Darum gehts
- Der ukrainische Präsident Selenski hat den Armeechef ausgewechselt
- Vor wenigen Tagen hat er den Verteidigungsminister entlassen
- Die Bevölkerung ist unzufrieden mit den Personalentscheiden
Zuerst den beliebten Verteidigungsminister und nun auch den Armeechef: Innert weniger Tage hat Präsident Wolodimir Selenski (48) die beiden wichtigsten Köpfe der Armee rausgeschmissen. Und das trotz der jüngsten militärischen Erfolge gegen die russischen Invasoren.
Auch wegen Druck aus der Bevölkerung betreibt Selenski mitten im Krieg ein hochriskantes Manöver. Jetzt muss die neue Armeespitze Erfolge zeigen, sonst wird es für Selenski eng. Wir stellen den neuen Armeechef und dessen Strategie vor und erklären, wie gefährdet Selenski selber ist.
Wer ist der neue Armeechef?
Der neue Oberbefehlshaber heisst Michailo Drapati (43). Landesweit wurde er bekannt, als er 2014 bei Mariupol im Osten des Landes mit einem Panzer eine Barrikade prorussischer Separatisten durchbrach, um Geiseln zu befreien. Drapati stieg die Karriereleiter hoch und war zuletzt Kommandant der Bodentruppen.
Drapati steht für einen Generationenwechsel: Während sein Vorgänger Olexander Sirski (60) noch nach alter Sowjet-Schule agierte, setzt Drapati auf moderne Nato-Standards, Hightech und Drohnen. Er war für mehrere schwierige Frontabschnitte verantwortlich. Es wird ihm zugeschrieben, dass er den russischen Vormarsch im Sommer 2024 auf Cherson entscheidend bremsen konnte.
Bei den Soldaten gilt er als nahbar und krisenfest. Er setzt auf Eigenverantwortung, schnelle Entscheidungswege und weniger Bürokratie. Ihm wurde hoch angerechnet, dass er nach einem Raketenangriff auf ein Ausbildungszentrum mit mehreren Toten die Verantwortung auf sich nahm. Kaum im Amt, hat ihn der Kreml zur Verhaftung ausgeschrieben.
Wie wird sich der Krieg verändern?
Weg von blutigen Frontkämpfen im Schützengraben und hin zum Hightechkrieg mit Präzisionsangriffen: Drapati steht näher an technischen Reformen als an Sirskis Abnutzungskrieg. Marcel Berni, Strategieexperte an der ETH-Militärakademie, sagt: «Ich erwarte eine Beschleunigung der Integrationen von Drohnen- und anderen unbemannten Technologien.»
So schnell kann Drapati die Ausrichtung der Armee aber nicht ändern. Berni: «Ein neuer Oberbefehlshaber verändert die Rahmenbedingungen. Die strukturellen Probleme wie Personalknappheit und Versorgungsengpässe wird der neue Kommandeur aber nicht über Nacht beheben können.»
Warum brennt es an der Armeespitze?
Es kriselt seit längerem unter den Top-Kadern der Armee. Sirski lag sich mit dem beliebten Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow (35) in den Haaren. Selenski warf daher vergangene Woche Fedorow aus dem Amt – ausgerechnet zum Zeitpunkt, zu dem die Ukraine das Blatt wenden und den Russen massiven Schaden zufügen konnte. Selenski-Kritiker vermuten hinter dem Rausschmiss auch einen persönlichen Konflikt: Fedorow sei dem Präsidenten wegen seiner Popularität zu gefährlich geworden.
Doch Fedorows Entlassung löste Proteste aus. Um den Druck der Strasse abzufangen, opferte Selenski schliesslich auch Sirski. Ein zweischneidiges Schwert, warnt Marcel Hirsiger, Osteuropaexperte an der Fachhochschule Nordwestschweiz: «Selenski zeigt zwar, dass er die Sorgen der Menschen hört, macht sich damit aber auch erpressbar.»
Wie fest sitzt Selenski selber noch im Sattel?
Wegen seiner Personalentscheidungen, ungelöster Korruptionsprobleme und Vorwürfen von Machtkonzentration muss Selenski vermehrt Kritik einstecken. Auch der Ruf nach Neuwahlen ertönt immer wieder.
Hirsiger aber sagt: «Trotz der Kritik ist eine grosse Mehrheit der Ukrainer einig, dass Wahlen erst nach einem Friedensabkommen abgehalten werden sollen.» Schliesslich will man das Land nicht von innen spalten. Sowieso: Ein Herausforderer ist zurzeit nicht in Sicht.
Selenski ist laut Hirsiger als Präsident weiterhin akzeptiert, besonders nach den erfolgreichen Schlägen gegen die Russen. An diesen Erfolg muss der neue Armeechef nun anknüpfen, sonst wirds für Selenski definitiv eng.