Darum gehts
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In den lautesten Zeiten sind es manchmal die leisesten Töne, die wirklich wichtige Veränderungen markieren. Das zeigte am Freitagmorgen der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski (48), der vor dem Start des EU-Gipfels in Brüssel vor die Kameras trat.
In seinen zwei Minuten Redezeit sagte Selenski fast beiläufig zwei Worte, die den grössten geopolitischen Bruch unserer Zeit herbeiführen würden.
«Richtige Anführer» («real leaders») würden sich hier in Brüssel treffen, bemerkte Selenski mit vielsagendem Gesichtsausdruck. Was er nicht sagte, aber überdeutlich implizierte: Anderswo seien die Anführer gerade deutlich weniger «real», namentlich in den Vereinigten Staaten von Amerika, die die Ukraine vergangene Woche gleich mehrfach massiv vor den Kopf gestossen hatten.
Damit markierte der Brüsseler Auftritt von Selenski am Freitagmorgen das allererste Mal überhaupt, dass der ukrainische Präsident offen mit Donald Trump (80) brach, ja ihn gar indirekt beleidigte.
Selenski weiss genau, was er damit auslöst
Trotz aller Annäherungen an Wladimir Putin (74), trotz der Sanktionsaufhebungen, trotz der falschen Vorwürfe an Kiew, trotz der Rücktrittsforderungen an Selenski: Bislang behielt der Ukrainer die Contenance und sah davon ab, Trump direkt zu kritisieren. Das Maximum an Angriff, das Selenski auf Trump wagte, war sein Kommentar zum Diesel-Deal, den Trump vergangenes Wochenende mit den Russen geschlossen hatte. Das sei ein «schwacher Entscheid eines starken Partners», meinte Selenski.
Jetzt also zieht der Mann aus Kiew die diplomatischen Samthandschuhe endgültig aus. Die Europäer als «real leaders» zu loben, während er die Amerikaner «schwacher Entscheidungen» bezichtigt: Das dürfte in den Ohren des europakritischen, sich selbst als Über-Leader erachtenden Amtsinhabers in Washington D.C. klingen wie die schlimmste Schmach von allen.
Dass Selenski diesen Schritt macht – und der geübte TV-Profi und Ex-Comedian weiss ganz genau, was seine Bemerkung vor den Kameras der versammelten Weltpresse auslösen wird –, zeigt, wie zerrüttet die amerikanisch-ukrainischen Beziehungen nach der diplomatischen Horror-Woche sind.
Angefangen hatte die Misere aus ukrainischer Sicht mit dem überraschenden Diesel-Deal, den Trump nach einem anderthalbstündigen Telefonat mit Putin verkündet hatte. Die USA wollen in den kommenden Monaten für mehrere Milliarden Dollar russischen Diesel importieren und heben dafür bestimmte Sanktionen gegen Russland auf. Ein finanzieller Segen für die stotternde russische Kriegsmaschinerie.
Was folgte, waren Rücktrittsforderungen an Selenski, die Trump zuletzt am Donnerstag in einem Interview mit dem Sender Newsmax wiederholte. Selenski sei «kein guter Typ» für die USA. Er wolle den Krieg einfach nicht beenden, sondern weiter russische Infrastruktur zerstören, schimpfte Trump.
Schlimmer als diese Tiraden war die temporäre Drosselung der Starshield-Abdeckung für die Ukraine. Starshield, die militärische Komponente von Elon Musks (55) Starlink-Satelliteninternet, ist für die ukrainische Kriegsführung von zentraler Bedeutung. Mitte der Woche schaltete das Unternehmen im Auftrag des Weissen Hauses das Starshield-Signal für Objekte mit über 160 km/h Reisegeschwindigkeit aus. Will heissen: Die ukrainischen Drohnen, die russische Angriffe abwehren und ihrerseits russische Raffinerien angreifen, waren plötzlich blind.
Rausschmiss und Beerdigungs-Kränzli
Stand Freitagmittag sehen die ukrainischen Drohnen wieder. Immerhin. Die diplomatische Beziehung zum US-Präsidenten aber ist dauerhaft beschädigt. Trumps Ablehnung gegenüber dem Ukrainer hat seine Wurzeln schon im Jahr 2019, als Trump den frisch gewählten Selenski vergeblich dazu bringen wollte, ihm kompromittierendes Material über Joe Bidens (83) Sohn Hunter (56) zu liefern, der damals für die ukrainische Energiefirma Burisma gearbeitet hatte.
Die Jahre danach versuchte Selenski, die Beziehung zu reparieren. An ihren Tiefpunkt gelangte sie im Februar 2025, als Trump den Ukrainer nach einer Auseinandersetzung im Oval Office kurzerhand aus dem Weissen Haus schmiss. Den gefühlten Höhepunkt erreichte sie kurz darauf, als sich die beiden am Rand der Beerdigung von Papst Franziskus im April 2025 in einem der symbolträchtigsten Meetings des Jahrhunderts für ein trautes Zweiergespräch im vatikanischen Petersdom zusammensetzten.
Dass es je wieder zu einem Tête-à-Tête zwischen den zwei Leadern kommt, scheint nach den jüngsten Eskapaden unwahrscheinlich. Selenski hat neue Freunde gefunden in Europa, Trump einen alten Freund wiedergewonnen im trauten Moskau. Welche Freundschaft die stärkere ist, wird sich weisen.