Darum gehts
Donald Trump (79) könnte sich bestätigt fühlen. Während Chinas Exportoffensive Europas Industrie zunehmend unter Druck setzt, diskutiert die EU plötzlich über Zölle, Handelsschranken und staatliche Industriepolitik. Ausgerechnet jene Politiker, die Trumps Wirtschaftspolitik jahrelang als Nationalismus kritisierten, übernehmen zunehmend seine Diagnose: China gefährdet die industrielle Basis des Westens.
Die Ironie dabei: Nicht Trump treibt Europa von seinem Freihandelskurs ab. Sondern Xi Jinping (72). Ein radikaler Kurswechsel kündigt sich an.
Europas Freihandelsglaube gerät ins Wanken
Am G7-Gipfel ab Montag in Evian (F) am Genfersee beraten die westlichen Staats- und Regierungschefs darüber, wie Europa auf Chinas Exportoffensive reagieren soll. Das Handelsdefizit der EU gegenüber China hat sich seit der Pandemie verdoppelt und liegt inzwischen bei rund einer Milliarde Euro pro Tag. Allein Deutschland verlor 2025 rund 143'000 Industriearbeitsplätze.
Europäische Hersteller klagen über chinesische Konkurrenz, die mit massiven Staatshilfen immer grössere Marktanteile erobert. Laut OECD erhielten chinesische Unternehmen in den vergangenen zwei Jahrzehnten drei- bis achtmal mehr staatliche Unterstützung als Firmen in westlichen Industrieländern.
Nun zeichnet sich in Europa ein bemerkenswerter Kurswechsel ab. Frankreich fordert neue Schutzinstrumente gegen chinesische Importe – nach amerikanischem Vorbild. Die EU prüft zusätzliche Zölle, Importbeschränkungen und eine aktivere Industriepolitik. Selbst ein europäisches Gegenstück zur amerikanischen «Section 301», mit der Washington breitflächige Strafzölle verhängen kann, wird diskutiert. Für den Ökonomen Shahin Vallée (43) ist das ein «bedeutender intellektueller Wandel» Europas.
Noch bemerkenswerter ist, wer sich dieser Debatte anschliesst. Frankreich, Italien, Spanien, die Niederlande und Litauen forderten Brüssel bereits im Mai zu einem härteren Kurs auf. Lange gehörte Deutschland zu den grössten Bremsern. Zu wichtig war der chinesische Markt für die deutsche Exportwirtschaft.
Doch die Verhältnisse haben sich verändert: Aus dem deutschen Handelsüberschuss gegenüber China wurde ein Defizit von rund 90 Milliarden Euro. Selbst Bundeskanzler Friedrich Merz (70) fordert inzwischen, Europa müsse seine Wirtschaft gegen Wettbewerbsverzerrungen verteidigen.
Europa übernimmt Trumps Diagnose
Hat Trump also am Ende recht gehabt? Die Frage wird in Europa heute deutlich weniger empört gestellt als noch vor wenigen Jahren. Tatsächlich übernimmt die EU zunehmend Trumps Diagnose – nicht aber seine Methode. Europa versucht, den Freihandel zu verteidigen, indem es ihn teilweise einschränkt.
Doch genau dort beginnt Europas Dilemma. Ein Handelskrieg nach amerikanischem Vorbild gilt als unwahrscheinlich. Zu gross wäre der wirtschaftliche Schaden. Wahrscheinlicher ist ein Mittelweg: gezielte Zölle auf sensible Branchen, strengere Kontrollen gegen subventionierte Importe und eine Industriepolitik, die europäische Hersteller stärkt.
Xi hat die stärkeren Karten
Doch selbst dieser Mittelweg birgt Risiken. China kontrolliert grosse Teile der weltweiten Verarbeitung seltener Erden und anderer kritischer Rohstoffe, die für Batterien, Windkraftanlagen, Halbleiter oder die Rüstungsindustrie unverzichtbar sind. Als Peking im vergangenen Jahr im Streit mit den USA Exportbeschränkungen verhängte, bekam auch Europa die Folgen zu spüren.
In Brüssel wächst deshalb die Sorge, dass Xi dieselben Mittel künftig gegen Europa einsetzen könnte. Die chinesische Führung warnt bereits offen vor einem Handelskrieg. Mehrere hochrangige Treffen mit der EU wurden kurzfristig abgesagt. Gleichzeitig verschärft Peking die Kontrolle über ausländische Unternehmen und erschwert es Konzernen, Lieferketten aus China abzuziehen. Europas Handelskammer in China warnt vor einem «beispiellosen Schaden» für europäische Firmen.
Genau deshalb verläuft die eigentliche Trennlinie in Europa nicht zwischen Freihändlern und Protektionisten. Die meisten Regierungen teilen inzwischen die Analyse, dass Europa seine Industrie besser schützen muss. Umstritten ist vielmehr, wie weit man dabei gehen will.
Die Prognose liegt auf der Hand: Xi macht aus Europas Freihändlern keine Trumpisten über Nacht. Doch er zwingt sie dazu, Instrumente einzusetzen, die lange als wirtschaftspolitisches Tabu galten.
Aus Angst vor Chinas wirtschaftlicher Macht wird Europa Stück für Stück protektionistischer – und damit Trump ähnlicher, als vielen in Brüssel lieb sein dürfte.