Darum gehts
- Zehntausende Migranten erreichten Ceuta Ende Juli, viele schwimmend
- Aufnahmezentren überlastet, teils 2000 Prozent Überbelegung, zig Tote
- 120 Soldaten entsandt, Premier Sánchez besucht Ceuta persönlich
Was ist passiert?
Mehr als 70'000 Migranten sind Ende Juli innert weniger Tage in die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika gelangt. Zu Beginn lagen die Schätzungen noch deutlich tiefer: Die Guardia Civil ging gemäss «El Periodico» zunächst von rund 49'000 Menschen aus. Ceutas Präsident Juan Jesús Vivas sprach wenig später bereits von rund 60'000. Inzwischen beziffern die spanischen Behörden die Zahl auf rund 72'000 Menschen. Zum Vergleich: Ceuta selbst zählt gerade einmal 83'600 Einwohner.
Viele von den Migranten schwammen übers Meer, um den hohen Grenzzaun zu umgehen. Mit Ringen als einzige Ausrüstung. Die Bilder gingen um die Welt, Madrid schickte Soldaten, Italien drohte mit dem Schengen-Ausschluss. Der Präsident der Exklave sprach vom «reinsten Chaos».
So weit mussten sie schwimmen
Die tatsächliche Distanz um den Grenzzaun beträgt nur 70 bis 80 Meter. Von der marrokanischen Grenzstadt Fnideq aus, wo die meisten losschwammen, sind es rund fünf Kilometer offenes Mittelmeer, die zwischen den Migranten und der spanischen Exklave Ceuta liegen. Noch kürzer ist die Strecke von der näher gelegenen Stadt Belyounech.
Die Problematik
Die humanitäre Bilanz ist verheerend. Nach Angaben der spanischen Behörden kamen bei dem Massenansturm mindestens 80 Menschen ums Leben. Marokkanische Menschenrechtsorganisationen gehen inzwischen sogar von mindestens 141 Toten aus. Viele Opfer ertranken bei dem Versuch, Ceuta schwimmend zu erreichen.
Warum genau Ceuta?
Ceuta ist eine von zwei spanischen Exklaven auf nordafrikanischem Boden. Marokko wurde 1956 unabhängig. Trotzdem bleibt Ceuta, wie auch die Exklave Melilla, spanisch. Beide werden von Marokko beansprucht. Genau dort warten oft Tausende Migranten aus Subsahara-Afrika auf ihre Chance, in die Europäische Union (EU) zu gelangen. Weil ein hoher Grenzzaun den direkten Ansturm erschwert, weichen viele aufs Wasser aus und schwimmen um den Zaun herum.
Auslöser des Ansturms ist eine Entscheidung von Spaniens Oberstem Gerichtshof. Migranten, die schwimmend spanisches Gebiet erreichen, dürfen ab sofort nicht mehr ohne Einzelfallprüfung sofort nach Marokko zurückgeschickt werden.
Was macht die spanische Regierung?
Madrid wollte – Stand Freitag, 31. Juli – keine Notlage von nationalem Interesse ausrufen. Das Innenministerium lehnte eine entsprechende Forderung des Regionalpräsidenten von Ceuta, Juan Jesús Vivas, ab. Die Begründung: Die geltenden Zivilschutzbestimmungen sehen Migrationsbewegungen nicht als Grund für die Ausrufung einer solchen nationalen Notlage vor.
Reagiert wurde trotzdem: Die spanische Regierung mobilisierte in Ceuta stationierte Soldaten, um die Guardia Civil bei ihrem Einsatz zu unterstützen.
Ministerpräsident Pedro Sánchez (54) reiste gemeinsam mit Innenminister Fernando Grande-Marlaska (64) nach Ceuta. Zunächst traf Sánchez an der Grenze von Tarajal Vertreter der staatlichen Sicherheitskräfte. Anschliessend leitete er gemeinsam mit Ceutas Präsident Juan José Vivas ein Koordinationstreffen. Daran nahmen unter anderem der Regierungsdelegierte in Ceuta, Verantwortliche von Policía Nacional und Guardia Civil sowie Vertreter des Aufnahmezentrums CETI und des Roten Kreuzes teil.
