Darum gehts
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Es ist sommerlich warm am 4. Juli 1987, als ein 41-jähriger US-amerikanischer Bauunternehmer am Flughafen von Moskau in Begleitung seiner Frau aus dem Flugzeug steigt. Der Unternehmer ist Donald Trump, die Frau seine erste (Ivana), der Anlass für die Reise hinter den Eisernen Vorhang ein auf den ersten Blick harmloser.
Die sowjetische Tourismusbehörde Intourist hatte den amerikanischen Besucher wissen lassen, dass man am Bau eines Luxushotels in Moskau interessiert wäre und nach Investoren suche. Trump, der Hotel-Unternehmer, biss an. Doch auf der kurzen Reise in die UdSSR soll es nicht nur nette Empfänge und Gespräche über (nie realisierte) Hotelpläne gegeben haben. Ganz nebenbei soll Trump vom sowjetischen Geheimdienst KGB in jenem Sommer als Agent angeworben worden sein.
«Krasnow», der Rote, soll sein Deckname lauten. Das behauptet kein Geringerer als der Ex-KGB-Agent Alnur Mussajew (72), der mit seinen Männern von der 6. Direktion des KGB damals für die Rekrutierung fremdländischer Agenten zuständig war. Eines seiner Zielobjekte: Donald Trump.
Ein US-Präsident als russischer Agent? Nach den jüngsten, für viele westliche Beobachter schlicht unverständlichen prorussischen Entscheidungen des Weissen Hauses (Diesel-Deal, G20-Einladung an Wladimir Putin, Angriffe auf Wolodimir Selenski) erhält die wilde Theorie neuen Aufschwung. Trump-Kritiker monieren, «MAGA» stehe nicht länger für «Make America Great Again», sondern für «Moscow Agent Governing America». Trump muss ein russischer Agent sein. Wie sonst ist all der Putin-Wahn zu erklären?
Was für die «Krasnow»-Theorie spricht – und was dagegen
SonntagsBlick macht den Krasnow-Check. Für die Richtigkeit der Theorie sprechen mehrere Punkte:
- Aussagen der Rekrutierer: Mussajews sensationelle Krasnow-Behauptung, die er in einem Facebook-Post im Februar 2025 erstmals aufstellte, wurde von mindestens zwei weiteren Ex-KGB-Agenten bestätigt. Direkte Beweise lieferte zwar keiner von ihnen. Ihre Geschichten über die Rekrutierung des New Yorker Baulöwen aber sind beinahe deckungsgleich.
- Fernseher-Kauf: Schon Jahre vor der Moskau-Reise soll der Unternehmer Trump vom sowjetischen Geheimdienst ins Visier genommen worden sein. 1980 etwa brauchte er für sein gerade erworbenes Hotel «Grand Hyatt New York» 200 TV-Geräte. Er kaufte sie ausgerechnet im Elektronik-Geschäft Joy-Lud an der 5th Avenue. Chef des Geschäfts, laut dem Ex-KGB-Agent Juri Schwez (73) eine getarnte KGB-Aussenstelle, war der aus der Sowjetunion zugewanderte Semjon Kislin (91). Sein Auftrag soll es gewesen sein, als sogenannter «Spotter» einflussreiche Zielpersonen ausfindig zu machen und sie für den KGB anzuwerben.
- Pipi-Tape: Die unappetitlichste Theorie ist jene über Trumps Moskau-Besuch 2013. Ob er in den 1980ern als Agent angeworben wurde oder nicht: Spätestens seit der «Pipi-Tape»-Affäre soll Russland kompromittierendes Material über Trump besitzen, ihn also jederzeit erpressen können. Christopher Steele (62), ein Ex-Agent des britischen Geheimdiensts MI6, behauptet in einem 2016 für die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton (78) erstellten Dossier, Trump habe zwei Prostituierte in seine Suite im Ritz Carlton bestellen und auf das Bett urinieren lassen. Die KGB-Nachfolgeorganisation FSB habe das alles heimlich gefilmt. Laut Steele haben vier direkt mit dem Ereignis verbundene Personen sowohl auf amerikanischer als auch auf russischer Seite den Vorfall bestätigt.
