Darum gehts
Solch einen Kampf hat die Welt noch nicht gesehen: In den Ring steigen die beiden mächtigsten Amerikaner unserer Zeit. In der weltlichen Ecke Donald Trump (79), 47. US-Präsident und Herr über das Schicksal von 330 Millionen Landsleuten. In der geistlichen Ecke Leo XIV. (70), 267. Papst und Hirte über 1,4 Milliarden Katholiken. Der eine kommandiert die stärkste Armee der Welt, der andere ein paar Schweizergardisten mit Hellebarden.
Doch so eindeutig, wie es scheint, sind die Kräfteverhältnisse nicht: Trumps Attacke gegen Leo XIV. hat dem US-Präsidenten massiv geschadet. Rätselhaft bleibt, warum er das Kräftemessen mit dem Pontifex überhaupt gesucht hat. Drei Theorien kursieren derzeit.
Zum Hintergrund: Papst Leo XIV. kritisiert die Trump-Regierung seit Ostersonntag mehrfach für ihre Kriege. Als US-Verteidigungsminister Pete Hegseth (45) Gott öffentlich um «überwältigende Gewalt gegen jene, die keine Gnade verdienen» bat, sagte der Papst, Gott höre nicht auf die Gebete jener, die «Blut an den Händen» hätten. Danach forderte er Trump zur Beendigung des Krieges im Iran auf und verurteilte dessen «Wir löschen eine ganze Zivilisation aus»-Tirade als «inakzeptabel».
Trump reagierte mit offenen Angriffen. Er nannte den Papst «schrecklich für unsere Aussenpolitik», unterstellte ihm, er wolle «einen Iran mit Atombombe» und wolle «Kriminelle nicht bekämpfen». Mehrfach betonte Trump: «Ich bin kein Fan von Papst Leo.»
Warum also greift Trump den Gottesgesandten aus Chicago an? Es kursieren drei Erklärungsansätze:
Das Obama-Komplott
In Trumps Lager kursiert die Verschwörungstheorie, der Papst sei Teil einer von Ex-Präsident Barack Obama (64) koordinierten Attacke. Wie Obama stammt auch Leo XIV. aus Chicago, wie Obama gilt er als liberal. Vor wenigen Tagen besuchte Obamas früherer Chefstratege David Axelrod (71) den Papst, und auch Obama sagte jüngst, er würde ihn gern bald treffen.
Für Maga-Vertreter wie Investor Hal Lambert sind das Belege dafür, dass die Demokraten gemeinsam mit dem Papst Trump und die Republikaner vor den Zwischenwahlen schwächen wollen. Ziel sei, die Katholiken bei den Midterms gegen die Republikaner aufzubringen. Dass auch Vizepräsident J. D. Vance (41) und Aussenminister Marco Rubio (54) den Papst kürzlich besuchten und Briefe von Trump überreichten, blenden die Verfechter dieser Theorie grosszügig aus.
Die Vance-Falle
Laut Trumps Ex-Sprecher und jetzigem Kritiker Anthony Scaramucci (62) zielt der Angriff in Wahrheit auf J. D. Vance. Der Vizepräsident, 2019 zum Katholizismus konvertiert, sei bei Trump in Ungnade gefallen, nachdem Vances Umfeld der «New York Times» mutmasslich geheime Informationen zu einem für Trump peinlichen Treffen mit Israels Premier Benjamin Netanyahu (76) zugespielt habe.
Trump wolle sich nun rächen, indem er Vance zwinge, öffentlich gegen den Papst Stellung zu beziehen – ausgerechnet kurz vor Erscheinen von Vances Buch über seine Bekehrung. Diese Woche polterte Vance bereits, der Papst solle «vorsichtig sein, wenn er über Theologie spricht» und behaupte, der Allmächtige stehe nie hinter jenen, die Gewalt anwendeten. Gott habe im Zweiten Weltkrieg sehr wohl auf der Seite der Schwertführer gestanden, als amerikanische Soldaten Holocaust-Überlebende befreiten und Nazis jagten. Für viele der rund 70 Millionen Katholiken in den USA eine heikle Position.
Der Jesus-Komplex
Die dritte Theorie: Trump ist schlicht eifersüchtig auf Jesus – und nimmt deshalb dessen irdischen Gesandten ins Visier. Schon 2020 sagte der Presbyterianer Trump, viele hielten ihn für den berühmtesten Menschen der Welt, «aber einer ist noch viel berühmter: Jesus Christus».
Nach dem Attentat vom 14. Juli 2024 inszenierte er sich immer wieder als Auserwählter, den Gott verschont habe, damit er dessen Auftrag erfülle. Der Parteitag kurz danach geriet zur politischen Wiederauferstehungsshow. Diese Woche postete Trump zudem ein KI-Bild, das ihn als Christus-ähnliche Figur zeigt. Und auf Truth Social schrieb er, Leo XIV. sei nur gewählt worden, «weil die Kirche einen Amerikaner brauchte, der mit Präsident Donald J. Trump umgehen kann». Dass ihm jemand im Licht stehen oder gar den Rang als mächtigster Amerikaner streitig machen könnte: für Trump kaum erträglich.
Fazit
Die Obama-Theorie ist wirrer Wildwuchs. Die Vance-Falle und der Jesus-Komplex erscheinen deutlich plausibler. Das letzte Wort im ungewöhnlichen Gefecht der beiden mächtigen Amerikaner ist jedenfalls noch nicht gesprochen. Leo XIV. sagt zwar, er sei «kein Politiker» und werde «nicht mit Trump debattieren». Doch so einfach kommt niemand aus einem Trump-Fight heraus – nicht einmal der Papst.