Auf den ersten Blick scheint auf dem Bürgenstock vieles schiefzulaufen. US-Präsident Donald Trump (80) droht dem Iran öffentlich mit neuen Angriffen. Die iranische Delegation verlässt zwischenzeitlich empört den Verhandlungssaal. Gleichzeitig torpedieren die Kämpfe zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon die Gespräche.
Nicht gerade die Zutaten für eine historische Annäherung. Doch wer verstehen will, warum die Gespräche trotzdem Fortschritte machen, muss auf einen Stuhl schauen, der leer geblieben ist.
Der leere Stuhl
Denn eine der grossen Konfliktparteien und ein ebenso grosser Krawallmacher in der Region bleibt den Verhandlungen gänzlich fern. «Israel sitzt nicht am Tisch», sagt Verhandlungsexperte Matthias Schranner, der seit Jahren internationale Krisenverhandlungen analysiert und an der Uni St. Gallen zum Thema doziert.
Jahrelang bestand die Nahost-Diplomatie aus einem bekannten Ritual: Vermittler reisten zwischen den Konfliktparteien hin und her, Waffenruhen wurden verkündet und kurz darauf wieder gebrochen. Zu viele Interessen, zu viele Akteure, zu viele rote Linien.
Erstmals sitzen sich hochrangige Vertreter beider Staaten direkt gegenüber. Für Washington verhandelt Vizepräsident J. D. Vance (41), für Teheran Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf (64). Dazu kommen ein 60-Tage-Fahrplan und ein direkter Kommunikationskanal zwischen beiden Seiten.
Für den Experten ist deshalb nicht entscheidend, dass auf dem Bürgenstock verhandelt wird. Entscheidend ist, wie verhandelt wird. «Das ist die erste ernsthafte Verhandlungsführung. Vorher war mehr Show.» Laut Schranner erzählt der Bürgenstock noch eine zweite Geschichte. Nach Jahren mit Verhandlungen in Istanbul, Kairo, Riad oder Pakistan sei die Schweiz wieder auf die diplomatische Landkarte zurückgekehrt. «Die Schweiz ist wieder zurück auf der Weltbühne», sagt er.
Niemand profitiert mehr vom Scheitern
Eine andere Sache ist laut Schranner aber noch wichtiger: «Wer profitiert davon, wenn die Gespräche scheitern?» Lange lautete die Antwort im Nahen Osten: fast alle. Harte Rhetorik brachte innenpolitische Punkte, militärische Stärke demonstrierte Entschlossenheit, die Fronten waren verhärtet, aber kalkulierbar. Heute hat sich die Rechnung verändert.
Trump braucht Stabilität. Die Unsicherheit rund um die Strasse von Hormus belastet die Weltwirtschaft und erhöht den politischen Druck auf das Weisse Haus. Mit den Midterm-Wahlen vor Augen kann sich Trump keinen neuen Dauerkonflikt leisten. Auch der Iran steckt in einer Sackgasse. Sanktionen belasten die Wirtschaft, Milliarden bleiben im Ausland blockiert, die Gefahr neuer Militärschläge bleibt bestehen.
Dass Trump während laufender Gespräche neue Militärschläge androht, wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Für Schranner gehört diese Inszenierung jedoch zum Verhandlungsspiel dazu. «Es gibt zwei unterschiedliche Sachen: Wie die Verhandlung läuft und wie sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird», sagt er.
Drohungen, Gegendrohungen und Abbruchszenarien gehörten bei schwierigen Verhandlungen fast zum Standardrepertoire, so Schranner. Nach aussen werde Härte demonstriert, während hinter den Kulissen weiterverhandelt werde. Entscheidend sei, dass beide Seiten immer wieder an den Tisch zurückkehren. «Das ist schon ein deutliches Zeichen, dass die beiden es brauchen.»
Die Schwäche des Deals
Israels Abwesenheit ist nicht nur eine Chance – sie könnte auch zum Problem werden. Je weniger Staaten mitreden, desto einfacher wird eine Einigung. Doch je weniger Staaten mitreden, desto schwieriger wird ihre Umsetzung.
Israels Regierung betrachtet das iranische Atomprogramm seit Jahren als existenzielle Bedrohung. Viele Politiker in Jerusalem warnen davor, Teheran wirtschaftlich entgegenzukommen, solange Fragen zur Urananreicherung, zum Raketenprogramm und zur Unterstützung regionaler Milizen ungelöst bleiben. Genau dort könnte ein möglicher Deal später ins Wanken geraten.
«Positiv ist natürlich, dass es ohne Israel sehr viel wahrscheinlicher ist, dass es bald einen Deal gibt», sagt Schranner. «Negativ natürlich, weil Israel ein wichtiger Partner ist im Ganzen.» Sollte Washington Teheran Zugeständnisse machen, die in Jerusalem als Sicherheitsrisiko wahrgenommen werden, könnte Israel den Druck wieder erhöhen – politisch oder militärisch.
Die Ironie dieser Verhandlungen lautet deshalb: Ihre grösste Stärke könnte gleichzeitig ihre grösste Schwäche sein. Für den Moment aber spricht vieles dafür, dass auf dem Bürgenstock mehr passiert als bei früheren Gesprächsrunden. Nicht, weil plötzlich Vertrauen entstanden wäre. Sondern weil beide Seiten erkannt haben, dass sie sich ein Scheitern kaum noch leisten können.