Mehrere Punkte sprechen gegen die «Krasnow»-Theorie:
- Autokraten-Verehrung: Seine enge Bindung zu Putin und die damit einhergehende prorussische Politik der USA könnten schlicht Ausdruck einer generellen Autokraten-Bewunderung sein. Ähnlich unverständlich wie sein grosses Herz für Putin ist Trumps immer wieder zur Schau getragene Zuneigung für Nordkoreas Diktator Kim Jong Un (42) oder für den chinesischen Machthaber Xi Jinping (73). Genau wie diese Herren würde auch Trump liebend gerne auf Gewaltenteilung und Amtszeitbegrenzungen pfeifen. Selenski selbst erklärte diese Woche in der «Financial Times»: «Trump mag halt Leute, die 20, 30, 40 Jahre an der Macht sind. Er glaubt, das sei ein Zeichen der Stärke.» Ohne Rücksicht entscheiden, durchziehen, Widerrede abblocken: Das machte er als Tycoon – und das vermisst er zuweilen wohl als nicht ganz allmächtiger Präsident eines demokratischen Landes.
- Deal-Druck: Trump will den ultimativen Friedensdeal unbedingt noch zu seinen Lebzeiten abschliessen können – und damit doch noch eine Chance auf den Friedensnobelpreis erhaschen (die Ehrung mit demselbigem hat ihm sein Nemesis Barack Obama noch immer voraus). Den baldigen Frieden im Nahen Osten hat er mit seinem Angriff auf den Iran in sehr weite Ferne katapultiert. Deshalb sollen die Ukraine und Russland jetzt hinhalten. Und weil der Krieg schneller endet, wenn die USA die Ukrainer fallen lassen, als wenn sie Russland unter Druck setzen, setzt Trump aus rein pragmatischen Gründen auf diese Karte.
- Hass auf die Ukraine: Nicht vergessen darf man die lange Geschichte, die Trump und Selenski verbindet. Schon 2019 gerieten sich die beiden in die Haare, als Trump vom damals frisch gewählten ukrainischen Präsidenten verlangte, er solle ihm «dirt» (also belastendes Material) zu Joe Bidens (83) Sohn Hunter (56) liefern. Hintergrund: Der Biden-Spross sass einst im Aufsichtsrat des ukrainischen Energieunternehmens Burisma. Selenski machte bei dem korrupten Quid-pro-Quo nicht mit – und zahlte kurzfristig damit, dass Trump 400 Millionen Dollar dringend benötigte Militärhilfe stoppte. Seit jenem Tag hat sich die Beziehung zwischen den beiden ungleichen Männern nie wirklich erholt.
Vielleicht auch schlicht ein «nützlicher Idiot»
Ist Trump also tatsächlich «Agent Krasnow»? Oder ist er schlicht das, was man in Moskau seit Lenins Zeiten als «nützlichen Idioten» bezeichnet: eine Person, die schlicht mangels Verständnis der russischen Propaganda-Tricks das Regime im Kreml unterstützt, ohne von ihm dafür in irgendeiner Weise entschädigt oder dazu gedrängt zu werden?
Als «nützlichen Idioten» hat Selenski seinen mächtigen Amtskollegen bislang nie bezeichnet. Diese Woche aber titulierte er Trumps Russland-Deal als «schwach» und implizierte am EU-Gipfel in Brüssel, Trump sei – anders als die europäischen Staatslenker – kein «richtiger Leader».
Das wird Trump in seinem prorussischen Kurs bestärken – ganz egal, was im Sommer 1987 oder im Moskauer Ritz Carlton 2013 wirklich passiert ist.