Ukraine ein schwerer Schlag. «Wenn die Russen hier vorrücken, werten sie das als Beweis, dass sie ihre Ziele weiter erreichen können. Das wird sie motivieren, weiterzukämpfen», sagt Stark. Zudem würde alles, was die Ukrainer in der Stadt aufgebaut haben, etwa Unterstände oder Stellungen, dem Feind in die Hände fallen.

Jetzt will Putin weiter eskalieren

Weiterkämpfen will die russische Kriegsführung auf jeden Fall. Drei Putin-nahe Personen sagten Reuters diese Woche, der russische Präsident denke nicht an Verhandlungen, sondern wolle eskalieren – selbst wenn die Eroberung des Donbass noch Jahre dauern und Hunderttausende Soldaten das Leben kosten könnte. Putins Aussenminister Sergej Lawrow (76) bestätigte am Freitag, ein Waffenstillstand komme derzeit nicht infrage.

Laut Reuters sollen Putin besonders die ukrainischen Angriffe auf die russische Ölindustrie erzürnt haben. Im Kreml werde sogar ein Angriff auf ein weiteres europäisches Land diskutiert, um die Nato zu testen. Zugleich könnte Putin seinem Volk eine neue Massenmobilisierung verkaufen: «Seht her, die Nato greift uns an.»

Offizier Stark will so oder so weiterkämpfen. Der Krieg hat ihm vieles geraubt, seinen Lebensplan kaputtgemacht. Zu verlieren hat er nichts mehr – ausser sein Land. Und das will er verteidigen, bis zum Schluss.

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