Darum gehts
Wladimir Putin (73) dreht auf. Im Juli feuerte Russland mindestens 126 ballistische Raketen auf die Ukraine – so viele wie noch nie. Kiew reagiert mit heftigen Drohnenangriffen und einem radikalen Wechsel an der Armeespitze: Präsident Wolodimir Selenski (48) ersetzt Armeechef Olexander Sirski (60) durch Michailo Drapati (43). Sein Auftrag: Die ukrainischen Angriffe sollen verstärkt werden.
Doch während beide Seiten hochfahren, wächst Putins vielleicht gefährlichstes Problem ausgerechnet dort, wo er diesen Krieg jahrelang unter Kontrolle glaubte. Nicht im Donbass, nicht auf der Krim. Putins schlimmster Albtraum wird gerade mitten in Russland wahr!
Die Russen beginnen zu zweifeln
Nur noch acht Prozent der Russen bezeichnen Putins Krieg als «sehr erfolgreich». Das zeigt die jüngste Erhebung des unabhängigen Levada-Zentrums, das seit Jahren die Stimmung in Russland misst und vom Kreml seit 2016 als «ausländischer Agent» eingestuft wird. Levada befragt die Bevölkerung seit Beginn der Grossinvasion regelmässig zum Krieg – und die Entwicklung ist deutlich: Im Frühjahr 2022 unterstützten noch 81 Prozent das Vorgehen der russischen Armee. Heute sind es 66 Prozent, nur noch 34 Prozent davon «uneingeschränkt». Fast jeder Vierte lehnt die Militäraktionen ab, 62 Prozent wollen inzwischen Friedensverhandlungen.
Die Zahlen treffen den Kremlchef an einem empfindlichen Punkt. Seit Beginn seiner Herrschaft beruht Putins Versprechen auf Sicherheit und Stabilität. Der frühere Putin-Berater Abbas Galljamow erinnert in einem Blogpost daran, dass Putin den Russen einst ein Leben ohne Explosionen und brennende Städte versprach. Heute schreibt er: «Im heutigen Russland kann sich niemand mehr sicher fühlen.»
Der Krieg kommt nach Hause
Jahrelang konnte Putin den Ukraine-Krieg für viele Russen auf Distanz halten. Gekämpft und gestorben wurde weit weg. In Moskau und St. Petersburg ging der Alltag weiter. Der unausgesprochene Deal: Die Armee kämpft, ihr lebt weiter. Doch diese Trennung bricht zusammen. Ukrainische Drohnen treffen Raffinerien, Häfen und Militäranlagen tief in Russland. In der Nacht auf Mittwoch schlugen ukrainische Drohnentrümmer auf der Krim ein.
Kiew will nicht nur Russlands Wirtschaft und Logistik treffen. Jeder Angriff zwingt Putin dazu, zu entscheiden, was seine Luftabwehr schützen soll. Systeme, die Raffinerien und Städte verteidigen, fehlen an der Front – und umgekehrt. Russlands enorme Fläche wird im Drohnenkrieg plötzlich zum Problem.
Die Ukraine schüttelt ein Ass aus dem Ärmel
Genau diesen Druck soll Michailo Drapati erhöhen. Der 43-Jährige steht für eine neue Generation ukrainischer Offiziere. Sein Vorgänger Sirski wurde noch sowjetisch ausgebildet und wegen verlustreicher Operationen kritisiert. Drapati gilt dagegen als Reformer, setzt auf Eigeninitiative, Technologie und moderne Drohnenkriegsführung.
Selenski hat ihm ausdrücklich aufgetragen, die «Offensivhandlungen in allen Bereichen» zu verstärken. Ein ukrainischer Soldat bezeichnete Drapati gegenüber BBC zusammen mit einer möglichen neuen Rolle für Ex-Verteidigungsminister Michailo Fedorow deshalb sogar als «Russlands schlimmsten Albtraum».
Drapati ist kein Wunder-General. Russland besitzt weiterhin mehr Soldaten und eine gewaltige Rüstungsindustrie. Gleichzeitig fehlt es der Ukraine an Luftabwehr und Personal. Drapati muss die Front halten, neue Soldaten finden und das Land durch einen weiteren Winter russischer Angriffe bringen.
Putins gefährliches Dilemma
Putins Strategie bleibt deshalb brutal einfach: Russland soll länger durchhalten als die Ukraine. Doch dafür könnte er bald noch mehr von seiner eigenen Bevölkerung verlangen. Selenski warnt am Dienstagabend unter Berufung auf Geheimdienstinformationen vor einer möglichen neuen russischen Mobilisierung im Herbst. Bis Jahresende könnte es demnach um mehrere Hunderttausend Männer gehen. Unabhängig bestätigt ist das nicht.
Militärisch könnte Putin sie brauchen. Politisch wären sie gefährlich. Denn eine Mobilisierung würde den Krieg in Hunderttausende weitere Familien tragen – während ukrainische Drohnen immer tiefer ins Land fliegen und immer weniger Russen an einen erfolgreichen Krieg glauben.
Je mehr Putin braucht, um den Krieg weiterzuführen, desto schwieriger wird es, seine Bevölkerung von dessen Folgen abzuschirmen. Der Kremlchef setzt darauf, dass Russland länger leiden kann als die Ukraine. Sein schlimmster Albtraum beginnt, wenn seine eigenen Leute merken, wie viel sie dafür noch leiden sollen.