Wie reagiert das SEM?
Das Staatssekretariat für Migration (SEM) verfolgt die Entwicklungen und deren mögliche Auswirkungen auf die Schweiz aufmerksam, wie es auf Anfrage mitteilt. «Wir stehen mit unseren europäischen Partnern laufend in Kontakt.» Ein Sprecher hält es für unwahrscheinlich, dass in den kommenden Wochen plötzlich mehr Menschen über die Schweiz reisen wollen.
Wenn überhaupt, dürfte nur ein sehr kleiner Teil in die Schweiz weiterreisen. Diese Personen würden bei einer Kontrolle aufgrund fehlender Einreise- oder Aufenthaltsvoraussetzungen weggewiesen und die Wegweisung im Schengen-Informationssystem SIS vermerkt, so der SEM-Sprecher weiter.
So reagiert die Welt
International zieht der Fall grosse Kreise. Kritik kommt vor allem aus Rom. Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni (49) bezeichnete die Situation in Ceuta als konkrete Bedrohung für die Sicherheit der europäischen Grenzen.
Italien reagierte darauf mit einer drastischen Massnahme: Seit 1. August kontrolliert das Land Nicht-EU-Bürger, die aus Spanien einreisen. Rom begründet die vorübergehenden Grenzkontrollen mit Sicherheits- und Migrationsrisiken infolge der Krise in Ceuta.
Das sorgt für einen diplomatischen Streit mit Madrid. Die spanische Regierung hält die italienischen Kontrollen für ungerechtfertigt und forderte deren Aufhebung. Italien lehnte dies ab und kündigte an, an den Kontrollen mindestens bis 15. August festzuhalten. Daraufhin führte auch Spanien Kontrollen für Reisende aus Italien ein. Diese sollen nach Angaben des spanischen Innenministeriums bis 7. September gelten.
Gab es schon einmal etwas Vergleichbares?
Ja. Die Parallelen sind auffällig. Im Mai 2021 stürmten innerhalb von nur 36 Stunden über 8000 Menschen von Marokko aus nach Ceuta. Madrid warf Rabat damals offen «Erpressung» vor. Die Grenzkontrollen seien absichtlich gelockert worden, um im Streit um die Westsahara Druck auf Spanien auszuüben.
Was passiert jetzt mit den Flüchtlingen?
Die Migranten wurden registriert und zunächst in Aufnahmezentren sowie provisorischen Unterkünften untergebracht. Ein grosser Teil von ihnen verliess Ceuta in den darauffolgenden Tagen wieder. Hunderte Kinder und Jugendliche verharren jedoch weitherin dort – ohne Schutz und Hilfe auf sich alleingestellt. Anfang August befanden sich nach offiziellen Angaben nur noch knapp 2000 der ursprünglich rund 72'000 eingereisten Menschen in der spanischen Exklave.
Wer in Ceuta blieb, erhielt dadurch jedoch nicht automatisch das Recht, auf das spanische Festland oder in andere Schengenstaaten weiterzureisen. Entscheidend ist der jeweilige Aufenthalts- beziehungsweise Schutzstatus. Wer Asyl beantragt, muss das dafür vorgesehene Verfahren durchlaufen.
Seit 12. Juni 2026 wird in der EU zudem der neue Migrations- und Asylpakt angewendet. Er sieht einen verpflichtenden Solidaritätsmechanismus vor, um EU-Staaten zu unterstützen, die unter besonderem Migrationsdruck stehen. Dazu gehört auch die Möglichkeit, Schutzsuchende in andere EU-Staaten zu überführen. Die Mitgliedstaaten können ihren Beitrag jedoch auch durch finanzielle Zahlungen oder andere Unterstützungsleistungen erbringen.
Für die Schweiz ist die Teilnahme an diesem Solidaritätsmechanismus nicht verpflichtend. Sie kann sich aber freiwillig daran beteiligen. Die neuen Asylverfahren an den EU-Aussengrenzen übernimmt die Schweiz hingegen nicht.
Dieser Artikel erschien bereits in einer früheren Version. Er wurde auf den aktuellsten Stand gebracht.