Darum gehts
Die Entscheidung im Ukrainekrieg könnte diesen Herbst fallen. Putin und Selenski stehen am Scheideweg: Schaffen es Trumps Unterhändler, dem Kreml-Chef Putin einen Deal schmackhaft zu machen, winkt eine Entspannung.
Gelingt ihnen das nicht bis zum Winter, droht eine totale Eskalation. Denn sowohl Russland als auch die Ukraine haben eine eiskalte Winter-Strategie.
Ein erster Deal liegt auf dem Tisch
«Die Zeit ist gekommen.» Nach fast fünf Jahren Ukraine-Krieg müsse endlich Schluss sein, sagte US-Präsident Donald Trump (80) am Dienstag. Wolodimir Selenski (48) setzte sogar eine Deadline: «Wir haben diesen September, Oktober, um irgendeinen Weg zu finden, miteinander zu sprechen.» Sein Ziel: den Krieg noch «vor dem Winter» beenden.
Die ersten Gespräche laufen bereits. Nach seinem Treffen mit Trump in New York erklärte Selenski, die Ukraine sei zu einer gegenseitigen Waffenruhe bei Angriffen auf Energieanlagen bereit. Trumps Regierung soll den Vorschlag nun an Moskau weitergeben. Es wäre ein erster kleiner Schritt: Kraftwerke, Stromnetze und Raffinerien aus dem Krieg heraushalten – und so eine Eskalation im Winter verhindern.
Hinter den Kulissen versuchen die USA schon seit Wochen, die festgefahrenen Gespräche wiederzubeleben. Trumps Unterhändler Steve Witkoff (69) und Jared Kushner (45) waren Anfang September in Moskau und Kiew. Noch geht es nicht um den grossen Friedensvertrag. Das erste Ziel ist kleiner: die Eskalation bremsen und die Parteien überhaupt wieder an den Verhandlungstisch bringen.
Doch wie schwierig selbst dieser kleine Deal wird, zeigte sich nur Stunden später. Russland griff die Ukraine in der Nacht mit 161 Drohnen an. In Kiew schlugen neue Jet-Drohnen unter anderem bei Tankstellen und Bahninfrastruktur ein. Mindestens ein Mensch starb.
Putin hat einen Grund zu warten
Während Selenski vor dem Winter einen Durchbruch will, könnte Putin darauf setzen, dass seine Verhandlungsposition danach besser ist. «Russland glaubt wirklich, dass dieser Winter helfen kann, uns zu brechen», so Selenski zu Axios. Moskaus Kalkül: die ukrainische Energieversorgung angreifen, den militärischen Druck erhöhen und Kiew so kompromissbereiter machen.
Die Voraussetzungen sind für Putin günstiger geworden. Die Ukraine kämpft mit einem Mangel an Patriot-Abfangraketen. Gleichzeitig produziert Russland mehr ballistische Raketen und setzt neue Jet-Drohnen ein, die schneller und schwieriger abzufangen sind.
Hält die Armee des Kremlchefs noch einige Monate durch, steht ihr im Februar womöglich eine schwächere Ukraine gegenüber als noch im Oktober. Warum also jetzt grosse Zugeständnisse machen?
Doch auch Putin hat ein Winterproblem
Allerdings funktioniert diese Rechnung nicht nur in eine Richtung. Die Ukraine kann Russland heute tiefer im Land treffen als noch vor einem Jahr. 2026 hat Kiew seine Angriffe auf russische Rüstungsbetriebe, Logistikzentren und Energieanlagen massiv ausgeweitet. Am 20. September flog die Ukraine den bislang grössten Angriff auf Moskau seit Kriegsbeginn. Vor allem Russlands Ölindustrie ist verwundbar. Ukrainische Angriffe auf Raffinerien haben bereits Treibstoffengpässe ausgelöst. Gleichzeitig ist Russland schlicht zu gross, um alle wichtigen Ziele mit Luftabwehr zu schützen.
Selenski weiss das. Greift Russland die ukrainische Stromversorgung an, könnte die Ukraine im Gegenzug Russlands Öl- und Gasgeschäft treffen. Der Winter könnte damit erstmals für beide Seiten zu einer Waffe werden.
Trump hat einen Hebel
Die kommenden Wochen werden auch zum Test dafür, wie viel Einfluss US-Präsident Trump tatsächlich auf Putin hat. Trump betont seit Monaten, dass er den Kremlchef zum Einlenken bringen könne. Selenski glaubt, Putin wolle Trump vor den Midterms nicht verärgern. Denn der Kremlchef braucht den US-Präsidenten als Verhandlungspartner – und könnte deshalb eher bereit sein, ihm einen diplomatischen Erfolg zu ermöglichen.
Selbst wenn Putin keinen Grund sieht, vor dem Winter einzulenken, könnte Trump ihm also einen liefern. Doch Trump braucht dafür mehr als grosse Worte. Frühere Versuche, Angriffe auf Energieanlagen auszusetzen, sind gescheitert.
Der Winter der Entscheidungen
Die Uhr tickt. September und Oktober sollen die Diplomatie zurückbringen. Danach könnte wieder die militärische Logik übernehmen.
Für Selenski ist der Winter eine Deadline. Für Putin ist er eine Chance, die Ukraine doch noch zu brechen. Und für Trump könnten die kommenden Wochen zeigen, ob sein Einfluss auf den Kreml tatsächlich so gross ist, wie er behauptet. Beide Seiten bereiten sich deshalb auf zwei völlig verschiedene Szenarien vor: Gespräche über Deeskalation – und gleichzeitig auf neue Angriffe.