«Daddy» fällt uns in den Rücken
So will sich Europa aus Trumps Klammergriff befreien

Jahrzehntelang hat Europa lieber in seine Sozialsysteme als in seine Verteidigung und seine Energie-Unabhängigkeit investiert. Das rächt sich jetzt. Hoffnungsschimmer gibt es – aber auch ein potenziell tödliches Problem.
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Europa ist hochgradig abhängig von den USA – und damit von ihrem zuweilen erratischen Präsidenten. Doch es tut sich etwas.
Foto: AFP

Darum gehts

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Samuel Schumacher, Ausland-Reporter Blick
Samuel SchumacherAusland-Reporter

«Daddy» nannte Nato-Chef Mark Rutte (59) Donald Trump (80) unlängst. Nach den jüngsten Attacken des US-Präsidenten gegen die Ukraine und das Naserümpfen über die Europäer müssen wir uns fragen: Was droht, wenn uns der mächtige Papa in Übersee komplett im Stich lässt?

Viereinhalb Jahre nach Russlands Angriff auf die Ukraine hat Europa zwar dazugelernt. Doch bei einem abrupten Rückzug der USA wären wir auf einen Schlag extrem verwundbar. In manchen Bereichen aber holt Europa kräftig auf. Blick macht den grossen Abhängigkeits-Check.

Politik: Immerhin Widerspruch wagt Europa inzwischen. Als Trump damit drohte, Grönland zu annektieren, stellte sich Europa geschlossen hinter Dänemark, zu dem die Insel gehört. Medienberichten zufolge bereitete Dänemark sogar die Sprengung von Landebahnen vor, um bei einem US-Angriff amerikanische Flugzeuge an der Landung zu hindern. Ähnlich geschlossen trat Europa mit Blick auf den US-Angriff auf den Iran auf. Kein einziges europäisches Land unterstützt Trump bei seinem Feldzug.

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Donald Trump wendet sich öffentlich von Europa ab und Wladimir Putin zu.
Foto: IMAGO/Anadolu Agency

Satelliten: Europa hat mit Galileo zwar ein Satelliten-basiertes ziviles Ortungssystem (eine Alternative zum amerikanischen GPS). Aus militärischer Sicht aber sieht es (noch) zappenduster aus an unserem Himmel. Zwar investiert die EU aktuell 16 Milliarden Euro in das Projekt Iris2, eine Alternative zu Elon Musks (55) Starlink-System, das insbesondere in der Ukraine auch für militärische Zwecke genutzt wird. Die ersten der 348 EU-Satelliten sollen allerdings erst 2029 ins All geschickt werden. Vor 2032 dürfte das System nicht funktionsfähig sein. So lange bleiben die Drohnenpiloten in der Ukraine (und im schlimmsten Fall auch unsere eigenen Abwehrkräfte) abhängig von den amerikanischen Satelliten.

Niemand scannt die Welt wie die USA

Frühwarnsystem: Ähnlich zahnlos sind Europas Fähigkeiten bei der Früherkennung von Langstreckenraketen, die nur wenige Minuten nach ihrem Abschuss auf russischem Territorium auch bei uns eintreffen. Noch immer haben nur die USA die nötigen Infrarot-Satelliten (SBIRS heisst das System), mit dem Washington rund um die Uhr den ganzen Planeten nach auffälligen Wärmesignalen (etwa von startenden Raketen) absucht.

Die USA können aus diesen Daten Startpunkt, Reiserichtung und wahrscheinliche Einschlagsorte zahlreicher Raketentypen eruieren. Was passiert, wenn die USA ihre Infos nicht teilen oder sie wegen technischer Schwierigkeiten nicht teilen können, zeigte sich vergangene Woche gleich mehrfach in Kiew. Da donnerten russische Raketen erstmals gänzlich ohne Vorwarnung auf die schlafende Bevölkerung nieder.

Waffen: Europa will zwar deutlich mehr in seine Verteidigung investieren. Nach wie vor aber fliessen die Gelder primär in die Besorgung amerikanischer Waffensysteme, statt dass man damit eigene Mittel entwickeln würde. Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri kamen rund 60 Prozent von Europas importierten Waffen aus US-Stahlschmieden – genau gleich viel wie vor rund zehn Jahren.

Die Schweiz ist ein gutes Beispiel dafür: Die F-35-Kampfjets, die dereinst über den Alpen kreisen sollen, liefern uns (irgendwann dann) die USA – genau wie die Patriot-Abwehrraketen, die uns (irgendwann dann) gegen mögliche russische Raketen schützen sollen.

Fortschritte gibt es allerdings bei der Produktion von herkömmlichem Kriegsgerät, etwa von Munition. Neue Munitionswerke in Deutschland, neue Pulver-Fabriken in Frankreich und zahlreiche Ko-Produktionsstätten, in denen etwa Grossbritannien und Norwegen gemeinsam mit der Ukraine Drohnen bauen: Das sind Hoffnungsschimmer am europäischen Verteidigungshorizont.

Energie: Nach dem Wegfall der russischen Öl- und Gaslieferungen ist Europas Abhängigkeit von amerikanischer Energie massiv angestiegen. Beispiel Flüssiggas: Vor dem Ukraine-Krieg importierte Europa 28 Prozent seines Flüssiggases aus den USA, heute sind es 62 Prozent (in Deutschland sogar 95 Prozent!). Die EU hat mit Trump persönlich im Sommer 2025 einen Deal unterzeichnet, laut dem sie bis 2028 für 750 Milliarden Dollar amerikanische Energie einkaufen will. Doch Alternativen zur US-Power zeichnen sich ab.

Ist Kanada die Lösung?

Dave Keating, EU-Experte und Autor des Buches «The Owned Continent» («Der abhängige Kontinent»), schlussfolgerte jüngst in einem Podcast der London School of Economics: «Europa ist aufgewacht, aber es liegt weiter verängstigt im Bett. Europa macht nicht, was nötig wäre, um sich von den USA zu lösen.»

Das ist die pessimistische Sicht. Optimistisch stimmen könnte einen etwa das Zusammenrücken Europas mit Kanada, einem Energiegiganten, der unserem Kontinent freundlich gesinnt ist. Ende Monat diskutieren die beiden Seiten bei einem Gipfel in Montréal, wie man sich künftig gegenseitig noch besser helfen könnte.

Gleichzeitig gehen die EU-Beitrittsgespräche mit der Ukraine langsam in die entscheidenden Runden. Jede Kooperation mit dem militärisch gezwungenermassen hochinnovativen Land würde Europa stärken. Eines der vielversprechendsten Beispiele dafür ist das ukrainisch-europäische Freyja-System, das dereinst das bislang einzigartige US-Patriot-Raketenabwehrsystem ersetzen könnte – und erst noch zu nur rund einem Viertel des Preises. Erste Abfangtests sind für 2027 geplant.

Ob «Daddy» uns bis dahin die Stange hält, ist unklar. Ob Europa so lange Zeit hat, sich auf die eigenen Beine zu stellen, ebenfalls. Jeder Loslösungsprozess ist schwierig. Europa hat seinen wenigstens begonnen.

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