Darum gehts
Seinen alten Job hat der einstige TV-Comedian Wolodimir Selenski (48) nie hinter sich gelassen – trotz der alles andere als lustigen Umstände. Das zeigte sich gestern Mittwoch beim gemeinsamen Auftritt mit Donald Trump (80) am Nato-Gipfel in Ankara wieder. Ob er denn bereit wäre, Wladimir Putin (73) für Verhandlungen in Moskau zu treffen, wollte der US-Präsident von Selenski wissen. «Das wird schwierig. In Moskau ist es derzeit sehr gefährlich wegen all der ukrainischen Drohnen», entgegnete Selenski.
Das zauberte sogar dem bitterernsten Trump ein Lächeln auf die schmalen Lippen. Und wenn auch der Blick auf die ukrainischen Schlachtfelder nach wie vor wenig Grund zur Heiterkeit gibt: Diese Woche gibts gleich drei neue Gründe, die Selenski und seinen rund 900'000 Soldaten und Offizieren Grund zur Hoffnung auf einen baldigen Durchbruch geben.
Trumps Patriot-Wende
Das tödlichste Problem der Ukraine bleiben russische ballistische Raketen: Geschosse, die in hohen Bögen extrem schnell auf ihre Ziele stürzen. Drohnen und Marschflugkörper kann Kiew oft abfangen, gegen ballistische Raketen aber hilft praktisch nur das US-System Patriot.
Doch die Abfangraketen sind rar und teuer, jede kostet mehrere Millionen Franken. Am Nato-Gipfel kam es nun zum Durchbruch: Trump will der Ukraine erlauben, Patriot-Munition nach amerikanischer Bauanleitung und mit US-Komponenten selbst herzustellen. Ein Novum, das nicht einmal die Ukraine-freundliche Regierung von Trumps Vorgänger Joe Biden (83) zulassen wollte.
Die Herstellerfirmen Lockheed Martin und Raytheon müssen noch zustimmen. Und selbst dann dürfte es Monate dauern, bis die ersten Geschosse «Made in Ukraine» einsatzbereit sind. Trotzdem reagierte Moskau scharf: Aussenminister Sergej Lawrow (76) warf den USA vor, ihre Rolle als «ehrlicher Vermittler» aufzugeben und sich auf Kiews Seite zu schlagen.
China streckt die Hand aus
Im Mai rollte Xi Jinping (73) für Putin in Peking noch den roten Teppich aus. Nun aber scheint China seiner «ewigen Freundschaft» mit Russland nicht mehr ganz so sicher zu sein. Russland, die «Tankstelle Chinas», hat zunehmend Mühe, seine Partner verlässlich zu versorgen. Und wenn die Rohstoffe nicht fliessen, dann versiegt der chinesische Freundschaftselan sehr rasch.
So mindestens könnte man den Umstand deuten, dass Chinas Aussenminister Wang Yi (72) seinen ukrainischen Kollegen Andrij Sybiha (51) nach Peking eingeladen hat. Kiew reagierte erfreut. Für die Ukraine bietet sich die seltene Chance, China zu mehr Druck auf seinen «strategischen Partner» Russland zu bewegen.
Putin stoppt den Diesel-Export
Für Russland ist es ein Warnsignal höchster Stufe: Der Kreml hat am Mittwoch verfügt, vorerst keinen Diesel mehr ins Ausland zu verkaufen. Der Exportstopp gilt mindestens bis Ende Juli. Für die Staatskasse, die den Krieg finanzieren muss, ist das ein schwerer Schlag.
Grund ist die wachsende Treibstoffnot. In rund der Hälfte aller russischen Regionen ist das Tanken inzwischen rationiert. Seit diesem Monat muss der Rohstoffriese Russland sogar Treibstoff aus Indien, Belarus und Kasachstan importieren.
Auslöser sind die systematischen ukrainischen Angriffe auf Russlands Ölindustrie. 22 Raffinerien sind bereits ausser Betrieb. Die übrigen laufen ohne Wartung durch und produzieren teils minderwertigen Treibstoff, der laut Militärexperte Torsten Heinrich (61) mittelfristig auch russischen Armeefahrzeugen schaden könnte.
Fazit: Experten wie der frühere ukrainische Armeechef und heutige Botschafter in Grossbritannien, Waleri Saluschni (52), warnen davor, aus diesen Erfolgen eine baldige russische Niederlage abzuleiten. Russland bombardiert die Ukraine weiter täglich – inzwischen auch Tankstellen. Mindestens 200 der rund 5000 Tankstellen im Land sollen bereits zerstört sein.
Dennoch spürt Russlands Bevölkerung die Folgen des Krieges nun unmittelbarer als zuvor. Das setzt Putin unter Druck – erst recht, wenn sich neben Trump auch China weiter von ihm entfernt. Einen lockeren Spruch, mit dem Putin das alles überspielen könnte, hat er bislang nicht gefunden. Auch in dieser Hinsicht scheint ihm sein ukrainischer Kontrahent überlegen.