Darum gehts
- Satellitenbilder zeigen bei Kaliningrad den Bau eines OTH-Radars mit drei Antennenfeldern
- Das System soll Flugzeuge und Raketen auf 900 bis 3000 Kilometer Entfernung erfassen können
- Fischer sieht den Standort Kaliningrad als strategische Machtdemonstration an der Nato-Grenze
Russland rüstet seine Exklave Kaliningrad derzeit weiter auf. Aufnahmen von Satellitenbildern zeigen den Aufbau eines gigantischen Radarsystems – drei Antennenfelder mit einer Länge von 500 Metern laufen sternförmig zusammen. Dank einer speziellen Technik sollen Flugzeuge und Raketen damit auf eine Entfernung von 900 bis zu 3000 Kilometern erfasst werden. Geopolitik-Experte Klemens Fischer ordnet auf Anfrage von Blick ein, was hinter der eindrücklichen Anlage steckt.
Die Bilder der noch nicht fertiggestellten Anlage wurden durch Satelliten der finnischen Firma Iceye aufgenommen. Der «Frankfurter Allgemeinen» liegen einzelne Auszüge des Berichts von Iceye vor. Wie die Zeitung angibt, soll es sich bei der Radaranlage um ein sogenanntes Over-The-Horizon-System (OTH) handeln. Doch was sind OTH-Radaranlagen und was ist das Besondere an ihnen?
«Es können Ziele erfasst werden, die ansonsten im Radarschatten der Erde verschwinden»
«OTH-Radaranlagen sind keineswegs eine Neuigkeit auf dem Gefechtsfeld», stellt Fischer klar. In Russland seien derzeit bereits zwei weitere solcher Anlagen in Betrieb. Diese decken unter anderem auch einen Teil des europäischen Luftraumes ab. Mit der neuen Anlage in Gwardeisk würden jedoch Teile Polens, Frankreichs, Deutschlands und Grossbritanniens besser erfasst werden.
Die herausragende Bedeutung der OTH-Systeme liegt laut Fischer darin, dass sie ein fundamentales Limit von klassischen Radarsystemen aushebeln. «Dadurch, dass die Radarsignale bei OTH-Systemen von oben auf das Ziel fallen, können auch tieffliegende Ziele erfasst werden, die ansonsten im Radarschatten der Erde oder hinter Gebirgsketten verschwinden», erklärt der Experte. Auch Tarnkappenflugzeuge, die nur gegen Signale von vorne oder von unten geschützt sind, würden durch OTH-Systeme wieder sichtbar gemacht.
Allerdings weisen die Anlagen auch Schwächen auf: «OTH-Systeme sind nicht so präzise wie klassische Radaranlagen und auch nicht dazu geeignet, eigene Waffensysteme zu steuern», gibt Fischer an. Dennoch seien sie als Frühwarnsysteme von enormer strategischer Bedeutung. Dass Putin das Mega-Radar in Kaliningrad errichten lässt, ist kein Zufall. Die Exklave an der Ostsee gilt schon länger als Knotenpunkt für die elektronische und sensorische Kriegsführung des Landes.
«Die strategischen Anlagen dienen als tägliche Machtdemonstration»
Fischer hebt zwei Standortvorteile hervor, die sich daraus ergeben, dass Kaliningrad zwischen den beiden Nato-Ländern Polen und Litauen eingebettet ist. Das sei auch der propagandistische Wert. «Russland verfügt nahezu im Blickfeld des potenziellen Gegners über strategische Anlagen, die als tägliche Machtdemonstration dienen.» Hinzu komme noch eine tendenziell abschreckende Wirkung gegen nukleare Anschläge auf das strategische Zentrum. Dies, da dadurch auch die umliegenden Territorien massiv beeinträchtigt werden könnten.
Die Radaranlage dürfte laut Fischer bereits seit Jahren geplant gewesen sein – dass sie jetzt errichtet wird, führt er jedoch auf eine politische Entscheidung zurück. Auch hier seien Propagandaelemente entscheidend. «Moskau sendet die Botschaft, dass man trotz des Ukrainekriegs in der Lage ist, militärische Grossprojekte umzusetzen, hier sogar vor der Türschwelle der Nato.»