Darum gehts
- Iran schliesst Strasse von Hormus erneut nach kurzfristiger Öffnung am Samstag
- Experte Klemens Fischer: Iran nutzt die Meerenge strategisch, Trump gerät unter Druck
- Trump droht mit Bombardierungen, falls bis Mittwoch kein Kompromiss erfolgt
Was für ein Hin und Her in der Strasse von Hormus: Am Freitag verkündete der Iran die Öffnung der für den Welthandel essenziellen Meerenge, am Samstagvormittag war sie bereits wieder dicht, meldete die iranische Nachrichtenagentur Fars. Nur drei Stunden nach der Öffnung hatten die Mullahs erneut mit einer Schliessung gedroht. Keine leeren Worte. Schnell wurde die Strasse wieder dichtgemacht.
Was steckt hinter dem Hickhack? Das hat Blick den Nahost-Kenner Erich Gysling und den Geopolitik-Experten Klemens Fischer gefragt.
Naive Iraner, sturer Trump?
Gysling beobachtet weder bei den Mullahs noch bei der Regierung von US-Präsident Donald Trump (79) eine klare Strategie. «Eine durchdachte Taktik fehlt, stattdessen gibt es ein infantiles Hin und Her.» Dass es überhaupt zu einer Öffnung kam, schreibt er der Naivität der Iraner zu, die gedacht hätten, Trump würde seinerseits die Blockade durch die US-Marine aufheben.
Fischer sieht Trump dagegen als Verlierer des Intermezzos. Anders als Gysling konstatiert er eine strategische Meisterleistung von Teheran.
«Durch die ‹Doppelsperre›, die Trump verursachte, um Druck auszuüben, gerät er jetzt selbst unter Druck.» Für den Iran sei die Strasse von Hormus seit Beginn des Krieges «der perfekte Machthebel».
«Ein diplomatischer Coup»
Der «brillante Schachzug» mit der Kurz-Öffnung koste den Iran nichts. Man stelle sich als friedensbereitere Konfliktpartei dar, weise gleichzeitig den USA die «Bad-Guy-Rolle» zu. «Ein diplomatischer Coup», bilanziert Fischer.
Der Faktor Zeit sei ein weiterer Vorteil aufseiten Teherans. Fischer analysiert: «Je länger der Krieg dauert, desto schwieriger wird es politisch für die USA.»
«Wir erleben eine Hinhaltetaktik beim Iran»
Bei dem ganzen Hin und Her fällt auf: Trumps Rolle hat sich gewandelt. Sah es in den vergangenen Wochen so aus, als würde der Republikaner einen Ausstieg aus dem Konflikt vorbereiten, reisst er die dafür geschaffene Tür mit seinem Ultimatum jetzt wieder ein. Dies dürfte dem Faktor Zeit geschuldet sein. «Wir erleben eine Hinhaltetaktik beim Iran, mehr Rhetorik bei den USA», so Fischer.
Der US-Präsident hatte an Bord der Air Force One vor Reportern mit einem Ende der Waffenruhe mit dem Iran und der Wiederaufnahme von Bombardierungen gedroht, falls bis Mittwoch keine substanzielle Einigung erreicht werde.
Worst Case nach Hormus-Hickhack
Das wäre laut Gysling der Worst Case: «Die Blockade in der Strasse von Hormus bleibt bestehen, die Bombardierungen durch die USA und Israel fangen wieder an, die Iraner reagieren mit Gegenangriffen mit unendlichem Ausgang.» Fischer zeichnet sogar ein noch düstereres Bild: «Der schlimmste Fall wäre eine Ausdehnung vom Luftkrieg zum Bodenkrieg und als negative Katastrophensteigerung der Einsatz von taktischen Nuklearwaffen durch die USA und Israel.»
Und der Best Case? «Es gibt bis Mittwoch irgendeine Art von Kompromiss bei den Verhandlungen in Islamabad, mit dem Trump sich als Gewinner darstellen kann.» Fischer dazu: «Eine Lösung hängt davon ab, ob eine Lösung gefunden wird, bei der die USA und der Iran ihr Gesicht wahren können. Die Ideallösung wäre ein Friedensvertrag, der das wechselseitige Existenzrecht vorsieht, die friedliche Nutzung der Atomenergie für den Iran zulässt und bei dem Hamas und Hizbollah entwaffnet werden.»
Trumps Druck-Taktik mit dem Ziel, den Konflikt so schnell wie möglich zu beenden, macht für Gysling keinen Sinn. «Eine Einigung kann höchstens in Teilschritten stattfinden.» Der frühere US-Präsident Barack Obama (64) habe Jahre für ein Atom-Abkommen mit den Mullahs gebraucht.
«Niemand weiss, wer im Iran entscheidet»
Die Verhandlungsfronten sind besonders in einem Punkt weiter verhärtet. Knackpunkt bei den Verhandlungen bleibt das Thema Urananreicherung. Der Iran will weiter Uran anreichern können, die USA und Israel lehnen dies aufgrund der Befürchtung, die Mullahs könnten das Material für eine Atombombe nutzen, ab.
Gysling hat zudem eine weitere Erklärung, warum Trumps Druck-Taktik ins Leere läuft. «Niemand weiss, wer im Iran eigentlich entscheidet, auch die Amerikaner nicht.» Zwar repräsentiere Parlamentspräsident Mohammad Ghalibaf (64) den Iran bei den Verhandlungen. Ob er aber auch für den Iran und seine verschiedenen Gruppierungen, allen voran die Revolutionsgarden, die Entscheidungen treffe, sei unklar.