Das ist Selenskis gefährlichste Entscheidung seit langem
Riskanter Rausschmiss von Star-Minister

Hinter der Entlassung des allseits beliebten ukrainischen Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow steht ein eskalierender Streit zwischen zwei Männern und zwei Strategien – und ein ungelöstes Mega-Problem, das der Ukraine das Überleben als Staat kosten könnte.
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Selenski hat seinen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow rausgeworfen.
Foto: Anadolu via Getty Images

Darum gehts

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Samuel SchumacherAusland-Reporter

Er ist erst 35 Jahre alt – und galt für viele als neuer Superstar am ukrainischen Polit-Himmel: Mychajlo Fedorow, bis vor einigen Stunden Verteidigungsminister der Ukraine. Seit Donnerstagmittag ist er seinen Job los. Präsident Wolodimir Selenski (48) hat den früheren Digitalisierungsminister und Drohnenstrategen entlassen und durch seinen ehemaligen Polizeichef ersetzt.

Fedorows Rauswurf löste in mehreren ukrainischen Städten Proteste aus. Ausgerechnet jetzt, wo sich das Blatt in der Ukraine dank geschickter neuer Kampfstrategien zu wenden schien, setzt Selenski seinen Verteidigungsminister vor die Tür. Kritiker sprechen von einem seiner grössten Fehler seit Beginn der russischen Invasion. Das mag sein. Doch: Hinter der Entlassung steckt ein brutales Problem, das selbst der hochgelobte Reformer Fedorow nicht lösen konnte.

In seinen nur sechs Monaten an der Spitze des Ministeriums hat Fedorow viel erreicht. Er überzeugte Elon Musk (55), den russischen Streitkräften den Zugang zum Satellitennetz Starlink zu erschweren, liberalisierte das Beschaffungswesen der Armee und verschärfte den Wettbewerb unter ukrainischen Rüstungsfirmen.

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Wolodimir Selenski hat eine umstrittene Entscheidung getroffen.
Foto: AP Photo/Thomas Padilla

Mit seinem Fokus auf Drohnen und Digitalisierung trug Fedorow zudem dazu bei, dass die Ukraine ihre Langstreckenangriffe auf Ziele in Russland massiv ausbauen konnte. Neue Abwehrkonzepte erhöhten nach ukrainischen Angaben die Erfolgsquote gegen russische Drohnen und Raketen. Seine Beliebtheit in der Ukraine war hoch. 

Wurde Fedorow Selenski zu gefährlich?

Selenski-Kritiker wie der Journalist Sergej Sydorenko vermuten deshalb politische Motive hinter der Entlassung. Fedorow sei dem Präsidenten wegen seiner Popularität gefährlich geworden. Selenski habe mit dem Schritt auch «seine eigene politische Zukunft einfacher gestalten» wollen. Ähnliche Vorwürfe gab es schon im Februar 2024, als Selenski den populären Armeechef Waleri Saluschni (53) ablöste und zum Botschafter in Grossbritannien degradierte.

Selenski selbst soll vor Parteikadern laut «Kyiv Independent» und «Ukrajinska Prawda» erklärt haben, er habe wegen des eskalierten Konflikts zwischen Fedorow und Armeechef Olexander Sirski (60) handeln müssen. Auf der einen Seite der digitalaffine Mittdreissiger ohne militärische Erfahrung, auf der anderen der in Moskau ausgebildete General mit sowjetisch geprägtem Führungsverständnis. Die beiden hatten unterschiedliche Ansichten, auf welche Waffen die Ukraine setzen und wer diese Waffen produzieren soll.

Fedorow bestätigte am Donnerstag, die strategischen Differenzen seien unüberwindbar gewesen. Er habe sich bei Selenski für Sirskis Entlassung eingesetzt – vergeblich.

Statt auf weitere Digitalisierung und neue visionäre Strategien setzt Selenski also auf den umstrittenen Von-oben-nach-unten-Befehlsstil von Olexander Sirski, der bei Kritikern wie dem einflussreichen ukrainischen Kriegsblogger Tatarigami im Verdacht steht, sich primär mit loyalen Abnickern und weniger mit kompetenten Strategen zu umgeben.

Doch der Machtkampf mit Sirski erklärt Fedorows Absetzung nur teilweise. Dahinter steht auch eines der grössten Probleme der ukrainischen Armee: der Mangel an Soldaten. Trotz höherer Löhne für Frontkämpfer (rund 7000 Dollar statt 2500 Dollar pro Monat), besserem Schutz durch Drohnen und Amnestieangeboten für zurückkehrende Deserteure konnte Fedorow die Mobilisierung nicht entscheidend verbessern.

Der Ukraine fehlen Zehntausende, womöglich Hunderttausende Kämpfer. Rund zwei Millionen aufgebotene Männer sollen sich dem Dienst entzogen haben, schätzungsweise 300'000 Soldaten desertiert sein. Die Zahlen sind schwer unabhängig zu überprüfen.

Neuer Premier soll Horror-Winter abwenden

Gleichzeitig erleidet die Armee täglich hohe Verluste. Auch die Senkung des Wehrpflichtalters brachte bislang nicht genügend neue Rekruten. Fedorow konnte sein Versprechen, die Rekrutierung anzukurbeln, nicht einlösen. «Wenn Putin nach den russischen Wahlen im September die Generalmobilmachung ankündigt, wird niemand mehr über digitale Reformen diskutieren wollen», soll Selenski laut «Ukrajinska Prawda» gesagt haben.

Das Problem lösen soll der neue Verteidigungsminister Igor Klymenko (53), studierter Psychologe und früherer Polizeichef. Er dient unter dem ebenfalls neu ernannten Premierminister Sergej Koretski (48), bisher Chef des Energiekonzerns Naftogaz. Koretski soll die Ukraine auf den nächsten Kriegswinter vorbereiten.

Doch funktionierende Kraftwerke und geheizte Wohnungen allein reichen nicht, um diesen Winter zu überstehen. Nach Fedorows Entlassung steigt der Druck auf Sirski, an der Front Resultate zu liefern. Bleibt die erhoffte Wende bis zum Winter aus, dürfte auch er sich bald nach einem neuen Job umschauen müssen. 

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